No Man's Sky ist mehr denn je das Spiel, was es eigentlich sein sollte

Marina Hänsel 2

Während konstante Updates das Universum von No Man’s Sky fluten und verändern, wächst aus dem Sci-Fi-Epos mehr denn je ein Meisterwerk, ein Klassiker und schließlich jenes Spiel, das es eigentlich sein sollte: Eine ludische Lektion in Einsamkeit und Ehrfurcht.

Im Weltraum sind wir allein. Und wo auch immer du dich befindest, welches Leben du auch führst; es gibt keine derartig essentielle Einsamkeit, wie die in den Weiten des Alls. Es gibt kein einmaliges Zuhause, keine einzige Gesellschaft und keine festgelegten Lebewesen; es gibt die Dunkelheit, das, was du bei dir hast und es gibt dich, neben der Unendlichkeit: Entfernte Welten, Gesellschaften und Orte, die ein Zuhause sind, aber nicht dein Zuhause. Deine Welt. Deine Konstanten, die du dir baust und die dich schützen, als würdest du nicht auf einem Erdball durch das Nichts in das Nichts rasen.

Du existierst, weil etwas anderes um dich herum existiert, das du mit dir vergleichen kannst. Wie könntest du dir bewusst sein, wäre es anders? Wäre um dich herum nichts, gebe es auch kein Du, kein Ich. Das ist nicht nur eine philosophische These, sondern eine Wahrheit, die wir uns alle vorstellen können. Im All nun, in der Dunkelheit; denn da oben siehst du keinen riesigen Sternenhimmel – da ist nichts. Bist du allein dort, in einem kleinen Raumschiff, bist du über die weitesten Strecken auf deiner Reise mit dem puren Nicht-sein konfrontiert. Und das ist eine Erfahrung, die wir uns wiederum nicht vorstellen können, und vielleicht auch nicht wollen.

Oder?

No Man’s Sky kann diese Erfahrung ebenso wenig replizieren. Es ist ein Spiel angefüllt mit etlichen rein ludischen Mechaniken, Leben auf fast jedem Planeten, bewusstem Leben und einer Geschichte, die dich auf seltsame und direkte Art an die Hand nimmt. Du musst ihr natürlich nicht folgen – aber du tust es womöglich, denn was wäre der Sinn dahinter, einzig durch das Nichts zu reisen?

Vielleicht Einsamkeit und Ehrfurcht. Denn ich glaube, dass No Man’s Sky, nach all den Updates, all den Erweiterungen und kleinen Verbesserung so langsam das Spiel geworden ist, was es schon immer sein sollte: Eine halbwegs ertragbare, zu einem winzigen Teil vergleichbare Erfahrung einer Reise durch das Nichts. Wir fühlen uns nicht derart einsam, isoliert und allein in No Man’s Sky, das wir an unserer Existenz zweifeln, aber wir sind einsam. Melancholisch. Und voller Ehrfurcht und Awe gegenüber den Wundern dieses endlosen Universums, das uns an die Hand nimmt. Zum Glück möchte ich sagen, denn nur wenige von uns würden wohl tatsächlich das ertragen können, was das reale Universum bietet. Aber genau das ist der Sinn von Spielen richtig? Jenes erforschen zu können, was außerhalb der Spielregeln nicht erforscht werden möchte.

 Der Fiebertraum

Wir sind alle aufgewacht. Nachdem der Fiebertraum von No Man’s Sky zuerst von Hello Games‘ Sean Murray und später den Fans genährt wurde, ist er aufgebrochen und verendet, im Shitstorm gegen ein unfertiges Spiel. Kein unschuldiges, um das klarzustellen. Es gibt keinen Grund zu leugnen, wie viel sich in No Man’s Sky seit Release verändert hat; wie wenig es heute dem Produkt ähnelt, das 2016 in den Läden landete.

Hello Games hat alles darangesetzt, die eigenen Sünden zu sühnen. Über etliche kostenlose Updates, die Implementierung jener Wünsche der Fans, die machbar waren – und schließlich auch indem sie nicht aufgegeben haben. Es gibt kaum eine nettere, dankbarere Community, als sie No Man’s Sky hat, und das mag auf den ersten Blick ungewöhnlich sein. Sind das noch immer jene wenigen Spieler, die nie enttäuscht vom Spiel gewesen sind? Vielleicht.

