Metal Gear Solid 5 - Ground Zeroes Test: Der Vorbote der Zukunft

Robin Schweiger 20

Schaffen wir die notwendigen Zahlenspiele direkt aus dem Weg: Um alle Mission einmal durchzuspielen benötigte ich sechs Stunden, laut Hauptmenü hatte ich das Spiel zu diesem Zeitpunkt zu 26% durchgespielt. Wer also lediglich an der Spielzeit interessiert war, kann nun aufhören zu lesen – alle anderen erfahren nachfolgend, wieso sie „Ground Zeroes“ trotz diverser Kontroversen nicht verpassen sollten.

Zunächst eine Warnung: Falls ihr „Metal Gear Solid: Peace Walker“ noch nicht gespielt haben solltet, schließt dieses Fenster und kauft euch die HD-Collection. Bei „Ground Zeroes“ handelt es sich mehr um einen Epilog zu Peace Walker, als um einen Prolog zu „The Phantom Pain“. Zwar werden die Ereignisse des Vorgängers zu Beginn in einigen Texttafeln zusammengefasst, jedoch geht der Geschichte ohne die emotionale Bindung zu den Charakteren ein Großteil der Wirkung verloren.

Metal Gear Solid Ground Zeroes - Review.
Und das wäre verdammt schade, denn die Themen, die „Ground Zeroes“ behandelt, stellen für das Videospiel-Medium nahezu unbekanntes Terrain dar. Snake aka Big Boss infiltriert eine an Guantanamo Bay angelehnte US-Militärbasis auf Kuba namens Omega Camp, um dort seinen Kameraden Chico zu retten. Obwohl Chico noch ein Kind ist, wird er nicht mit Samthandschuhen angefasst: Der Junge wurde in der Vergangenheit gefoltert und „Ground Zeroes“ scheut sich nicht, die Folgen dieser Behandlung schonungslos aufzuzeigen.

In der Haupt-Mission ist nichts mehr übrig vom quirligen Humor der alten Spiele, die auch die ernstesten Themen mit einem Augenzwinkern rüberbrachten: „Metal Gear Solid V“ schaut tief in die menschlichen Abgründe und traut sich bereits mit „Ground Zeroes“ mehr, als man es Videospielen noch immer zutrauen würde. Sollten diese Themen mit „Phantom Pain“ genauso konsequent fortgesetzt werden, könnte das einen wichtigen Schritt für das gesamte Medium darstellen – weg von der genießerischen Verherrlichung von Gewalt, hin zur ernsthaften Auseinandersetzung mit deren Folgen.

Abgesehen von einem In- und Outro wird die Geschichte dabei ausschließlich mit Dialogen und auf verschiedene Arten auffindbaren Kassetten erzählt. In „Ground Zeroes“ steht nämlich im direkten Gegensatz zu seinen Vorgängern das Gameplay im Mittelpunkt, stundenlange Zwischensequenzen werdet ihr vergebens suchen.

Das Camp Omega dient dabei als eine einzige, gigantische Spielwiese. Mit verschiedenen Arealen, einer stark verteidigten Basis, verschiedenen Gefängnis-Arealen und vielen, im ganzen Camp verteilten Gebäuden, hält das Camp auch nach etlichen Stunden noch Überraschungen bereit. Zudem unterscheiden sich die Platzierung und das Verhalten der Wachen von Mission zu Mission.

Derer gibt es insgesamt sechs und während die Hauptmission mit schockierenden Bildern und Audio-Aufnahmen nur so um sich wirft, stellen die Alternativen eine sehr willkommene Abwechslung da, die mit dem altbekannten, selbstreferenziellen Humor daherkommen und einiges an spielerischer Abwechslung zu bieten haben. In einer dieser Missionen schwebt ihr etwa in einem Helikopter sitzend über der Basis, beschützt von dort einen fliehenden Verbündeten und müsst ihn abschließend am Boden extrahieren. Mein Favorit ist wohl die Sony-exklusive Deja Vu-Mission, die mit so viel Meta-Humor vollgestopft ist, dass es eine wahre Freude für jeden Fan der Serie ist.

Nachdem die Missionen abgeschlossen sind, seid ihr jedoch noch lange nicht fertig: Neben einem zusätzlichen Schwierigkeitsgrad schaltet ihr auch optionale Herausforderungen frei, die ihr bei den nachfolgenden Versuchen neben der Hauptaufgabe erledigen müsst. Dadurch wiederum schaltet ihr neue Kostüme, für die Geschichte relevante Kassetten und Waffen frei.

Damit dieses Konzept wirklich Spaß macht, wurde „Metal Gear Solid V: Ground Zeroes“ spielerisch runderneuert. Der Radar ist genauso Vergangenheit wie der Codec, statt schwerfällig von Deckung zu Deckung zu tapsen, sprintet und hechtet Snake nun agil wie nie durch die Gegend. Mit einem Fernglas lassen sich wie in „Far Cry 3“ Wachen markieren, so dass ihr eure Umgebung nun selbstständig erkunden und im Auge behalten müsst, statt einfach auf einen Radarschirm zu schauen. Lediglich die selbst regenerierende Gesundheit will nicht so ganz ins Konzept passen: Auf dem normalen Schwierigkeitsgrad ist es etwas zu einfach, vor um sich ballernden Wachen wegzurennen, sich in einer Ecke zu heilen und sie anschließend zu erledigen, auch wenn das mit ordentlichen Abzügen in der Abschluss-Bewertung verbunden ist.

