Open World ist die verführerischste Lüge der Videospiel-Industrie [Kolumne]

Marina Hänsel

Open World ist eine Idee, ein Wunsch und ein Versprechen: Nach einer geheimnisvollen Fremde, nach endlosen Welten, die deine Neugier befriedigen sollen, und schließlich – nach etwas Echtem. Lebendigem, freiem. Das Versprechen der Videospiel-Industrie, Freiheit zu bieten, ist ein relativ junges und deswegen ein umso verführerischeres.

Nichts ist verführerischer als eine Lüge in gegenseitigem Einverständnis.

Oh shit, muss ich wirklich all diese Banditen-Camps auslöschen?“ – Du und ich kennen den Moment, wenn der erste Zauber einer Open World im Sande verläuft. Wenn NPCs ihre Routinen allzu offensichtlich zeigen, wenn jedes Banditen-Camp nur Teil einer Endloskette zu sein scheint, wenn du immer mehr jene Dinge siehst, die du nicht tun kannst – als jene, die dir freistehen.

Spiele wie Red Dead Redemption 2 können ihre Zaubershow derart lange aufrecht erhalten, dass du womöglich nie hinter den Vorhang schauen darfst oder möchtest. Spiele wie Fallout 76 können im Laden noch mit ihrem Versprechen nach Freiheit werben, aber nach wenigen Stunden im Spiel ist die Katze aus dem Sack: Die Open World ist zu groß, zu klein, zu langweilig, zu leer; sie ist nicht gewaltig oder lebendig, du bist nicht frei oder in einer Welt, in der dir alle Möglichkeiten offenstehen.

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Open-World-Games: Die 15 besten Zeitfresser.

Du kannst alles sein, was du möchtest.

Für welchen Weg wirst du dich entscheiden?

Du wirst diese wunderschöne Welt erkunden wollen, aber gib Acht: Sie ist gefährlich.

Du wirst in der heutigen Zeit nie in einem Spiel alles sein können, was du möchtest. Du wirst nur aus den Wegen wählen können, die dir gegeben worden. Und ob die Welt wirklich wunderschön ist, entscheidet weder alleinig die Grafik, noch die Größe der Open World. Aber welch wunderschöne Versprechen das sind, nicht? Welch wundervolle Träume wir träumen dürfen, wenn Spiele wie das nächste The Elder Scrolls mit Bildern und Videos werben. Wenn Cyberpunk 2077 in der Peripherie der Kommenden-Blockbuster-die-irgendwann-erscheinen schwebt, all seine Versprechen und Möglichkeiten noch offen und angereichert mit den Wünschen der Spieler.

Von Hühnern und anderen Lügen

Schließlich ist ein Spiel immer dann am schönsten, wenn es noch nicht erschienen ist. Ich erinnere mich gut an The Elder Scrolls 5: Skyrim, für das ich mir Ende 2011 zum Release extra einen brandneuen Fernseher gekauft habe. Ein wenig alt fühle ich mich schon, wenn ich mir vorstelle, wie lang das her ist – 8 Jahre! Und dennoch ist die Erinnerung an diesen besonderen Abend des Release-Tages noch seltsam frisch: Ich sitze mit meinen zwei besten Freunden und einer geöffneten Flasche Sekt vor meinem frisch gekauften Fernseher, den ich gerade erst aufgestellt habe; die abgerissene Verpackungsfolie der CD-Hülle irgendwo zu unseren Füßen.

Die Musik beginnt zu spielen und ich fühle mich fast, als würde ich gleich anfangen zu weinen – wie lange haben wir darauf gewartet! (Gar nicht so lange, wenn man sich Bethesdas heutige Pläne für den nächsten Teil anschaut). Was passiert also? Ich erstelle über eine Stunde einen neuen Charakter, erlebe die ersten Szenen in Skyrim, laufe in ein Dorf und schlage ein Huhn – ich weiß nicht mehr genau, warum. Damals schien es mir eine gute Idee zu sein. Natürlich war es aber eine ziemlich schlechte Idee, denn das gesamte Dorf hielt es anschließend für notwendig, meinem noch sehr frischen Leben ein Ende zu bereiten. Ich hatte nicht gespeichert, und ich habe Skyrim erst ein paar Wochen später wieder angefasst.

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The Elder Scrolls 6: Redfall – Ich schmökere in den wildesten Theorien um Release, Setting & Story.

Nicht, weil ich derart viel Fortschritt verloren hätte (was ich nicht hatte). Sondern weil Skyrim hier gleich zu Beginn die Grenze gesetzt hat: Erwarte nicht, dass diese Open World realistisch ist und den Zauber in vollem Maße aufrechterhalten wird. Hör auf zu träumen. Das habe ich. Dann hat mir das Spiel die nächsten Jahre über wieder sehr viel Spaß gemacht.

The Elder Scrolls nun, um das Thema abzuschließen, gehört dennoch zu den besten Beispielen für eine Welt, die doch recht nahe an den Alles ist möglich!-Zauber heranschleicht. Immerhin konnte ich das Huhn angreifen, selbst wenn die Reaktion der Umwelt darauf ein wenig paranoid und übertrieben gewesen ist. Natürlich ist auch in Skyrim nicht alles möglich, aber zumindest doch vieles. Die Prämisse der eigenen Story, die du im Spiel für dich selbst erschaffen musst, ist dabei nur förderlich.

