Was mich Overwatch übers Verlieren gelehrt hat

Yasmina Banaszczuk 7

Niemand verliert gerne. Man spielt schließlich, um zu gewinnen – man strengt sich an, plant, taktiert, gibt sein Bestes. Und dann gewinnt jemand anderes. Es ist ärgerlich, frustrierend, schade. Kurz: es nervt. Überraschenderweise habe ich festgestellt, dass mir Verlieren bei Overwatch sehr wenig bis gar nichts ausmacht. Aber warum? Ein Erklärungsversuch.

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„Ughhh“ seufzt Reaper genervt, als ich in der Base respawne. Ein gegnerischer Hanzo hat mir bei der Verfolgung einer angeschlagenen Mei einen Pfeil durch den Kopf geschossen. Die Genervtheit von Reaper drückt ziemlich genau das aus, was ich denke – innerlich rolle ich die Augen. Ich war zu greedy. Die letzten Spiele habe ich mit verschiedenen Teams verloren, mal deutlich, mal knapp. Auch dieses Spiel wird für das gegnerische Team entschieden – mit Overtime und in der letzten Sekunde. Ich schreibe „gg wp“ in den Chat und stelle erstaunt fest, dass ich es auch so meine. Danach drücke ich wie selbstverständlich auf ein neues Spiel.

In jedem anderen Spiel hätte ich längst abgebrochen. So wie Zarya, die gewichtshebende Russin beim Respawn „Uh Uh. I’m not a good loser.“ verkündet, so bin auch ich keine grandiose Verliererin. Zwar kann ich gute, knappe Spiele wertschätzen, aber sowohl Dauernahtoderfahrung Dark Souls als auch den Cousin Bloodborne habe ich irgendwann weggestellt, weil der Frust des wiederholten Sterbens den Spielspaß überwog. Nicht so bei Overwatch. Sterben fühlt sich nicht wie eine Niederlage an. Selbst eine Niederlage fühlt sich nicht wie Verlieren an. Als ich das irgendwann verwirrt feststelle, bringt es mich zum Nachdenken.

Overwatch im Test.

Was ist bei Overwatch anders? Klar, es ist ein Spiel das mir unheimlich viel Spaß macht. Und natürlich ärgert es mich, zu verlieren. Doch wo ich in manchen Spielen gewinne, indem ich bestimmte Muster lernen und meistern muss (ohai Gegnermuster bei Dark Souls), so steht in Overwatch eher das schnelle Einstellen auf immer neue Strategien der menschlichen Gegenüber im Fokus. Mit jedem Tod kann ich meinen Helden – und damit meine Taktik – wechseln. Einer Mitspielerin vorzuwerfen, sie habe sich nicht genug an den Plan gehalten, klappt in Matches mit zufälligen Teammitgliedern nicht – zu kurz ist die Zeit vor Matchbeginn, um sich mit fremden Mitspielern per Chat abzusprechen oder zu koordinieren.

Natürlich spielt auch in Overwatch die Vertrautheit des Teams eine Rolle – doch Schuldzuweisungen, wie in anderen, nach verlässlicheren Mustern agierenden Spielen, sind schwieriger. Auch für mich selbst. Das macht nachsichtiger und großzügiger. Der Ärger ist nicht so groß. Aber selbst wenn sich manche mal nicht am Riemen reißen können: Die bequeme Mute- und sogar Block-Funktion im Chat sorgt dafür, dass man flamende, genervte Mitspieler einfach ausblenden kann – und so länger was vom Spielspaß hat.

Overwatch: Kann Blizzard eine Community ohne Hass schaffen?

Die Maps in Overwatch sind so gestaltet, dass die 21 Helden ihre einzigartigen Fähigkeiten gleich an mehreren Punkten optimal einsetzen können. Das fordert kreatives Spiel geradezu heraus und sorgt dafür, dass kein Spiel, keine Niederlage wie müßiges (Auswendig-)Lernen daherkommt. Hinzu kommt, dass die mit unglaublich viel Liebe gestalteten Charaktere in Overwatch selbst ihre besten Kritikerinnen sind. „I will correct my mistakes“ sagt Symmetra da übereinstimmend mit der Lore, während Soldier 76 nur „Not dead yet“ vor sich hin grunzt.

Ich kann mich nicht darüber aufregen im Match zu sterben, solange das Spiel so selbstironisch damit umgeht, wenn seine Helden umgeschossen werden – und gegebenenfalls dadurch das Match verlieren. Vielleicht ist es genau diese mangelnde strenge Ernsthaftigkeit – nein, die Welt geht nicht unter, wenn das Match verloren wird. Ja, man kann auch das „Play of the Game“ bekommen, wenn man aus dem Verliererteam kommt. Und ja, auch die Verlierer können am Ende Upvotes für gutes Spiel erhalten – von beiden Teams. Das ist Fair Play, das macht Spaß.

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Trotzdem bleibt abzuwarten, ob die Freude, das Unerwartete und die Nachsicht auf Dauer so bleiben. Maps können irgendwann erlernt werden, Strategien sich durchsetzen, Fähigkeiten optimiert werden. Und dennoch: Fast täglich tauchen im Netz neue Videos von spontanen und kreativen Spielszenen auf. Drei Reinhards mit Schild im Mittelpunkt? Lucio läuft rein und bumpt sie in den Abgrund. Kann man da den Gegnern wirklich böse sein? So oder so – für mich sind diese kreativen Freiheiten und überraschenden Lerneffekte ganz klar die Faktoren, die Verlieren zur Freude machen. Kein Spiel ist wie das andere, kein Verlust fühlt sich repetitiv an. Da ist es auch fast egal, dass man für einen Sieg mehr Erfahrungspunkte bekommt.

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Abschließend bleibt zu hoffen, dass die Community in Overwatch genauso lange den Spaß an verlorenen Spielen beibehalten kann wie möglich. Die Grundfeste einer Gemeinschaft, die sowohl als Verlierer als auch als Gewinner dem gegnerischen Team ein „well played“ schicken kann, sind schließlich der Mittelpunkt eines jeden Multiplayers. Wenn uns dann die Entwickler mit immer neuen Maps und Spielmodi überraschen, die für jede Heldenvariation etwas bieten, dann kann doch gar nichts mehr schiefgehen. Und wenn doch noch was schiefgeht, bleibt immer noch das nächste Match – und das Wissen, dass selbst Verlieren Spaß machen kann.

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