Overwatch im Test: Puristisch, taktisch, gut

Markus Grundmann 1

Overwatch ist Blizzards erster Multiplayer-Ego-Shooter und für den Entwickler gleichzeitig der Beginn eines gänzlich neuen Fantasy-Franchises jenseits der bekannten Marken. 21 Comic-Helden treten in vier schnellen Spielmodi gegeneinander an. Ich hab mich in den Kampf gestürzt und verrate euch im Test, ob Blizzard der Schritt ins Multiplayer-Shooter-Neuland gelungen ist.

Overwatch im Test.

Voller Tatendrang warten meine Teamkollegen und ich darauf, dass der Countdown endlich bei null ankommt, sich das Tor vor uns öffnet und wir in den Level stürmen können. Dann endlich ist es soweit – bei null rennen wir los, und mein Kampfgefährte wird gleich aus dem Hinterhalt von einem Scharfschützengewehr getroffen. Ich entscheide mich in der Rolle des laufenden Gatling-Geschützes Bastion zur Flucht nach vorne und als ich das gegnerische Team auf mich zustürmen sehe, verwandle ich mich in eine stationäre Kanone. Leider habe ich die Rechnung ohne Mei gemacht, die all meine Schüsse kurzerhand mit einer Wand aus Eis abblockt. Wenig später werde ich von Reinhardts mächtigem Raketenhammer erschlagen. So oder so ähnlich verliefen zu Beginn viele meiner Overwatch-Matches. Obwohl das Spiel wahrlich kein MOBA geworden ist, sondern eher ein Multiplayer-Shooter vom Schlage eines Team Fortress 2, wurde mir klar: Wer nicht selten mal durch Glück und Zufall gewinnen will, braucht Strategie und Taktik.

Die Qual der Heldenwahl

Vor Beginn jeder Partie und nach jedem Ableben hat Blizzard die Auswahl eines Helden gesetzt. 21 Stück gibt es davon, aufgeteilt in vier typische Klassen: Damage Dealer, die kräftig austeilen, Supporter, die das Team mit ihren Spezialfähigkeiten unterstützen, Tanks, die ordentlich einstecken können, und Heiler. Idealerweise entscheidet sich bei der Teamzusammenstellung nicht jeder Spieler einfach für seine Lieblingsfigur. Viel mehr kommt es auf eine ausgewogene Kombination der Figuren und eure eigene Anpassungsfähigkeit an. Eine Mannschaft besteht immer aus sechs Figuren und die sollten Fähigkeiten haben, die sich möglichst gut ergänzen. Ein Team aus sechs Tanks ist also genauso wenig empfehlenswert wie eines, das nur aus Heilern besteht.

Die Wahl der richtigen Figur ist also von taktischer Bedeutung und wird nicht unbedingt dadurch leichter, dass jede einzelne von ihnen irgendwie liebens- und spielenswert ist. Es gibt keine Charaktere, die nutzlos oder uninteressant sind – einige sind lediglich anspruchsvoller zu spielen als andere. Nehmen wir als Beispiel Soldier: 76 – ein typischer Einstiegscharakter, der sich noch am ehesten spielt wie der generische Call-of-Duty-Supersoldat, und selbst der ist irgendwie besonders. Gegenbeispiel: McCree. Er kann ebenfalls kräftig austeilen, hält aber wenig aus. Hier kommt es viel mehr darauf an, für eine Offensive auf den richtigen Moment für die ultimative Fähigkeit zu warten.

Das sind die besten Overwatch-Helden für Einsteiger

Jede Figur hat verschiedene Fähigkeiten: einen Geschwindigkeitsschub beispielsweise, ein Schild oder die eingangs erwähnte Möglichkeit zur Verwandlung in ein stationäres Geschütz. Obendrauf gibts eine Spezialfähigkeit, die länger braucht, um sich neu aufzuladen. Soldier: 76 hat etwa ein taktisches Visier, das automatisch zielt, der Gorilla Winston teilt mit seiner Dschungelwut extrem viel Schaden auf einmal aus und D.Va kann einen Mech herbeirufen oder selbigen selbst zerstören und so eine gewaltige Explosion auslösen. Bei der Ausgestaltung der Helden zeigt sich einmal mehr Blizzards Liebe zum Detail. Alle Fähigkeiten sind sorgfältig balanciert, aufeinander abgestimmt und erlauben enorm viele verschiedene Strategien. Jede Figur hat übrigens auch eine eigene Hintergrundgeschichte – diese erfährt aber nur, wer online nach ihr sucht. Nur so habe ich erfahren, dass beispielsweise der hammerschwingende Reinhardt aus Stuttgart kommt. Im laufenden Spiel werden diese Details nicht aufgegriffen. Schade um die Stuttgart-Map.

