Warum der Hate gegen No Man's Sky nur von eigenen Fehlern ablenkt

Martin Eiser 11

„Vorfreude ist die schönste Freude“ – das scheint im Fall von No Man’s Sky den Nagel auf den Kopf zu treffen, wenn auch mit anderer Gewichtung. Über das Spiel hagelte es massive Beschwerden, und einige verlangten selbst nach über 50 Stunden Spielzeit noch ihr Geld zurück. Doch wurden sie tatsächlich betrogen? Oder ist es eher der Ärger darüber, nicht auf die Fakten gehört zu haben? Eine Kritik der Kritik.

Warum der Hate gegen No Man's Sky nur von eigenen Fehlern ablenkt
Hinweis: Dieser Artikel ist ein Meinungsartikel, der den Standpunkt unseres Redakteurs widerspiegelt und nicht zwingend der Meinung der gesamten Redaktion entsprechen muss. Er erhebt keinen Anspruch auf eine universell gültige Wahrheit und deckt sich vielleicht nicht mit Deinen eigenen Vorstellungen.

Es gibt in der Gaming-Community ein paar sehr vorhersehbare Prozesse, die sich immer und immer wiederholen: Wird ein Spiel mit einem coolen Trailer angekündigt, läuft der Hype ganz langsam an. Je weniger konkret die Entwickler sind, desto eher findet die Spielerschaft in den Aussagen genau das wieder, was sie hören will. Und so steigt die Begeisterung auf das, was da kommen mag, unaufhörlich weiter. Irgendwann scheint sich dieser Hype von der Realität völlig zu entkoppeln und die Erwartungen an das fertige Spiel sind so hoch, dass es ganz zwangsläufig zu Enttäuschungen kommen muss.

Video: Lohnt sich No Man’s Sky?

Lohnt sich No Man's Sky?

No Man’s Sky ist sehr oft einfach nur langweilig

Schon vor zwei Jahren, als es wirklich nicht viel mehr über das Spiel gab als ein paar Videos und ein paar vage Aussagen über dessen Spielmechaniken, da sagte Sean Murray von Hello Games bereits etwas sehr Wichtiges über die Entdecker-Simulation: No Man’s Sky wird sehr oft und sehr wahrscheinlich einfach nur langweilig sein. Der Planet, auf dem wir landen, ist vielleicht gar nicht spannend. Oder wir finden keinen besonderen Ort, weil er einfach zu riesig ist. Ja, vielleicht gibt nicht einmal wirklich Tiere. In No Man’s Sky gibt es keine hübsch gestaltete Welt mit den besten Ideen, sondern lediglich ein aufgeblasenes, schier unendlich großes, automatisch generiertes Universum.

Und auch wenn das nicht die einzige Kritik an der nun veröffentlichten Version von No Man’s Sky ist, so scheint es doch ein ganz wesentlicher Faktor zu sein. Die Leute buddeln dafür die ersten Trailer raus, die inzwischen zwei, drei Jahre alt sind und nageln die Entwickler auf Dinge fest, die sie damals in dem Video gesehen haben. Aber schon da war klar, dass dies nur ein Ausschnitt ist – eine Möglichkeit aus einem Spiel voller Möglichkeiten. Für den veröffentlichten Trailer wurden einfach ein paar Wahrscheinlichkeiten in die Höhe getrieben – und daraus hatte das Studio nie ein Geheimnis gemacht. Ohne diesen Trick wäre es sonst kaum möglich gewesen, zu zeigen, was das Spiel so besonders macht.

no man's sky

Darum geht es wirklich bei No Man’s Sky

Wenn ich mir heute die Vorwürfe vieler Spieler durchlese, bin ich immer etwas erstaunt darüber, zu welchen Fantasien No Man’s Sky angeregt hat. Ich habe mir natürlich selbst auch etwas ausgemalt. Doch meine Vision von dem Spiel war so ganz anders, viel bescheidener als das, was heute auf dem Wunschzettel einiger zu stehen scheint – auch weil ich weniger die Trailer und jeden einzelnen Satz analysiert habe, sondern das große Ganze gesehen habe. Mir reicht die enthaltene Physik. Und der vereinfachte Ansatz für Ressourcen. Und der Umgang mit Fraktionen ist mehr als ich erwartet habe, auch wenn beide Systeme ausbaufähig sind. Aber der Kern des Spiels, der ist genauso großartig wie seit der Ankündigung.

