World Magic Cup: Deutschland gehört endlich zur Weltspitze

Alexander Gehlsdorf

In den vergangenen Jahren war Deutschland nur eine Fußnote der professionellen Magic-Szene. Jetzt hat Kapitän Marc Tobiasch das deutsche Team zu einem historischen Ergebnis geführt.

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Magic The Gathering - Arena - Trailer.

Es gab eine Zeit, als Deutschland eine ernst zu nehmende Hausnummer in der professionellen MTG-Turnierszene war. Etwa um die Jahrtausendwende, als Kai „The German Juggernaut“ Budde mit sieben Pro-Tour-Siegen und ganzen 15 Grand-Prix-Top-8s das Spiel dominierte. Doch diese Erfolge liegen weit in der Vergangenheit. Mit lediglich drei deutschen Spielern in der Top 8 einer Pro Tour und einem neunten Platz beim World Magic Cup 2016 spielte Deutschland als Magic-Nation in den vergangenen Jahren nur eine untergeordnete Rolle. Bis jetzt.

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Ein historischer Erfolg

Die Wende kam im Mai 2017. In der Pro Tour Amonkhet erreichte der aus Bonn stammende Marc Tobiasch überraschend den sechsten Platz von ganzen 378 Teilnehmern. Sein Pro-Tour-Debut absolvierte er zwar bereits 2011, konnte seitdem aber maximal zweistellige Ergebnisse verbuchen, wenn überhaupt. Mit seinem sechsten Platz wurde er hingegen zu einem der wichtigsten und erfolgreichsten aktiven deutschen Pro-Spieler und führte als solcher das deutsche Team im World Magic Cup 2017 als Kapitän an.

Gemeinsam mit seinen Team-Kollegen Phlipp Krieger aus Ulm und Moritz Templin aus Kiel gelang es Marc tatsächlich am ersten Tag des Turniers den zweitbesten Rang zu erspielen und sich somit die Teilnahme am zweiten Turniertag zu sichern. Am Ende des zweiten Tages konnten die drei schließlich erfolgreich in die Top 8 des Turniers aufsteigen und somit bereits Geschichte schreiben — der neunte Platz des Vorjahres war die bis dahin beste Platzierung des deutschen Teams.

Das Halbfinale Deutschland gegen Polen:

2017 World Magic Cup Semifinals: Germany vs. Poland von Magic auf www.twitch.tv ansehen

Das Viertelfinale gegen die Slowakei verlief zunächst holprig. Anders als seine Team-Kollegen verlor Marc sein erstes Spiel, Krieger und Templin hingegen ihr jeweils zweites. Dennoch gelang es Templin das Spiel letztendlich für Deutschland zu entscheiden und einen Platz im Halbfinale zu sichern. In diesem konnte das Team zunächst einen Punktegleichstand erreichen — Das entscheidende Match verlor Tobiasch jedoch gegen den Polen Grzegorz Kowalski.

Im Finale unterlag Polen schließlich dem japanischen Trio, das sich den ersten Platz sichern konnte. Letztendlich konnte sich Deutschland aber dank Marc und seinem Team den dritten Platz erkämpfen und damit ein wichtiges Ziel erreichen: Deutschland ist im professionellen Turnierumfeld von Magic The Gathering wieder relevant!

Der Weg zum Erfolg

Entscheidend für den Erfolg ist vor allem die Auswahl der Decks. Da es sich beim World Magic Cup um ein Team-Event handelt, müssen statt einem gleich drei unterschiedliche Decks für das Turnier gefunden werden. Für zwei der drei Decks gab es eindeutige Favoriten, die von nahezu jedem der Teams gespielt wurden.

„Bei der Pro Tour Ixalan hatten sich im Vorfeld relativ eindeutig zwei Decks als die stärksten rauskristallisiert und daher bestand ein sehr großer Prozentsatz des Feldes aus diesen beiden Decks,“ erklärt Marc. Konkret handelt es sich dabei um das aggressive Ramunap Red Deck sowie diverse Variationen der weit verbreiteten Energie-Decks, die neben den regulären Mana-Quellen noch über eine sekundäre Ressource verfügen können.

