„Wenn man heute an das Genre denkt, hat man häufig Dystopien und Bilder einer vernichteten Welt vor Augen. Bei mir ist das anders. Ich denke an Utopien, wie sie von Isaac Asimov oder Arthur C. Clarke beschrieben wurden. Damals hattest du unglaublich grelle Buch-Cover und hast dir vorgestellt, wie du den wunderschönen Sonnenaufgang auf einem fremden Stern miterlebst. Das macht Science-Fiction für mich aus.“ So beschreibt Sean Murray, Chef-Entwickler von No Man’s Sky, seine Vision für das Spiel gegenüber Red Bull. Worauf man nun antworten könnte: Okay. Hat Sean Murray also einen anderen Geschmack als der Mainstream, wenn es um Science-Fiction geht? Was ist denn das Problem daran, dass wir heute eher auf Dystopien stehen?

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Bildquelle: IB Times

Murray überlegt auch, warum Dystopien heute das Genre dominieren: „Unsere Gesellschaft spiegelt sich darin wider. Man muss sich vorstellen, dass die Menschheit das letzte Mal 1972 auf dem Mond war. In den Sechzigern und Siebzigern waren die Menschen fasziniert von Technologie. Der Glaube an die Schaffenskraft und an den Fortschritt war enorm. Man hat von fliegenden Autos, Hoverboards und so viel anderem geträumt. Doch genau darauf warten wir heute immer noch. Damals war das eine tolle Zeit. Star Trek, Star Wars oder 2001: Odyssee im Weltraum entstanden. Man blickte optimistisch und voller Zuversicht in die Zukunft.“

Und genau hier liegt die Crux: Wie Murray richtig feststellt, spiegelt Science-Fiction unsere Gesellschaft wieder. Der nächste Schritt ist nur impliziert: Dasselbe passiert auch umgekehrt. Science-Fiction, wie jede Art von Kultur, beeinflusst uns, unsere Mentalität, unser Leben. Ein anschauliches Beispiel: Durchs Internet kursierte vor einer Weile ein Meme, das angeblich zeigt, wie Star Trek die Zukunft „vorausgesagt“ hätte:

star trek
Bildquelle: We Know Memes

Das ist natürlich Quatsch. Star Trek hat die Zukunft nicht vorausgesagt. Star Trek und andere Sci-Fi-Werke haben ihren Teil dazu beigetragen, dass es diese „Zukunft“, in der wir heute leben, so überhaupt gibt.

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Science-Fiction gilt als die „Literatur der Ideen“ (heute wohl auch das Kino, Fernsehen und die Videospiele der Ideen). In guter Science-Fiction muss es immer um Ideen gehen. Vor manchen Ideen müssen wir gewarnt werden, deshalb gibt es Dystopien. In anderen Ideen müssen wir bestärkt werden, ermutigt, sie zu verfolgen. Und wieder andere müssen erst gepflanzt werden.

Was im 20. Jahrhundert Arthur C. Clarke und Isaac Asimov, Buck Rogers und Doctor Who, Gene Roddenberry und Douglas Adams geleistet haben, hat eine ganze Weile so gut wie niemand geleistet: uns inspirieren, uns eine alternative, positive Zukunft zu den vielen Dystopien aufzeigen.

Mittlerweile gibt es allerdings zaghafte Bemühungen, einen kleinen Trend, auch diese Funktion der Science-Fiction wieder zu erfüllen. Da ist der sträflich unterschätzte, willentlich missverstandene Film Tomorrowland, eine Anklage gegen die Science-Fiction der letzten 15 Jahre (und der bisher wohl wichtigste Sci-Fi-Film dieses Jahrtausends); Romane wie Becky Chambers’ The Long Way to a Small Angry Planet, Serien wie das neue Doctor Who; und selbst das rebootete Star Trek findet mit dem dritten Film so langsam zurück zu Gene Roddenberrys Vision von positiver Science-Fiction.

tomorrowland

Und dann sind da ein paar Videospiele, zuletzt zum Beispiel RimWorld mit seiner geschlechts- und rasseblinden Gesellschaft; und eben No Man’s Sky, der bisher wohl transparenteste, direkteste Versuch, positive Science-Fiction wiederzubeleben. No Man’s Sky ist genau das, was die Science-Fiction gerade braucht - nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Wenn ihr jetzt fragt, ob positive Science-Fiction immer langweilig sein muss, lautet die Antwort: Nein, aber für sein konkretes Ziel muss No Man’s Sky ein bisschen langweilig sein. No Man’s Sky nimmt die Bezeichnung „Science-Fiction“ wörtlich. Mehr dazu auf der nächsten Seite.