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Fliegender Wechsel

Je nachdem, wie sich eine Partie entwickelt, kann es sinnvoll sein, den Helden zu wechseln. Das geht nach jedem Ableben und erlaubt es, dynamisch auf die Strategie des Gegners zu reagieren – wirft er euch viele Angreifer entgegen, könnt ihr also recht flink mit ausreichend vielen Tanks oder Heilern reagieren. Wichtig ist deswegen, dass ihr so viele Helden wie möglich spielen könnt, um auf eine entsprechende Situation im Spiel reagieren zu können. Als Free2Play-Spiel würde Overwatch aus genau diesem Grund nicht funktionieren. Overwatch ist ein Vollpreis-Spiel, das von Anfang an alle 21 Helden und Karten enthält und auch enthalten muss. Derzeit sind lediglich zusätzliche Skins für die Helden, Spieler-Icons, Siegerposen und coole Sprüche zusätzlich käuflich zu erwerben und auch das nur über sogenannte Lootboxen von denen ihr vor dem Kauf nie wisst, was sich am Ende darin befindet. Ebendiese Lootboxen gibt es im übrigen auch nach jedem Level-Aufstieg kostenlos, was wiederum bislang der einzige Sinn und Zweck ist, dass Overwatch überhaupt ein Level-System enthält. Denn die Fähigkeiten der Helden selbst lassen sich nicht erweitern

In Kombination mit unendlich vielen Strategien sind es übrigens auch die Lootboxen, die für die Langzeitmotivation von Overwatch stehen. Ihr könnt nämlich leveln und leveln und leveln und leveln und dadurch immer mehr Lootboxen und Inhalte bekommen, bis ihr endlich auch den letzten legendären Skin eures Lieblingshelden freigeschaltet habt.

Umfang und Spielmodi

Zwar sind die Figuren recht unterschiedlich, gleichzeitig gibt es aktuell aber keine allzu riesige Auswahl an Karten und Spielmodi. Zwölf Maps stehen aktuell zur Verfügung, wobei jeweils drei einem der vier Modi zugeordnet sind: Angriff, Eskorte, Kontrolle sowie eine Mischung aus Angriff und Eskorte. Während es dem Angreiferteam bei Angriff schlichtweg darum geht, eine Reihe von Zielpunkten einzunehmen, muss bei Eskorte eine Fracht an einen Punkt auf der Karte eskortiert werden. Das Verteidigerteam vers ucht jeweils, das zu verhindern. Bei Kontrolle versuchen beide Teams, ein gemeinsames Ziel zu erobern und zu halten.

Tipps und Tricks zu Overwatch im Guide

All diese Modi sind für das Genre nichts neues – allerdings sind die Karten abwechslungsreich genug gestaltet, dass sich immer wieder neue Situationen und Möglichkeiten für neue Strategien ergeben. Nie sind Karten symmetrisch, sie bieten verschiedene Laufwege, Positionen für Scharfschützen und unterschiedliche Höhenebenen. Overwatch fühlt sich einfach nie so an, als würdet ihr das gleiche Match zweimal spielen.

Genau das ist der Grund, warum ich von diesem Spiel nicht mehr die Finger lassen kann. Obwohl sich die Figuren nicht weiterentwickeln und die Kartenauswahl im Moment noch relativ bescheiden ist, habe ich das Gefühl, ständig etwas neues zu entdecken und einmalige Momente zu erleben, die nach einem Match noch im „Highlight des Spiels“ auftauchen könnten. Wenn sich bei einem Match noch in den letzten Sekunden das Blatt wendet, weil eine bestimmte Spezialfähigkeit zum Einsatz kommt, sorgt das für Adrenalin-Schübe und schwitzige Hände. Dass es überhaupt möglich ist, das Blatt noch in der letzten Sekunde zu wenden und nicht zu sehr zu snowballen, macht Overwatch zu dem Spaß, der er ist. Und all diese positiven Gefühle werden am Ende sogar noch davon unterstützt, dass ich dafür voten darf, wenn ein Spieler meines Teams oder des gegnerischen Teams eine besonders tolle Leistung abgeliefert hat.

Durch die Kombination all dieser Möglichkeiten, fühlt sich Overwatch schon jetzt an wie ein Klassiker des Genres.

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Mein Test-Fazit zu Overwatch

Blizzard hat es wieder getan. Was sich in der Beta schon anfühlte wie ein fertiges Spiel, ist jetzt so poliert, dass es wirkt, als sei das Spiel schon seit Jahren auf dem Markt. Overwatch ist wunderbar ausbalanciert, begeistert durch die Vielfältigkeit seiner Charaktere, lässt sich traumhaft exakt steuern. Ein simples Spiel zwar, der Umfang ist überschaubar – dennoch hat es eine unheimliche taktische Tiefe, die kaum ein anderer Shooter erreicht. Selbst wer dem Genre sonst nicht besonders zugeneigt ist, kann reinen Gewissens einen Blick riskieren, denn einsteigerfreundlich präsentiert sich das Spiel obendrein. Overwatch ist destillierter Ballerspaß.

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