Pokemon X/Y Test: Erfüllter Kindheitstraum

Thomas Goik

Ein Kindheitstraum: Pokémon in 3D mit voll animierten Kämpfen und der Möglichkeit, jederzeit Freunde über das Internet herauszufordern. Hätte ich Pokémon X/Y im Alter von zwölf Jahren in die Griffel bekommen, mein Kopf wäre wahrscheinlich explodiert vor Staunen. Deshalb bin ich auch ganz froh, dass es erst jetzt erscheint, so kann ich euch nämlich vom wohl besten Pokémon-Spiel überhaupt berichten!

Pokemon X/Y Test: Erfüllter Kindheitstraum

All den Skeptikern sei gleich gesagt: Wagt die Rückkehr! Wirklich, versucht es. „Pokémon X/Y“ ist wie für Wiedereinsteiger gemacht, weil es eine sehr gesunde Mischung aus Alt und Neu versucht. Das mag jetzt ein Satz sein, der auf alle bisherigen Pokémon-Spiele zutrifft – und von diesen Sätzen wird es auch in diesem Test wieder einige geben – „Pokémon X und Y“ fühlen sich aber deutlich anders an, als ihre gealterten Kollegen. Und das liegt in erster Linie an etwas sehr oberflächlichem: Der Grafik.

Wie in Pokémon Stadium..

Ich hätte nie gedacht, was für einen Unterschied es machen würde, meine Pokémon in einer echten 3D-Umgebung kämpfen zu sehen. Stellt euch einfach das normale Pokémon vor, nur mit den cool inszenierten Gefechten eines Pokémon Stadium – der feuchte Traum eines jeden Monster-Fans. Dadurch gewinnen die Kämpfe an Dramatik, außerdem will ich jetzt noch mehr als je zuvor die Entwicklungen meiner Tierchen sehen – schließlich ist das nicht mehr nur ein Sprite, sondern ein voll animiertes und dadurch glaubwürdigeres Wesen.

Die aufgebohrte Technik hat aber nicht nur Einfluss auf das Kampfgeschehen, auch die Welt wirkt deutlich plastischer und größer – gerade die acht Arenen sind wunderbar in Szene gesetzt, gegen Ende wird es sogar richtig episch. Die bevorstehende Herausforderung eines Arenaleiters bekommt dadurch mehr dramatisches Gewicht, ich habe oft das Gefühl, dass es wirklich um etwas geht. Dabei ist dem natürlich nicht so…

Auch „Pokémon X und Y“ versuchen sich mal wieder an einer Geschichte. Dieses Mal geht es um das rotgekleidete Team Flare, die eine Welt der Schönheit erschaffen wollen, in der nur auserwählte Personen leben dürfen. Was X/Y da erzählt hat ehrlich gesagt nicht mal Cartoon-Niveau, man merkt an allen Ecken und Enden die sehr junge Zielgruppe, was nicht zuletzt am häufigen Schwung mit dem Moralhammer liegt – subtil und clever ist hier nichts. Dafür ist die an Frankreich angelehnte Spielwelt sehenswert, gerade zu Beginn werden außerdem die Anfangsgebiete der allerersten Pokémon-Editionen kanalisiert. So gibt es als eines der ersten Gebiete einen Wald inklusive seltenem Pikachu.

Trivia Pokemon.

Neue Reise, alte Motivation

Die Motivation, sich trotzdem durch die gesamte Kalos-Region zu kämpfen, entsteht primär wieder durch das Training des eigenen Pokémon-Teams und dem typischen Grundgerüst: Arenaleiter herausfordern, Orden sammeln, der Liga beitreten und Champ werden. Das Konzept hinter Pokémon wurde also auch dieses Mal nicht angerührt, lediglich modernisiert und um einige Komfortfunktionen erweitert.

