Life is Strange 2 im Test: Auch unfreiwillige Roadtrips können wunderschön sein

Lisa Fleischer 3

Sean und Daniel Diaz führen ein ganz normales Leben – bis sie sich nach einem tragischen Vorfall zur Flucht gezwungen sehen. Obwohl sie anschließend von einer aussichtslosen Situation in die nächste taumeln, verlieren sie trotzdem nie ihre Hoffnung. Genau das macht Life is Strange 2 zu einer wunderschönen Erfahrung.

Inwiefern Life is Strange 2 mit dem ersten Teil in Verbindung steht und was die beiden Spiele voneinander unterscheidet, erklären wir dir im Video.

Life is Strange 2 – Das erwartet dich.
Hinweis: Da es sich bei Life is Strange 2 um ein Story-basiertes Spiel handelt und wir vor allem die Atmosphäre bewerten, ließen sich beim Schreiben leichte Spoiler leider nicht vermeiden. Entscheidende Momente finden im Test aber definitiv keine Erwähnung. Willst du absolut nicht gespoilert werden, sondern das Spiel unvoreingenommen genießen, empfehlen wir dir, direkt zum Absatz „Unser Test-Fazit zu Life is Strange 2“ zu springen. Ab dort brauchst du keine Angst vor Spoilern zu haben.

Eigentlich wollte der 16-jährige Sean nur zu einer Party. Seinen Rucksack hat er dafür schon gepackt: In ihm finden sich Chips, ein paar Getränke, eine Decke, falls es Abends kalt wird, und ein bisschen Geld, das er sich von seinem Vater geliehen hat. Doch dann kommt alles anders: Nach einem Streit mit dem Nachbarskind, das vom neunjährigen Daniel versehentlich mit Kunstblut beschmiert und dann auch noch blöd gefallen ist, rückt die Polizei an – beziehungsweise nur ein einziger Officer!

Der denkt, der Nachbarsjunge wurde brutal erstochen oder erschossen – wegen ihrer Hautfarbe verdächtigt er sofort Sean und Daniel. Dann kommt auch noch ihr Vater aus dem Haus, der sie vor dem voreingenommenen Polizist beschützen will. Er geht auf den Officer zu – und wird direkt von ihm erschossen! Zu hören ist dann nur noch, wie Daniel schreit, eine mysteriöse Kraft verwüstet die Umgebung. Aus Angst, für die Täter gehalten zu werden, flieht Sean mit dem bewusstlos gewordenen Daniel – der unfreiwillige Roadtrip der beiden Brüder beginnt.

Daniel: Ein (fast) echter kleiner Bruder

Im Vordergrund von Life is Strange 2 steht deutlich diese Geschwister-Beziehung zwischen Sean und Daniel. In einem Interview vor dem Release erzählen uns die Entwickler, dass sie einen besonderen Fokus darauf gelegt haben, den neunjährigen Daniel möglichst realistisch wirken zu lassen. Für ihn haben sie nicht nur gleich zwei Jungschauspieler engagiert, sondern auch die KI verbessert.

Das fruchtet bei mir tatsächlich sofort: Am Anfang, als die beiden noch in ihrem sicheren Zuhause sind, spreche ich als Sean kurz mit Daniel, der in seinem Zimmer steht und die Tür nur einen Spalt weit offen hat. Anschließend schlägt mein kleiner Bruder die Tür zu – nur um sie einen Moment später wieder zu öffnen, um in Erfahrung zu bringen, ob die Aktion bei mir gefruchtet hat. Dabei fühle ich mich unwillkürlich an meine eigene kleine Schwester erinnert, die im selben Alter sicherlich die gleiche Aktion gebracht hätte. Damit ist der Grundstein für die emotionale Achterbahn, die ich in den folgenden Stunden erleben sollte, gelegt.

Lerne, ein guter großer Bruder zu sein

Schließlich fällt die Aufgabe, Daniel zu erziehen, nach eurer Flucht in Seans und damit auch in deine Hand. Du kannst deinem Bruder Dinge beibringen, indem du mit ihm sprichst, er vertraut dir Anfangs, schließlich bist du sein großes Vorbild und seine einzige Hilfe in der Wildnis. Hinzu kommt, dass du Daniel zu bestimmten Aktionen anweisen kannst, die er dann für dich ausführt. Bislang sind diese noch ziemlich begrenzt, es ist aber vorstellbar, dass die Mechanik über die folgenden Episoden weiter ausgefeilt wird und neue mögliche Aktionen hinzukommen.