Das neue Open World-Konzept geht insgesamt jedoch voll auf: Die Möglichkeiten, euer Ziel zu erreichen, werden nur durch euren eigenen Einfallsreichtum begrenzt. Einen Truck klauen und mit Schrittgeschwindigkeit unauffällig zu eurem Ziel fahren? Mit einem Panzer die gesamte Basis zerlegen, um anschließend unter gegnerischem Feuer euren Helikopter zu Richard Wagners „Walkürenritt“ zu rufen und mit der Ziel-Person über den Schultern an Bord zu hechten? Ohne Waffen und unentdeckt durch Schächte und über Häuserdächer schleichen? Das ist euch überlassen – um wirklich alles zu sehen, was „Ground Zeroes“ zu bieten habt, werdet ihr viele, viele Stunden benötigen.

Grafisch ist „Metal Gear Solid V“ trotz seiner Xbox 360- und PS3-Brüder ohne Frage ein Next-Gen-Titel. Die Lichteffekte und Charakter-Details ließen mir auf der Playstation 4 regelmäßig die Kinnlade herunterklappen. Ganz besonderes Lob verdient Kojima für die Regie der Zwischensequenzen:  Alle Missionen  werden in einer einzigen, kontinuierlichen Kamera-Einstellung gezeigt. Weder in den Cutscenes selbst, noch beim Übergang zum Gameplay wird geschnitten. In den Sequenzen bleibt die Kamera immer mitten im Geschehen, sodass es tatsächlich so wirkt, als würde ein real existierender Kameramann das Aufnahmegerät durch die Gegend tragen. Wer Alfonso Cuarons „Children of Men“ gesehen hat, kann sich davon in etwa eine Vorstellung machen.

Diese sehr nüchterne Herangehensweise lässt die Brutalität nur umso verstörender erscheinen. Tatsächlich wirkt „Metal Gear Solid V: Ground Zeroes“ erschreckend realistisch.

Fazit:

Eine bessere Werbung als „Ground Zeroes“ hätte es für „Metal Gear Solid V: The Phantom Pain“ wohl kaum geben können. Die Serie macht spielerisch einen riesigen Schritt nach vorne und traut sich, Themen zu behandeln, die für das Medium bisher Tabu zu sein schienen.

Nun verspüre ich in erster Linie den unbedingten Willen, „The Phantom Pain“ in den Händen zu halten. Wer jedoch eine eigenständige Geschichte mit einem befriedigenden Abschluss erwartet, der wird unweigerlich enttäuscht werden – wer „Ground Zeroes“ kauft, der muss auch „The Phantom Pain“ vorbestellen. Als eigenständiges, losgelöstes Produkt funktioniert die Handlung nicht.

Dass viele „Ground Zeroes“ auf die Spielzeit seiner Hauptmission herunter brechen möchten, ist ein wenig deprimierend. Sicher, dieser Epilog/Prolog ist zunächst einmal ein Appetitmacher für die später kommende Hauptspeise - dieser schmeckt jedoch so unheimlich gut, dass er sein Geld allein schon wert ist.

Zu den Kommentaren

Kommentare zu diesem Artikel

Weitere Themen

Neue Artikel von GIGA GAMES

  • Cyberpunk 2077 bringt einen Hardcore-Modus mit sich

    Cyberpunk 2077 bringt einen Hardcore-Modus mit sich

    In Cyberpunk 2077 kannst du dich der ultimativen Herausforderung stellen. Wie die Entwickler verraten haben, wird der Shooter auch mit einem Hardcore-Schwierigkeitsgrad daherkommen, der dir sämtliche Features raubt, die dir in irgendeiner Art und Weise im Spiel helfen.
    Marvin Fuhrmann 1
  • Der erste Trailer zur Witcher-Serie auf Netflix ist da

    Der erste Trailer zur Witcher-Serie auf Netflix ist da

    Lang haben wir gewartet, jetzt ist es endlich soweit: Nach einigen Bildern zur neuen Netflix-Serie zu The Witcher gibt es nun einen ersten Trailer. Dieser zeigt neben Geralt auch die brutale Welt und zahlreiche Handlungsstränge der Geschichte.
    Marvin Fuhrmann
  • Spiele, die dich fürs Bösesein belohnen

    Spiele, die dich fürs Bösesein belohnen

    Warum werden Protagonisten in Spielen eigentlich immer dazu aufgefordert gut zu handeln? Es wäre doch wesentlich interessanter die Wahl zu haben, ob du dich moralisch einwandfrei oder eher fragwürdig verhältst. Wir von GIGA GAMES haben eine Liste mit Spielen zusammengestellt, die dich selber darüber entscheiden lassen und dich für böse Handlungen belohnen.
    Steffen Marks
* Werbung