Spiele sind politisch – auch wenn das Entwickler oft nicht wahrhaben wollen

Lisa Fleischer 3

Wolfenstein 2: The New Colossus spielt in einer alternativen Realität, in der das nationalsozialistische Regime des Deutschlands der 1940er-Jahre den Krieg gewonnen hat und seitdem große Teile der Welt beherrscht. Laut Entwickler ist es trotzdem kein politisches Spiel. Doch können das Videospiele überhaupt sein – ein unpolitisches Medium?

Welchen Eindruck das neue Wolfenstein 2: The New Colossus bei uns hinterlassen hat, erfährst du in unserem Vorschau-Video.

Wolfenstein 2 – Unser erster Eindruck von der E3 2017.
Hinweis: Dieser Artikel ist ein Meinungsartikel, der den Standpunkt unserer Redakteurin widerspiegelt und nicht zwingend der Meinung der gesamten Redaktion entsprechen muss. Er erhebt keinen Anspruch auf eine universell gültige Wahrheit und deckt sich vielleicht nicht mit deinen eigenen Vorstellungen.

Für viele Spieler hat Politik nichts in Spielen zu suchen. Ob es nun Frauen in FIFA oder ein dunkelhäutiger Protagonist in Watch Dogs 2 sind: Viele sehen in Änderungen am Standard gleich die böse Annektierung der Spielindustrie von Politikern und Parteien, es wird gar behauptet, Entwickler dahinter hätten eine Agenda, wären „Social Justice Warriors“ oder schlicht „politisch korrekt“. Was dabei gerne übersehen wird: Jedes Spiel adaptiert zeitkritische Themen, die gesellschaftliche Relevanz haben oder zumindest populär sind, in anderen Worten: Politisch sind.

Da „Politik“ in jüngster Zeit immer mehr zu einem bösen Wort wird, das oft lieber vermieden wird, distanzieren sich sogar schon Entwickler davon, überhaupt nur irgendeine Botschaft in ihrem Spiel transportieren zu wollen. Als wir Tim Willits von id Software, die unter anderem für die Franchises Rage und Doom zuständig sind, darauf ansprechen, ob seine Spiele politisch seien, wehrt er lächelnd ab:

„Wir haben einen echt guten Job gemacht, wenn es darum geht, von Politik fern zu bleiben. Unsere Spiele sind leicht zu akzeptieren (…) und wir halten uns von Politik fern.“

Ach, und dann wäre da Wolfenstein, ein Shooter, der in einer alternativen Realität spielt, in der die Nazis weite Teile der Welt übernommen haben und du dich ihnen entgegenstellen musst. Obwohl es auf durch und durch politischen Ereignissen fußt, ist aber selbst Wolfenstein für id Software nicht politisch – aus dem einfachen Grund, weil es immer Spaß macht, Nazis zu erschießen, „egal auf welcher Seite du stehst.“

Unser Test zu Wolfenstein 2: The New Colossus

Was ist eigentlich Politik und warum ist sie unumgehbar?

Natürlich sollten sich Spiele – wie auch Medien im Allgemeinen – keinem Parteiprogramm verschreiben oder gar explizit in ihrem Werk für eine bestimmte Partei werben. Dass sie politisch sind, lässt sich jedoch kaum vermeiden. Schließlich ist Politik so viel mehr als das, was eine Partei oder eine Regierung beschließt. Schauen wir auf Wikipedia, ist da zu lesen, dass der Begriff alle sozialen Handlungen umfasst, die das menschliche Zusammenleben regeln – in welcher Form auch immer.

Da das menschliche Zusammenleben nun einmal einer der wichtigsten Punkte unseres Lebens ist, der uns tagtäglich beschäftigt, greifen natürlich auch Videospiele sie und damit Politik im Allgemeinen auf. Seien es die Organisationen, die die virtuellen Gesellschaften in World of Warcraft oder The Elder Scrolls: Skyrim regeln oder Zusammenschlüsse von Überlebenden, die in den Metro-Spielen anzutreffen sind: Sie alle haben ihre eigenen Regeln und Verbote, im Grunde ihre eigene Politik, die auf unser eigenes System referiert, es überspitzt und manchmal sogar kritisiert.