Einige scheinen auch zu vergessen, dass Hello Games das Projekt als kleiner Indie-Entwickler gestartet hat. Das Studio gibt es seit 2009 und anfangs bestand es nur aus fünf Leuten. Als vor vier Jahren „Project Skyscraper“ angekündigt wurde, interessierten sich auch nur wenige dafür. Mit Joe Danger hatte das Studio zwar bereits einen ziemlich coolen Titel abgeliefert, aber das reichte nicht aus, um die breite Masse neugierig zu machen. Doch ich mochte die Jungs schon damals. In einem Jahr sind sie sogar in Eigenregie von Großbritannien mit einem Bus und einer Couch im Gepäck nach Köln zur gamescom gereist, um dort ihren Stuntman Joe Danger zu präsentieren. Sie wollten ein Studio sein, bei dem es familiärer zuging. Sie waren ein kleiner Indie-Entwickler mit großen Träumen.

Video: Der erste Trailer von No Man’s Sky

No Man's Sky Trailer.

Als ich Sean im August 2014 auf der gamescom wiedergetroffen habe, sprach er bereits davon, dass er wahrscheinlich als Wrack enden würde. Der Hype um No Man’s Sky schnellte derart in die Höhe, dass es fast beängstigend war. Mit jedem neuen Schnipsel über das Spiel, nahm der Zug der Begeisterung weiter an Fahrt auf. Dabei war die Idee hinter dem Spiel doch weiterhin ziemlich simpel. Weil die Jungs in einer Generation groß geworden sind, in der sie immer nur zu hören bekamen, wie schlimm die Zukunft sei und dass die Menschheit alles versaut hätten, wollten sie dem etwas entgegensetzen. Sie wollten Science-Fiction wieder mit etwas Positivem besetzen und keine weitere Dystopie, in der alles kaputt ist.

Es ging bei der Idee zu No Man’s Sky um dieses ganz bestimmte Gefühl, eine neue Welt zu entdecken. Einen Ort zu finden, den noch keiner kennt. Auf einem Planeten zu landen und zu wissen, dass noch kein anderer zuvor dort gewesen ist.

Meinung: Warum No Man's Sky nicht seinem Hype gerecht wird

Ich war verliebt in diese Idee und mein Kollege Sebastian hatte vor ein paar Wochen auch ein paar sehr gute Worte dafür gefunden, warum No Man’s Sky vielleicht todlangweilig ist, aber genau das ist, was die Science-Fiction gerade braucht. Wir können mit unserem Raumschiff schier unendlich viele solcher Welten erkunden – auf manchen davon gibt es wunderbare Fabelwesen und eine einzigartige Vegetation, andere sind vielleicht eher spröde.

Doch stattdessen brannten sich bei vielen diese Hochglanz-Trailer ins Gedächtnis: Jeder Trip ins All sollte ein Höhepunkt sein. Und alles soll sofort funktionieren, obwohl doch bereits angekündigt wurde, dass sich No Man’s Sky entwickeln und wachsen würde. Dabei darf doch gerade ein solches Spiel zum Start unfertig sein.

Monolith

Hello Games und Sony sind nicht unschuldig

Ich will aber weder Entwickler Hello Games, noch Sony völlig von einer Mitschuld an der Misere freisprechen. Wer die Karten im Vorfeld nicht auf den Tisch legt, der kann eigentlich fast immer mit entsprechenden Reaktionen rechnen. Und wer vielleicht zu vollmundige Versprechungen macht, dem ist Gegenwind garantiert. Peter Molyneux ist auch so ein Kandidat, der immer wieder gern in diese Falle tappt. Umgekehrt aber wollen wir doch auch, dass Entwickler träumen und Visionen entwickeln und diese mit uns teilen. Wir saugen doch gern all das auf, was sie so von sich geben.

