Nach dem ganzen theoretischen Gerede wollte ich nur kurz deine Aufmerksamkeit schärfen. Aber um Alien-Sex geht es gleich auch. Dass ich die Mass Effect-Trilogie sehr mag, ist vielleicht schon aufgefallen. Ich mochte das Spiel, ja, aber die Liebe zu dem Spiel und wie es meinen Blick auf Videospiele verändert hat, das hat einen langen Grind gebraucht. Mein neues Regelwerk war der initiale Ansporn, die Spiele noch einmal zu Spielen. Doch mein wirklicher Gewinn war nicht, es zu schaffen – sondern das, was ich über mich und Videospiele gelernt habe.

Ich bin ein „guter“ Spieler. Egal wie oft ich es durchgespielt habe; egal wie oft ich mir das Gegenteil vorgenommen habe: Ich konnte mich nie dazu durchringen, den „bösen“ Weg zu wählen. Meine Entscheidungen im Spiel fielen immer für das Wohl der anderen aus, ich habe jedem geholfen und versucht, jeden zu retten. Mit Ausnahme dieses arroganten Typen auf den Zwillingstürmen auf Illium in Mass Effect 2 – den Penner habe ich eiskalt vom Turm getreten. Jedes Mal. Aber ansonsten wählte ich immer den „guten“ Weg, was mich dazu brachte, über mich als Mensch nachzudenken und mich dazu anregte, meinen inneren Commander Shepard besser kennenzulernen.

Jedes Mal musste der arme Wachmann den Turm hinunter stürzen.

Warum es 600 Stunden gedauert hat? Nun ja, weil ich jedes Mal den Teil, den ich gerade spielte, von vorne angefangen habe, wenn ich eine der Regeln gebrochen hatte. Wo wäre auch sonst die Herausforderung gewesen? Mass Effect 1 habe ich drei Mal von vorn begonnen, bis ich es geschafft hatte. Beim ersten Mal starb ich im Kampf mit Saren gegen Ende des Spiels. Was habe ich geflucht. Mein zweiter Tod sollte die Schimpftirade aber noch übertreffen: Ich glitchte mit dem Mako durch die Oberfläche eines Planeten und starb. Was für eine Sche**ße! Der dritte Abbruch war der nicht ganz so ausgereiften Begleiter-KI geschuldet. Die machen manchmal einfach nicht, was ich ihnen sage und rennen in die Gegner, als wären sie unbesiegbar. Spoiler: Sie sind es nicht. Was habe ich gelernt? Geduld und Beharrlichkeit.

Den zweiten Teil schaffte ich in einem einzigen Versuch. Ich konnte mich besser vorbereiten, plante die Teamzusammenstellungen für jede Mission entsprechend der Gegner, die mich erwarteten – und recherchierte die beste Vorgehensweise. Was habe ich gelernt? Analysieren und planen.

Mass Effect 3 habe ich dann im zweiten Anlauf geschafft. Ich bin kurz nach dem ersten Drittel des Spiels von einem Rohling zerschmettert worden, weil ich schlichtweg eine schlechte Position gewählt hatte. Als ich das Spiel dann beendet hatte, ist eine große Anspannung von mir abgefallen und ich war glücklich. Was habe ich gelernt? Selbstreflexion und wie glücklich mich Videospiele machen können.

Ten Years of Mass Effect

Einen beachtlichen Teil der 600 Stunden verwendete ich dafür, Gegner durch die Level zu kiten und Planeten nach Rohstoffen, Gegenständen und all den Sachen zu durchsuchen, die für die Bereitschaftswertung des dritten Teils nötig sind.

Ein neuer Spieler? Ein neuer Mensch?

Ich wurde zu dem Spielertypen, der ich heute bin und es hat mir gezeigt, zu was Videospiele in der Lage sind. Meine Vorliebe für gute Geschichten in Videospielen entspringt diesem Grind. Mass Effect mit all seinen Charakteren und wie sie zueinander stehen, war für mich so glaubhaft und toll erzählt, wie ich es noch nie in einem Videospiel erlebt habe. Mir war vorher nicht klar, dass ein Spiel mich durch die Handlung und nicht durch das Spielen selbst so glücklich, so traurig und so wütend machen kann. Wut und Triumph kannte ich schon aus Counter-Strike, da waren aber andere Spieler oder ich selbst der Grund. Mass Effect berührte mich auf einer anderen Ebene. Nein, nicht der Alien-Sex. Ich litt und kämpfte auf der langen Reise mit den Figuren und lernte wie fantastisch Videospiele sein können.

Ihr beglückwünscht euch zu recht. Ich bin dir sehr dankbar Commander Shepard.

Ich lachte und feierte mit ihnen; ich wurde ein Teil der Crew. Und ja, auch die romantischen Beziehungen gehörten zum Gesamtbild der Geschichte dazu. Es war einfach glaubhaft, dass Menschen, Asari, Turianer und all die anderen Rassen in der langen Zeit Beziehungen zueinander aufbauten und diese auch körperlicher Natur sein konnten. Deswegen war der oft mit Witzen bedachte „Alien-Sex“ für mich ein natürlicher Teil der Beziehungen der Figuren und gehörte dazu. Für mich hatten nach all dem, was sie durchgemacht hatten, Shepard und Liara einander verdient. Womit wir beim noch mehr diskutierten Ende der Trilogie sind.

Ja, das ursprüngliche Ende war nicht gut. Für viele hat es die Reihe zerstört. Mir hat es auch nicht gefallen, aber es hat nicht dafür gereicht, das Spiel zu ruinieren. Es war trotzdem eine der besten Videospiel-Erfahrungen meines Lebens und sie hat in mir die Faszination für das gesamte Medium entfacht. Ich habe es als Kunstform begriffen und gesehen, welch großartige Narrative und tiefe Emotionalität möglich ist. Die genannten 600 Stunden beziehen sich übrigens nur auf die Herausforderungen. Wie hoch die Gesamtdauer ist, die ich in allen Mass Effect-Spielen verbracht habe, kann ich nicht einmal wirklich sagen. Sie dürfte aber im vierstelligen Bereich liegen.

Spieler grinden aus den verschiedensten Gründen und es ist in Ordnung, so etwas aus Leidenschaft für das Medium zu tun. Es kann das eigene Leben, so wie meines, bereichern. Grind kann die Quelle von beeindruckender Kreativität oder der Beginn einer eSport-Karriere sein. Es kann dabei helfen, Stress und Trauer zu bewältigen oder einfach mal den Kopf freizukriegen. Selbst wenn es dich einfach nur glücklich macht, was soll daran falsch sein?

Mich hat Mass Effect als Spieler geprägt und auch der Grind hatte einen großen und positiven Anteil daran. In welches Spiel hast du hunderte Stunden gesteckt und was hast du daraus, außer dem spielerischen Grund, mitgenommen?

Wie gut kennst du Mass Effect?

Du willst keine News rund um Technik, Games und Popkultur mehr verpassen? Keine aktuellen Tests und Guides? Dann folge uns auf Facebook (GIGA Tech, GIGA Games) oder Twitter (GIGA Tech, GIGA Games).