Immer wieder gibt sich Entwickler Gamefreak Mühe, Abwechslung in den sehr kampflastigen Pokémon-Alltag zu bringen. Etwa bei den Arenen, in denen ich manchmal sehr leichte Umgebungsrätsel lösen oder Quizfragen beantworten muss. In Tamagotchi-artigen Minispielen kann ich zudem die Beziehung zu meinen Monstern verbessern, etwa in dem ich sie via Touchscreen streichle, sie füttere oder Minigames absolviere – ein super simples Gimmick, das sich nicht großartig auf den Rest des Spiels auswirkt. Gleiches gilt für das Supertraining, in dem die Pokémon ebenfalls via Touchscreen auf verschiedene Sandsäcke hauen, die dauerhafte Statusboni bringen. Das ist nett, mehr aber auch nicht.

Einige Nervereien der Serie haben es auch wieder in X und Y geschafft. Mich stört zum Beispiel der Zwang zu den VM-Fähigkeiten, die ich meinen Pokémon beibringen muss, weil ich sonst in manchen Gebieten nicht weiter komme. Diese blockieren dann einen von vier wertvollen Skill-Slots – das hat für mich wenig mit einer taktischen Entscheidung zu tun und sollte endlich der Vergangenheit angehören. Sinnvoller wäre es, wenn automatisch jedes Wasser-Pokémon  schwimmen und jedes Flug-Pokémon fliegen könnte.

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Bereits in vergangenen Pokémon-Teilen gab es verschiedene Arten von Kämpfen. Auch in X und Y gibt es nun wieder Tag-Team Gefechte, also Kämpfe Zwei gegen Zwei. Neu sind die Massenbegegnungen – im hohen Gras kann es jetzt passieren, dass ihr von gleich fünf Pokémon gleichzeitig angesprungen werdet. Jetzt stellt euch einfach mal fünf Tauros nebeneinander vor, das kann schon ziemlich bedrohlich sein.

Auch die Himmelskämpfe sind frisch dazugekommen. Das ist genau das, wonach es klingt: Ein Kampf, der ausschließlich mit Flug-Pokémon bestritten werden kann. Diese Varianten bringen zwar allesamt Abwechslung in die Kämpfe, der Spielablauf ändert sich dadurch aber kaum.

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Kommen wir zum Wichtigsten Aspekt des Spiels: Den neuen Pokémon! Ich erinnere mich noch gut an die Totalausfälle von der schwarzen und weißen Edition zurück – etwa Unratütox, ein Pokémon, das so aussieht wie eine Mülltüte. Auch X und Y führen ein paar absurde neue Pokémon ein. Da gibt es Tierchen, die aussehen wie Schlüsselanhänger, Schwerter oder Bienenwaben. Für mich kratzt Nintendo hier ab und zu scharf an der Grenze zum Albernen, man muss aber auch zugeben, dass es selbst unter den 151 Original-Pokémon mit Magnetilo oder Lektroball ein paar merkwürdige und wenig kreative Pokémon gab.

Letztendlich ist das alles natürlich Geschmackssache, insgesamt gefallen mir die neuen Pokémon trotz einiger Ausnahmen sehr gut. Ich liebe den kleinen Panda Pam-Pam, mein Starter-Pokémon Igamaro oder die Psycho-Katze Psiaugon. Die legendären Pokémon sind zudem cooler denn je, außerdem freue ich mich über die Rückkehr der ganzen alten Pokémon, die jetzt in neuem Glanz erstrahlen.

"Catchatronic" Pokémon - Gotta Catch'em All.
Im Vornherein hat Nintendo mit den Mega-Evolution geworben – einer vierten Entwicklungsstufe für die Pokémon. Die funktioniert nur bei ausgewählten Exemplaren und unter bestimmten Bedingungen. Im Kampf aktiviere ich dann etwa bei meinem Glurak die Mega-Evolution, die allerdings nur eine temporäre Stärkung bleibt. Für eine Weile habe ich dann also ein Mega-Glurak mit deutlich erhöhten Statuswerten und leicht anderem Look – auch das ist wieder sehr schnittig inszeniert. Die taktische Tiefe dahinter sei allerdings in Frage gestellt, denn zumindest im Kampf gegen NPCs gibt es wenige Gründe, nicht gleich zu Beginn die Mega-Evolution anzuschmeißen. Meine Begeisterung hält sich also in Grenzen – mir wäre da eine tatsächliche vierte Entwicklungsstufe lieber gewesen, die eben schwerer zu erreichen ist.