„In der Regel wird versucht, ein Metagame zu erstellen. Dafür wird jedem Deck welches wir erwarten eine Prozentzahl zugeordnet wie oft es im Turnier auftaucht.  Der nächste Schritt ist dann, ein Deck zu finden, welches gegen die am häufigsten gespielten Varianten am besten dasteht. Es werden also viele Spiele in den verschiedenen Matchups gespielt und die Daten gesammelt und später verarbeitet, um das beste Deck für das Turnier herauszufinden.“  

Während Templin und Krieger die beiden bewährten Decks übernahmen, entschied Marc Tobiasch sich für ein vierfarbiges Control-Deck, das er in einem Spotlight-Video des Turniers vorstellen durfte:

2017 World Magic Cup: Inside Standard with Germany’s 4-Color Control von Magic auf www.twitch.tv ansehen

„Deutschland ist gehandicapt“

Im Vorfeld des Turniers sprach Marc Tobiasch darüber, warum es Deutschland in den vergangenen Jahren nicht leicht hatte und bei Turnieren tendenziell unterrepräsentiert war. Ein Faktor ist dabei vor allem, dass die einzelnen Communites in Deutschland arg zerstreut sind.

„Deutschland ist etwas gehandicapt, weil anders als in den meisten anderen Ländern die deutschen Spieler nicht in einer oder zwei Städten konzentriert sind. Dadurch sind Spieler mit Drang zum Kompetitiven in anderen Ländern im Schnitt besser vernetzt und können lokal leichter mit anderen guten Spielern spielen. Dadurch werden alle Beteiligten besser und motivierter. Ein gutes Beispiel für diesen Effekt ist Dänemark. In Deutschland sind die Spieler von Hamburg, über Berlin und Dortmund bis Nürnberg oder München sehr weit verstreut. In letzter Zeit haben sich allerdings mehr Deutsche für die Pro Tour qualifizieren können, mitunter auch wegen des neuen Bronze-Levels.“ 

Ein gute Vernetzung der professionellen Spieler ist jedoch entscheidend, um gemeinsam voneinander lernen zu können. So haben Marc und sein Team sich für die Vorbereitung auf den World Magic Cup etwa mit dem französischen und österreichischen Team zusammengetan.

Die Vorbereitungsphase für mich sieht im Schnitt so aus, dass man sich im Vorfeld elektronisch vernetzt und Ideen austauscht und sich dann mit dem Team (etwa 9-12 Leute) eine bis zwei Wochen vor dem Event persönlich trifft, meistens in der Stadt des Events. Für den WMC haben wir uns mit dem Team aus Österreich und Frankreich zusammengetan, deren Captains in meinen Team für die Pro Tour sind, sodass wir regelmäßig zusammen testen.  Man wird als Spieler am einfachsten besser, in dem man sich mit anderen gleich guten oder besseren Spielern austauscht. Ob sich das auf die Community im eigenen Laden beschränkt, oder man auf Grand Prix fährt und dort sich vernetzt und neues lernt.

Ein weiteres Handicap für deutsche Spieler ist allerdings auch, dass hierzulande seit 2012 keine Grand Prix Events mehr veranstaltet werden, also offene Turniere mit teilweise mehrere Tausend Teilnehmern. Schuld sind die strengen Gesetze rund um potentielles Glücksspiel, da den Gewinnern bis zu fünfstellige Geldpreise und Einladungen zur nächsten Pro Tour winken. Deutsche Spieler müssen aus diesem Grund in die Niederlande, nach Polen, Frankreich oder andere Nachbarländer reisen, um an den populären Turnieren teilzunehmen. Ob die jüngsten Erfolge des deutschen Teams daran etwas ändern können, bleibt abzuwarten.

Auch wenn die deutsche Gesetzgebung und Infrastruktur den Spielern hierzulande also Steine in den Weg legen, fängt die Reise für Marc Tobiasch und sein Team gerade erst an. „Wenn ich sie brauchte, waren sie für mich da,“ lobte er seine Mitspieler. Bereits dieses Wochenende stellt sich das Trio dem Team Grand Prix in Madrid, wie Marc Tobiasch auf Twitter verkündet. Das Event kannst du live auf Twitch verfolgen.

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