The Last Guardian: Kann es den Vorgängern überhaupt gerecht werden?

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Wer The Last Guardian verfolgt, ist ziemlich wahrscheinlich auch ein großer Fan von allem, was die Entwickler von Team Ico bislang gemacht haben. Deren Klassiker Shadow of the Colossus und Ico sind Kult-Spiele, für die damalige Konsolengeneration wunderschön anzusehen und wahnsinnig poetisch. Diese Stärken sind es, die dazu beigetragen haben, dass ich mich in die Werke des Studios verliebt habe. Für eine Weile... bis der Funke zu Spielen mit einer moderneren Poesie und einer farbreicheren Optik übergesprungen ist.

Aus diesem Grund habe ich das neue Ico-Projekt The Last Guardian erst später verfolgt als viele andere Fans da draußen, und von den vielen vielen Verschiebungen zum Glück gar nicht so viel mitbekommen. So richtig ist mir das Spiel um den beschützenden Vogel erst mit der Hype-Welle am Gesicht vorbei gerauscht. Und seien wir mal ehrlich:

Auch, wenn The Last Guardian kein direkter Nachfolger zu Shadow of the Colossus ist, so tritt es eben doch als neustes Spiel der Kult-Entwickler ein RIESIGES Erbe an.

Das ist fast schon ein bisschen so, als würde Half-Life 3 plötzlich erscheinen. Die Spiele können ihren Vorgängern einfach nicht gerecht werden.

„Früher war alles besser, ja ja, blah blah.“ - Sagen viele, stimmt selten. Nur im Falle von The Last Guardian wäre ich mir da nicht ganz so sicher. Wer sich auf das Spiel freut, freut sich drauf, weil er oder sie „die alten Teile“ gern gespielt hat. Freut sich jemand wirklich allein wegen des Trailers oder der Prämisse drauf? In einem Raum mit 100 Leuten heben hier nur ganz wenige die Hand - und denen kaufe ich die Vorfreude auch nicht wirklich ab.

Schauen wir uns doch mal das Gameplay-Video von der E3 an und reden dann kurz darüber, wie sich die Spielkultur und unser Anspruch im Verlauf der Jahre verändert hat - und wie wenig The Last Guardian dem (außerhalb der bequemen Nische) eigentlich gerecht wird:

The Last Guardian E3 2015

Video angeschaut? Dann muss ich jetzt ein paar Sachen loswerden, die mich echt stören:

  • Die Federn von Vogel Trico flimmern schon im Render-Trailer total unschön - wie wird's dann erst im finalen Spiel laufen?
  • Ganz abgesehen davon verkörpert der Vogel keine Schönheit - weder durch eine niedliche oder schöne Darstellung, noch durch den Mut zu grotesker Hässlichkeit. Er ist in meinen Augen schlicht nicht interessant genug, um ein Spiel auf seinem gefiederten Rücken zu tragen.
  • Der kleine Junge, der durch Laute um Hilfe ruft, geht mir nach wenigen Minuten tierisch auf den Geist.
  • Der Look des Spiels (nicht die Grafik!) hat sich im Vergleich zu den Vorgängern kaum entwickelt; er ist nicht frisch, sondern dröge.
  • Wo mein Auge hinschaut: Die Freundschaft zwischen Trico und dem Jungen ist eine geskriptete Liebe.

The Last Guardian: Ein Test aus dem Jahre 2084

Wenn wir das alles mal sacken lassen, dann merken wir, dass The Last Guardian einst für eine andere Konsolengeneration - nämlich die PS3 - entwickelt wurde. Zu einer Zeit, als Kantenflimmern irgendwie mehr zum Spielealltag gehörte als es das heute tut. Zu einer Zeit, als halb durchgeskriptete Spiele sich noch wie eine völlig neue Idee angefühlt haben. Als wir damit zufrieden waren, ein Spiel zu bekommen, das wenig Experimente wagte.

The Last Guardian setzt in seiner gesamten Präsentation voll auf kalkulierte Poesie - Vogel rettet Junge, das Tier als der beste Freund - und darauf, die Leute zu begeistern, die an ihrer Nostalgie festklammern, und das ist auch völlig in Ordnung so.

Nur widerspricht sich das leider mit dem immensen Hype, der auch diejenigen aufsammelt, die niemals mit Team Ico in Berührung gekommen sind, oder sich einfach gemeinsam mit der Spielkultur und dem wachsenden Anspruch, was ein Spiel bieten muss, weiterentwickelt haben.

thelastguardian

Na toll, Kristin. Und was bedeutet das jetzt?

Geschmäcker sind verschieden, mag jetzt manch einer von euch sagen. Und damit habt ihr auch vollkommen Recht. Nur ist mein Geschmack gar nicht mal der Grund dafür, dass ich die letzten Zeilen unbedingt loswerden musste. Eigentlich fallen No Man's Sky und The Last Guardian nämlich sehr wohl in meinen etwas eigenwilligen Spielegeschmack.

Ich hoffe wirklich sehr, dass beide Spiele saugeil werden und euch und mir eine lohnenswerte und einzigartige Spielerfahrung bieten - das Potential ist theoretisch in beiden Fällen da und muss nur richtig genutzt werden.

Ich wollte euch hiermit halt nur mal kurz von eurem Hypetrain schubsen. Eine gesunde Skepsis ist meines Erachtens unglaublich wichtig, wenn es um anstehende Spiele-Releases geht - egal ob man ein Fan der Reihe ist oder nur aufgrund der positiven Berichterstattung der Medien Bock auf ein Game bekommt. Und diese Skepsis ist eben besonders dann wichtig, wenn wir noch viel zu wenig über ein Spiel wissen - siehe No Man's Sky - oder wenn wir ein Spiel zu schnell durch eine rosarote Nostalgie-Brille betrachten - siehe The Last Guardian.

Tut euch selbst einen Gefallen und denkt mal drüber nach. Wenn die Spiele letztlich erscheinen und trotzdem überzeugen können, dann werdet ihr euch es selbst danken. Ich weiß jedenfalls, dass ich mir dafür schon jetzt dankbar bin.

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