Daniel lernt aber nicht nur dann von dir, willst du ihm gezielt etwas beibringen – genauso wie er nicht alles Gelernte sofort in die Tat umsetzen kann. Er ist eben noch ein richtiges Kind – es liegt an dir, ob und wie er sich weiterentwickelt. Deshalb beschließe ich Anfangs, mich meinem Bruder zu liebe verantwortungsbewusst zu verhalten und an moralische Regeln zu halten. Bewusst klaue ich nichts, auch, wenn ich die Möglichkeit dazu hätte und die Ressourcen dringend benötigen würde. Trotzdem kommt es, dass sich Daniel von mir ein ganz bestimmtes schlechtes Verhalten abschaut, dass ich selbst nur im Notfall zeige.

Dafür kann ich ihm noch nicht einmal böse sein. Ganz ruhig erkläre ich ihm, dass  auch mein eigenes Verhalten letzten Endes falsch war. Ich bereue es – vor allem, weil ich Daniel doch eigentlich ein Vorbild sein möchte. Ich nehme mir vor, ein besserer Bruder zu sein. Schließlich muss ich als gutes Beispiel vorangehen, damit Daniel nicht auf falsche Bahnen gerät.

Erwachsen zu handeln ist gar nicht so leicht

Natürlich reicht es aber nicht, dass ich auf meinen kleinen Bruder aufpasse und ihm Dinge beibringe. Daniel will auch verpflegt werden. Er braucht genügend Essen, Trinken, einen halbwegs warmen Schlafplatz, ab und an ein Bad und natürlich Toiletten. Ein bisschen Geld für Notfälle solltest du zudem bei dir haben. Zum Glück hast du vor der Flucht schnell noch deinen Rucksack gegriffen, der für die Party gepackt war – viel ist darin allerdings auch nicht zu finden.

Und so wirst du vor die Entscheidung gestellt, ob du von deinem wichtigen Ersparten Snacks für Daniel kaufst oder ihn Beeren im Wald essen lässt; ob du ihn auf öffentliche Toiletten schickst oder an Bäume pinkeln lässt. Jede dieser Entscheidungen hat einen wichtigen Einfluss auf deinen Bruder, die perfekte Lösung gibt es nicht. Es gilt also, vorsichtig abzuwägen, immer mit der Frage im Hinterkopf, was wohl dein Vater tun würde.

Ebenso wichtig ist, dass deine Beziehung zu deinem Bruder aufrecht erhalten wird. Es geht hier um die kleinen Momente, mit denen du Daniel aufmunterst und zum Weiterlaufen animierst. Ignorierst du ihn zu oft, kann es sein, dass eure Beziehung einen Knacks bekommt, spielst du zu exzessiv mit ihm, ist es möglich, dass er zu wenig Schlaf abbekommt und später übermüdet ist. Wie es um eure Beziehung steht und welchen Einfluss deine Entscheidungen darauf haben, wird dir mit zwei kleinen Wölfen am Bildschirmrand angezeigt: Leuchtet der kleine Wolf auf, hat dein Bruder Spaß, der große Wolf steht für vorausschauende Entscheidungen, die nicht unbedingt Daniels Vorstellungen entsprechen.

Das alles ist sehr viel Verantwortung für einen 16-Jährigen. Wie schon in Life is Strange und LiS: Before the Storm ist also auch das Abenteuer vor Sean und Daniel eine Coming-of-Age-Geschichte. Sean muss trotz seines jungen Alters lernen, sich seinem Bruder zu liebe wie ein Erwachsener zu verhalten – auch wenn das bedeutet, dass er seine eigenen Bedürfnisse und Gefühle verbergen muss.

Die Liebe zum Detail ist atemberaubend

Trotzdem bläst Life is Strange 2 kein Trübsal. Immer wieder wird erwähnt, wie verspielt Sean und Daniel sind. Das zeigt sich nicht nur dann, spielen sie miteinander Verstecken oder Steine schnippen. Die beiden Brüder haben eine ganz besondere Beziehung zu ihrer PlayBox, die PlayStation der Life is Strange 2-Welt. Im Zimmer von Sean findet sich sogar ein Videospiel-Magazin. Und den unfreiwilligen Roadtrip macht Sean Daniel mit Anspielungen auf Minecraft schmackhaft, ein Spiel, das Daniel tagein, tagaus zockt. Sogar eine Anspielung auf The Last of Us lässt sich finden – hast du sie auch schon entdeckt? Eine weitere Verbindung zwischen den beiden Brüdern und mir – sie lieben Videospiele genauso wie ich.