Was ist mit No Man’s Sky? Das Science-Fiction-Spiel ist das Paradebeispiel der Open World-Lüge, obwohl es seine Schulden über die Jahre hinweg tilgen konnte – bis ihm von den meisten vergeben wurde. Zu Recht, wenn du mich fragst, denn No Man’s Sky bietet mittlerweile nicht nur eine tatsächlich einzigartige Welt. Auch ist der Traum der unendlichen Freiheit im Sandbox-Universum lange ausgeträumt. Wie aber konnten wir dem jemals Glauben schenken? Hätten wir nicht wissen müssen, dass das No Man’s Sky-Versprechen unmöglich einzulösen ist?

No Man’s Sky ist nie zu dem Spiel geworden, das es einst versprochen hat. Und dennoch hat es sich über die Jahre hinweg zu etwas Besonderem entwickelt:

No Man's Sky - Visions Trailer - neue Update-Version verfügbar.

Es scheint, als vergessen wir alle Logik und Rationalität, sobald es um Videospiele geht. Und das wiederum liegt auch am Alles ist möglich-Versprechen, das stets um dieses neue Medium und die neue Technik herumschwirrt. Schließlich ist es wohl schön, dass wir noch träumen können – wenngleich wir dazu verdammt ist, oftmals enttäuscht zu werden.

Lüge auf Nachfrage: Wir sollten aufpassen, was wir uns wünschen

Ich habe nichts dagegen, zu träumen. Im Gegenteil: Ich liebe den Hype um einen vielversprechenden Titel; ich liebe es, mich in Reddit-Foren zu suhlen und meine Zeit jeder noch so kleinen neuen Theorie um diesen oder jenen Aspekt zu widmen. Es mag eine destruktive Art sein, mit Videospielen umzugehen, schwingt doch stets ein wenig Enttäuschung mit jedem Anspielen dieser Titel mit.

Wirklich destruktiv ist aber die Nachfrage nach diesen Träumen. Entwickler und Publisher reagieren einzig auf deine und meine Nachfrage, wenn sie das nächste Open-World-Spiel auf den Markt werfen; wenn sie Freiheit und Kreativität und wunderschöne, gigantische Welten versprechen. Deutlicher wird es, wenn der nächste Teil einer bis dato halbwegs linearen Spiele-Reihe plötzlich offener wird: Dragon Age Inquisition, God of War, die Tomb Raider-Reboots, Metro Exodus, Mass Effect: Andromeda.

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10 Spiele, die keine Open-World gebraucht hätten.

Manchmal funktioniert die teils offene Welt, manchmal gehört sie wie in Metro Exodus zur Story dazu. Manchmal ist sie Dragon Age: Inquisiton und Mass Effect: Andromeda. Manchmal zieht sie das Spiel auf unnötige Weise derart in die Länge, dass die eigentlich gute und intensive Geschichte an Intensivität verliert – sie wird flach, ausgebleicht und schwingt aus dem Fokus des Spiels.

Wie viel besser wäre Inquisition ohne die riesigen Maps gewesen? Ich weiß es nicht, da ich noch immer Böcke im Hinterland jage. Wie viel besser wäre Mass Effect: Andromeda ohne sie gewesen? Wie viel besser wäre Fallout 76 mit mehr Story, mehr NPCs und weniger Open World gewesen? BioWare wird schauen müssen, ob sie die spektakulär leere Welt von Anthem jemals wirklich füllen können. Cyberpunk 2077 scheint auf einem guten Weg zu sein; wenig Masse, mehr Qualität. Aber wir werden es sehen, richtig? Der Traum von Cyberpunk ist im Moment derart gigantisch, dass eine gewisse Enttäuschung auch hier nicht fehlen wird.

Das Ding ist, dass Entwickler und Publisher uns genau das geben, was wir wollen: Träume von unrealistischen Spielen, allen voran angefüttert mit einer Lüge von Open World und Freiheit. Es ist wie in der Politik: Gewählt wirst du nur, wenn du das versprichst, was alle wollen. Ob es nun möglich oder umsetzbar ist, oder umgesetzt werden sollte – das steht auf einem anderen Blatt.

Was wirst du sein, Dragon Age 4? Und was wirst du uns im Vorfeld versprechen?

Dragon Age Official Teaser Trailer - 2018 Game Awards.

Und so drehen wir uns im ewigen Kreis von Angebot und Nachfrage, verführt von jenen Träumen, die verkauft werden und enttäuscht, wenn sie nicht das einhalten können, was sie versprechen. Wirklich schade ist aber, dass gerade wegen jener Nachfrage Entwickler und Publisher immer weiter all diese tollen Träume in ihr nächstes Spiel packen wollen, bis es vor lauter Ideen überquillt. Ob die nun passen oder nicht. Ob sie das Spiel nun besser machen oder nicht.

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