Project Highrise: Diese Hochhaus-Simulation überrascht mit ihrer Tiefe

Martin Eiser

Über 20 Jahre nach der Veröffentlichung von Sim Tower ist endlich ein würdiger Nachfolger für die Wolkenkratzer-Simulation in Sicht – wenn auch kein offizieller. Project Highrise beginnt sehr simpel, bietet aber viel Spieltiefe und unzählige Möglichkeiten. Was den Sandkasten für Häuslebauer so besonders macht, steht in unser Vorschau.

Mein Schreibtisch ist in der Regel immer ein chaotischer Haufen. Meist behalte ich trotzdem den Überblick, auch wenn andere das System dahinter nicht mehr überschauen können. Wenn ich allerdings Simulationen spiele, kommt eine ganz andere Seite von mir zum Vorschein. Geradezu pedantisch versuche ich jeden Schritt zu planen. Ich straffe Abläufe und suche nach der optimalen Lösung. Ich entwickle eine obsessive Liebe zu Symmetrie und wiederkehrenden Mustern. Ich liebe diese Spiele vor allem wegen des logischen Systems für Ordnung, auf dem sie basieren. Ich bin geradezu süchtig danach.

Project Highrise - Teaser Trailer.

Die spielerischen Wurzeln

Das war auch bei Sim Tower nicht anders. In der Simulation des Japaners Yoot Saito, die Electronic Arts in der Mitte der Neunziger Jahre in den Westen brachte, geht es um Struktur und Ordnung. Gewerbe, Wohnen und Service brauchen einander und doch gibt es gewisse Animositäten. Der Lärm der Büros kommt ganz schlecht bei Bewohnern an. Außerdem blockieren Büros öfter den Fahrstuhl. Dazu kommen noch andere Bedürfnisse, wie die nach der Entsorgung von Müll, Gesundheitsversorgung und Sicherheit. Es ist eine sehr kompakte Simulation, für die es es eigentlich gar nicht schwer ist, eine sehr gute und auch ästhetisch ansprechende Lösung zu finden. Ich war verliebt und konnte lange nicht davon lassen.

Eine perfekte Lösung in einer Simulation ist so etwas wie die Ideallinie von Autos in Rennspielen. Statt Fahrgefühl brauchen wir ein klaren Kopf, um die vielen Einflussfaktoren unter einen Hut zu bekommen. In Sim Tower waren sie zwar zahlreich vorhanden, aber für Profis trotzdem schnell überschaubar. Daher hat das Spiel letztendlich auch relativ viel Kritik kassiert. Und obwohl Sim Tower bis heute noch immer einige Fans hat, gab es nie einen Nachfolger, der es besser machte und in die Fußstapfen treten konnte. Ich selbst bin vor ein paar Jahren mal auf den Mobile-Wahnsinn Tiny Tower hereingefallen, bis ich das stupide Spielprinzip erkannt hatte, das im Grunde so gar nichts mit einer Simulation zu tun hat.

Was macht Project Highrise besser?

Und nun ist da Project Highrise von SomaSim. Die Macher der Western-Stadt-Simulation 1849 haben sich tatsächlich an einen Hochhaus-Manager gewagt. In Sachen Komplexität ist das ein deutlicher Sprung nach oben. Mehr noch als bei Sim Tower geht es um die richtige Verbindung zwischen den richtigen Mietern des Gebäudes. Einfache Bewohner haben weniger Probleme mit dem Lärm, den Geschäfte, Restaurants und manche Büros machen, als die späteren Mieter gehobener Wohnungen. Gegen die Gerüche von Restaurants hat aber selbst mancher Anwalt etwas – dennoch wollen die natürlich eine große Auswahl an Lokalitäten für das tägliche Mittagessen. Es entsteht eine sehr komplexe Mischung aus sehr vielen Bedürfnissen, die nicht leicht zu befriedigen sind.

Mit jedem glücklichen Mieter, jedem erfüllten Auftrag und dem steigenden Strom an Besuchern steigt unser Prestige-Level. Auf diese Weise bekommen wir nach und nach Zugriff auf hochwertigere Bewohner, die jedoch gleichzeitig auch anspruchsvoller werden. Um etwa den Mieter eines Luxus-Lofts glücklich zu machen, brauchen wir einen Anschluss an die U-Bahn, Luxus-Geschäfte und Gourmet-Restaurants. Wir sollten im Gebäude außerdem Yoga anbieten. Ein Schneider und ein Innenausstatter sollten ebenso nicht fehlen. Große Geschäfte produzieren allerdings auch viel Lärm, Restaurants hingegen Gerüche. Außerdem erwarten diese Lokalitäten natürlich entsprechend Kundschaft, um wirtschaftlich arbeiten zu können. Bleiben die Kunden aus, ziehen diese Mieter ganz schnell wieder aus.

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Bei diesem Zusammenspiel aus unterschiedlichen Bedürfnissen gibt es zumindest für mich noch eine ästhetische Komponente. Ich sprach ja eingangs von der Symmetrie; solch ein Haus sollte also definitiv auch geschmackvoll eingerichtet sein. Wir können daher beispielsweise mehrere Türme nebeneinander errichten. Das sorgt nicht nur für eine hübsche Mini-Skyline, sondern wir erreichen auch eine räumliche Trennung zwischen bestimmten Mietern. Freie Flächen lassen sich darüber hinaus mit dekorativen Elementen oder Kunstobjekten verschönern – etwas, das von späteren Mietern sogar gefordert wird.

Wie motiviert Project Highrise langfristig?

Einerseits tüfteln wir lange, um die richtige Kombination zu finden. Mit jedem neuen Mieter, der sich freischaltet, müssen wir unsere Strategie neu überdenken. Allein deswegen verbringen wir schon viele Stunden in Project Highrise. In meinem Gebäudekomplex herrscht noch immer sehr viel Chaos und Durcheinander. Und das obwohl ich bereits das vierte Mal von vorn begonnen habe, um es von Anfang an besser zu machen. Mit jedem Mal lerne ich etwas, entdecke aber auch gleichzeitig immer wieder neue Anforderungen. Das Prinzip dürfte den Fans von Prison Architect oder etwa RimWorld bekannt vorkommen.

In Project Highrise sind sogar Spezialisierungen möglich. Wir können uns beispielsweise ein Ökosystem aufbauen, das sich auf Touristen konzentriert, einen Wohnturm für gehobene Ansprüche errichten oder versuchen mit unserem Wolkenkratzer der Sitz großer Firmen zu sein. Es gibt verschiedene Wege, um erfolgreich zu sein. Wir können uns langsam an die Mechanismen herantasten und auch im Kleinen bereits tolle Ergebnisse abliefern. Und dann gibt es da als Herausforderung noch einige Missionen im Kampagnenmodus, in denen wir eine ganz bestimmte Aufgabenstellung haben – etwa ein halb verlassenes Hochhaus wiederzubeleben. Einige dieser Herausforderungen haben es ganz schön in sich.

Dem Spiel gelingt offenbar genau das, woran Sim Tower damals noch gescheitert ist. Es besitzt eine Spieltiefe, mit der wir uns lange beschäftigen können. Und wer das gleiche Verlangen nach Perfektionismus verspürt und noch dazu hoch hinaus will, der sollte Project Highrise auf dem Schirm haben. Es ist ein Traum aus Glas und Stahlbeton.

Project Highrise erscheint im September für PC und Mac. Im kommenden Jahr soll eine Version für mobile Plattformen folgen.

Project Highrise
Entwickler: SomaSim
Preis: 19,99 €

Screenshots von Project Highrise

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