Da Seans und Daniels Vater Mexikaner ist und die beiden eine etwas dunklere Haut-, Haar- und Augen-Farbe haben, spielt auch das Thema Rassismus eine große Rolle. Das fängt schon damit an, dass sich Sean und seine beste Freundin Lyla über den Wahlkampf in 2016 kritisch äußern, geht über den angesichts der beiden fremdländisch aussehenden Jungs überfordert ist und führt zu einem ganz offenkundigen Rassisten. Der wünscht sich die Mauer zwischen den USA und Mexiko, damit „solche wie ihr“ nicht mehr ins Land kommen können und beschuldigt die beiden Jungs zu unrecht, geklaut zu haben, obwohl sie beteuern, alles bezahlt zu haben.

Auf der anderen Seite steht ein offensichtlich verschrobener, etwas zwielichtig wirkender Reise-Journalist, der Sean erzählt, dass er versucht, „positive Veränderungen zu machen“. Sean fragt daraufhin schnippisch, ob er also politisch sei. Daraufhin fällt der so wichtige Satz, „alles ist politisch, Sean“, der das Spiel treffender nicht beschreiben könnte. Denn obwohl weder Daniel, noch Sean politisch interessiert sind, werden sie der amerikanischen Politik immer wieder zum Opfer – ob durch inkompetente Polizisten, rassistischen Bürgern oder einfach durch Vorurteile.

Mein Test-Fazit zu Life is Strange 2: Ausnahmsweise geht Story über Gameplay

Hinweis: Life is Strange 2 ist noch lange nicht am Ende angelangt – zu dem Release jeder weiteren Episode werden wir den Test weiter ergänzen. Da bislang noch nicht alle Episoden erschienen sind, handelt es sich bei unserer Wertung zudem noch um eine vorläufige, mit jeder weiteren Episode kann sie sich noch verändern.

Nach dem Ende von Life is Strange: Before the Storm schrieb ich, dass ich endlich mit der Geschichte von Max und Chloe abschließen konnte. Ein weiteres Life is Strange hätte es meiner damaligen Meinung nach nicht gebraucht. Nach der ersten Episode von Life is Strange 2 weiß ich jetzt aber: Nur weil die alte Geschichte zum Abschluss fand, braucht es die neue nicht weniger – den sowohl für mich als auch für die Protagonisten unfreiwilligen Roadtrip möchte ich heute nicht mehr missen.

Vielleicht hat sich am Gameplay nicht viel getan, auch vor wenigen grafischen Fehlern bleibt das Spiel nicht verschont, doch die Geschichte von Life is Strange 2 hat mich so gepackt, dass ich darüber getrost hinweg sehen kann. Natürlich gibt es den ein oder anderen Moment, der ein bisschen konstruiert wirkt, insgesamt ist die Story aber durch und durch gelungen, eben weil sie so unglaublich lebensnahe wirkt.

Du hast von den Tränen, die in Life is Strange 2 fließen, noch nicht genug? Diese Spiele sind genauso emotional:

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Obwohl ihre Situation kaum mit meinem eigenen Leben zu vergleichen ist, trifft mich die Geschichte von Sean und Daniel ganz besonders. Während ich bei den ersten Episoden der vorangegangenen Teile angetan, aber noch nicht emotional voll dabei war, geht mir Life is Strange 2 direkt nahe. Ich fühle mich an meine eigene Schwester erinnert und stelle mir unwillkürlich vor, was gewesen wäre, wäre ich mit ihr jemals in eine ähnliche Situation geraten.

Dieser Gedanke packt mich am Ende der Episode auf einmal so knallhart an der Schulter, dass ich meine Tränen einfach nicht mehr zurück halten kann. So überwältigt hat mich schon lange kein Spiel mehr – vor allem nicht auf so vielen Ebenen gleichzeitig. Während ich meine Emotionen verarbeite, fällt mir aber auf: So grausam die Welt aktuell auch sein mag, ein Fünkchen Hoffnung auf Besserung tragen die beiden Brüder trotzdem immer mit sich – genau wie ich.

Wird dir gefallen, wenn du dich emotional gut auf Spiele einlassen kannst, vielleicht selber großer Bruder oder große Schwester bist und dir schon der erste Life is Strange-Teil gut gefallen hat.

Wird dir nicht gefallen, wenn du dir Innovationen im Gameplay erwartest, mit langsamen Pacing nicht zurecht kommst oder glaubst, Spiele seien prinzipiell vollkommen unpolitisch.

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