Im Umkehrschluss würde es bedeuten, dass sie lernen, auf Fragen so zu antworten, dass ihnen kein Strick daraus gedreht werden kann. Es gibt keine Einblicke mehr in die Entwicklung, sondern nur sehr spärliche Informationen, wenn gesichert ist, dass es auch genau so umgesetzt wird. Offensichtlich gab es ein paar Dinge, die in No Man’s Sky komplexer waren. Es gibt ein ausführliches Reddit, in dem alles sehr gut zusammengetragen wurde. Aber auch dort gab es ein paar Dinge, die einfach nur nicht entdeckt wurden und die Diskussion hat geholfen, mehr Verständnis für das Spiel aufzubauen.

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No Man's Sky:Die skurillsten Monster in unserer Bilderstrecke.

Als Hauptkritikpunkte blieb der Verlust der planetaren Physik und der unterschiedlichen Schiffsklassen für unterschiedliche Arten von Spielern, die Fraktionen im Spiel wurden vereinfacht, ebenso wie die Vielfalt bei den Ressourcen. Ein paar Dinge erwarten uns aber sicherlich noch mit kommenden Updates – so wie etwa die Frachter. Andere Dinge haben sich vielleicht einfach als problematisch herausgestellt: Bei zu vielen Ressourcen etwa hätte es für einige Spieler zu Problemen kommen können, wenn sie das benötigte Element einfach nicht finden können, weil es in ihrer Ecke des Universums sehr rar ist. Ob Handel wirklich die Lösung dafür gewesen wäre, ist Spekulation.

Video: 30 Minuten Gameplay von No Man’s Sky

No Man's Sky - 30 Minuten Gameplay.

Warum das Bashing gegen nur von eigenen Fehlern ablenkt

Kein Verständnis allerdings habe ich für Spieler, die 50 Stunden in No Man’s Sky verbracht haben und trotzdem ihr Geld wieder haben wollte. „Wer sein Geld nach 50 Stunden Spielzeit zurückfordert, ist ein Dieb“, schrieb der ehemalige Sony-Mitarbeiter Shahid Kamal Ahmad auf Twitter. Und ich sehe das ganz ähnlich: Dass No Man’s Sky nicht den eigenen Erwartungen entspricht, merke ich bereits viel früher, auch wenn das Universum riesig ist. Das Marketing, für das vermutlich Sony verantwortlich ist, mag so manchen auf die falsche Fährte gelockt haben. Doch deswegen ist No Man’s Sky aber noch lange kein schlechtes Spiel und es rechtfertigt erst recht nicht derartige Forderungen. Das ist genauso daneben, wie das unrechtmäßige Herunterladen von Musik mit der Begründung, dass man sie sich ohnehin nicht kaufen würde.

Außerdem gibt es immer auch die Möglichkeit, sich mit Testberichten oder Let’s-Play-Videos zu informieren. Kristin hatte beispielsweise bereits im Januar erläutert, warum sie glaubt, dass No Man’s Sky seinem Hype nicht gerecht werden würde. Das Problem war aber, dass offensichtlich kaum noch jemand bereit war, sich mit der Idee und Entwicklung von No Man’s Sky wirklich auseinanderzusetzen. Jeder las etwas anderes in den schwammigen Aussagen darüber, wie das Spiel funktionieren würde und was es überhaupt war. Und daher glaube ich, dass mit dem Hate gegen No Man’s Sky auch von den eigenen Verfehlungen abgelenkt werden soll: Nicht das selbstgebaute Luftschloss war das Problem, sondern die Unfähigkeit der anderen, dies umzusetzen.

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