Einen richtig dicken Pluspunkt bekommt das neue Pokémon für seine Multiplayer-Funktionen. Wahlweise kann ich auf dem Touchscreen dauerhaft eine Übersicht mit meinen Freunden anzeigen lassen. Mehr noch: Dort werden unter „Passanten“ auch zufällig andere Spieler in meiner Umgebung bzw. weltweit (wenn online) angezeigt. Die kann ich folglich zum Kampf herausfordern, mit ihnen Pokémon tauschen oder einfach nur reden – und das von überall im Spiel. Nette Features wie das Senden von temporären Status-Boni oder der Wundertausch, in dem ich ein Pokémon zum Tausch anbiete und  von irgendeinem anderen Spieler ein zufällig ausggewähltes Pokémon erhalte, runden das Mehrspieler-Programm ab. Da wir noch nicht online spielen konnten, kann ich über die Verbindungsqualität jedoch leider noch nichts sagen.

Ein paar Worte zur Technik: Den 3D-Effekt benutzt „Pokémon X/Y“ nur sehr selektiv, meist in Kämpfen oder opulenten Gebieten. Bei Massenbegegnungen oder Tag-Team-Gefechten ist er standardmäßig deaktiviert, oft bricht die Framerate in diesen Kämpfen leicht ein. Gerade im Kampf mit aktiviertem 3D merkt man generell einen Fall der Bildwiederholungsrate – meine Empfehlung ist daher, den 3D-Regler unten zu lassen.

Fazit:

Ich bin im Fieber. Zum ersten Mal seit Pokémon Gold/Silber hat mich ein Spiel der Reihe wieder richtig gepackt. Pokémon X/Y lockert die etablierte Formel mit neuen Kampfarten, Minispielen und der Mega-Entwicklung auf, vor allem aber inszeniert es sich endlich so, wie ich mir meine Pokémon-Kämpfe immer im Kopf vorgestellt habe. Das Design der neuen Pokémon ist weitestgehend gelungen und die Multiplayer-Funktionen sind vorbildlich, das Spiel bietet außerdem so dermaßen viel Inhalt, dass ich mich noch weit über die Credits hinaus am 3DS hängen sehe.

Ich habe die Y-Version gespielt, Kollege Robin zockt Pokémon X - hier ist sein Fazit:

Robins Fazit:

Ich dachte eigentlich, dass ich mit „Pokémon“ abgeschlossen hätte. Nachdem ich mit 11 Jahren alle Pokemon der goldenen Edition gefangen hatte, habe ich eigentlich alles in dem Universum erreicht – die nachfolgenden Versionen konnten mich aufgrund fehlender Innovationen und der aufkommenden Pubertät nie wieder packen.

„Pokémon X/Y“ hat das auf einen Schlag geändert und das fast perfekte Spielprinzip in einen grandiosen Mix aus neuen Inhalten und nostalgischer Wiederverwertung gepackt – während ich mich in der einen Sekunde über mein Wiedersehen mit Shiggy freue, ergötze ich mich wenig später an den teils riesigen, neuen Städten.

„Pokémon X/Y“ platzt vor Content, was jedoch auch so seine Nachteile bringt. Bereits nach fünf Spielstunden wanderten über 50 Monster in meinem Besitz. Während ich zu Rot/Blau-Zeiten noch jedes neues Pokémon feierte und studierte, wandern 90% der Viecher heute ohne zweiten Blick in meine Box. Zudem ist es bei dieser immensen Anzahl an Gegnern fast unmöglich, die Übersicht zu behalten, welchem Typ sie jeweils angehören: Meine Kämpfe verlaufen deshalb sehr viel weniger taktisch.

Trotzdem: Es gibt schlimmere Kritik als „zu viel Content“ und wer jemals Spaß an „Pokémon“ im Speziellen oder Rollenspielen mit rundenbasierten Kämpfen im Allgemeinen hatte, bekommt mit „Pokémon X/Y“ dutzende Stunden Spielspaß.

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