Denn das sind mitunter auch diejenigen, die den Fiebertraum nie geträumt haben. Die mit objektivem Blick einem Spiel entgegensahen, das irgendwann diesen einen Moment der Unwirklichkeit reflektieren könnte. Einen Moment, den Science-Fiction-Autoren in ihren Geschichten preisen, den die großen Klassiker des Genres allzu oft einfangen: In einer bizarren Langsamkeit in 2001: Odyssey im Weltraum von Stanley Kubrick; im entrückten Ende von Christopher Nolans Interstellar. Nun sind weder die inhärente Melancholie von No Man’s Sky, die etlichen einsamen Stunden, die Poesie noch die Spielmechaniken –  erforschen ohne Ziel, grinden und das mit einem recht komplexen Loot-System – jene Dinge, die Hello Games zu Anfang versprachen. Oder jene Dinge, die begeisterte Spieler auf der ganzen Welt glaubten, von Hello Games gehört zu haben.

Der Fiebertraum ist nicht wahrgeworden, wird niemals wahr werden; denn No Man’s Sky war und sollte nie ein Spiel sein, das einer Masse an Gelegenheitsspielern gefallen wird. Genauso, und ich glaube das ist gar kein so holpriger Vergleich, wie das Star Trek-Universum ein Klassiker ist, aber nie zum Popstar gewählt werden würde. Was genau ist No Man’s Sky also jetzt, wenn nicht das, was wir uns erträumten?

Du hast einen Moment Zeit und Lust, mehr über No Man’s Sky zu erfahren? Ich habe einen Artikel über No Man’s Skys ARG (Alternative Reality Game) Waking Titan vor einiger Zeit geschrieben. Waking Titan ist exakt das, was No Man’s Sky weg von der Masse und in die Ecke jener seltsamen Sci-Fi-Klassikern verfrachtet, zu denen es mittlerweile gehört.

Der wachsende Klassiker

No Man’s Sky hat die Unendlichkeit noch nicht erreicht. Neue Inhalte fluten das Spiel beinahe jedes Quartal, wenn nicht sogar öfter; und sie ergeben Sinn in jenem Sci-Fi-Klassiker, das dieses Spiel werden könnte. Du kannst mittlerweile unterwasser Behausungen bauen, Raumkreuzer-Flotten befehligen, mehrere Hauptmissionen und etliche kleinere Quests abschließen. Du kannst mit Freunden spielen, und es funktioniert gut. Du kannst Stargate-ähnliche Tore benutzen, um ans andere Ende der Galaxie zu reisen, du kannst mit deinem Motorrad über jeden einzelnen Planeten rasen, und du kannst Lebensformen antreffen, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat. Und sie werden nicht alle gleich aussehen.

Es lauern horrende Wesen in den Meeren von No Man’s Sky:

No Man's Sky - The Abyss Trailer (PS4).

Dennoch ist es einsam. Dennoch überkommt mich im Spiel allzu oft ein gewaltiges Gefühl von Ehrfurcht, ein Prickeln im Nacken, eine erstarrte Gedankenlosigkeit, wenn ich eine gänzlich neue Galaxie als erster zu Gesicht bekomme. Sie sind wunderschön. Die Galaxien, aber auch die Planeten, ebenso wie der Algorithmus dahinter. Und sie werden noch schöner, weswegen ich glaube, dass es nur eine Frage der Zeit ist. Bis No Man’s Sky als Klassiker ins Science-Fiction-Genre eingeht, und das zu Recht.

Das geht in No Man’s Sky? Ja, das geht:

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14 versteckte Mechaniken in No Man's Sky, von denen du noch nichts wusstest.

Oder eine Frage, wann Star Citizen das endliche Licht der Welt erblickt. Unter den großen Spielen gibt es keinen einzigen Konkurrenten zu No Man’s Sky; zu dem, was es verkörpert und was es sein kann – außer Star Citizen. Ich nehme an, dass sich beide Spiele genug voneinander unterscheiden, um durchaus nebeneinander zu existieren. Genauso wie ich glaube, dass Star Citizen – wenn es ein bisschen das ist, was ich glaube schon gesehen zu haben – gleichermaßen diesen seltsamen Moment an Einsamkeit auffängt, wie No Man’s Sky. Also ja, womöglich geht die Ära No Man’s Sky mit Star Citizen unter, und das wohl auch zu Recht.

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