Ja, auch Milky Boobs ist politisch

Dabei muss es in den Spielen, die politisch sind, noch nicht einmal eine Partei oder Organisation geben, die mehr oder weniger thematisiert wird, es muss keine Agenda geäußert werden und noch nicht einmal explizit in gut und schlecht unterteilt werden – was die meisten Spiele aber sowieso machen, schließlich übernimmst du nicht gerade selten die Rolle des Helden und musst, wie in Doom, das Böse eliminieren.

Es gibt auch Spiele wie Milky Boobs, es ist so simpel, dass ich fast dazu verleitet bin, tatsächlich zu glauben, es wurde von „zwei Affen“ entwickelt. Letzten Endes findet sich durch die Darstellung von Frauen darin eine Botschaft, die spalten soll – und deutlich vermittelt, wen das Spiel hauptsächlich ansprechen soll: Heterosexuelle Männer, die sich „männlich“ fühlen wollen, die Feminismus unnötig finden, die nur ein bisschen Spaß mit Frauen haben wollen.

Damit wird die eigene Gemeinschaft gestärkt, indem andere ausgeschlossen oder zumindest als weniger ernstzunehmend dargestellt werden – Politik in Reinform. Das zeigt: So simpel ein Spiel auch wirken mag, bei der Entwicklung politische Themen zu umschiffen ist gar nicht so leicht.

Transparenz ist gefragt

Politik findet sich also auch in Spielen, die explizit politisch inkorrekt sind. Und auf der anderen Seite schrecken Entwickler davor zurück, ihr eigenes Spiel als politisch zu bezeichnen, weil sie Angst davor haben, als „politisch korrekt“ und „Social Justice Warriors“ bezeichnet zu werden, manche verzichten deshalb sogar auf diversere Charaktere. Wie also das Dilemma lösen, dass Spiele auf gesellschaftliche Probleme reagieren können, ohne einen Shitstorm zu riskieren?

Ein Ansatz wäre, das Kind beim Namen zu nennen. Nicht zu sagen, „quatsch, wir sind nicht politisch“, sondern offen zuzugeben, dass das eigene Spiel natürlich auf gesellschaftliche Thematiken referiert, weil einfach alles politisch ist. Genau diesen Weg wählt Life is Strange 2. Und das, ohne dass die Protagonisten eine Agenda verfolgen oder selbst politisch sind. Sean, einer der Hauptcharaktere, interessiert sich nicht die Bohne für Politik – und trotzdem wird er gleich mehrmals ihr Opfer, wird mit Vorurteilen, Benachteiligungen und ganz offenem Rassismus konfrontiert.

Unser Test zu Life is Strange 2

Später im Spiel begegnet er einem etwas verschrobenem politischen Aktivisten, der die Botschaft, die Life is Strange 2 anderen Entwicklern weit voraus hat, offen ausspricht. Er sagt zu Sean: „Alles ist politisch!“ Würde jedes Studio so offen mit dem Thema umgehen, würde sich etwas für den Spieler ändern? Wahrscheinlich nicht, sind doch Spiele schon heute politisch, auch wenn sie nicht als solche benannt werden. Zumindest könnten Entwickler dann aber endlich wieder das machen, was sie für richtig erachten, weil sie dies offen kommunizieren – anstatt wegen wütender Fans verschreckt zum Altbewährten zurückzukehren.

id Software ist auch für Doom zuständig, das 2016 neu aufgelegt wurde. Wie stark sich Doom im Laufe der Zeit verändert hat, siehst du in folgendem Artikel.

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8 Bilder
Doom früher und heute: So krass hat sich der Shooter entwickelt.

Die Politik in Wolfenstein

Und um noch einmal auf Wolfenstein einzugehen: Ich bin mir sicher, dass nicht jeder es liebt, auf Nazis zu schießen – Nazis finden das bestimmt nicht so prickelnd. Da id Software sie aber bestimmt nicht zum Wolfenstein-Fan bekehren kann, warum nicht einfach das Kind beim Namen nennen? Auch wenn es kein bestimmtes System in die Höhe lobt oder Werbung für eine bestimmte Partei macht, so sagt Wolfenstein doch zumindest, dass Diktaturen echt nicht cool sind – und das reicht schon völlig aus, um politisch zu sein.

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