Quantum Break im Test: Eine Zeitreise in die Zukunft der Videospiele

Kristin Knillmann 13

Quantum Break hat ein mutiges Konzept: Mit einer ins Spiel integrierten TV-Serie rund um das Thema Zeitreisen will es das Story-Spiel revolutionieren. Im Test sagen wir euch, wie gut der neue Titel des Studios hinter Alan Wake und Max Payne wirklich ist.

Moment, wie funktioniert der Aufbau von Quantum Break eigentlich? Das erkläre ich euch in diesem Video:

TV-Serie im Videospiel: Wie funktioniert Quantum Break?

Als Videospiel-Testerin stolpere ich selten über die Momente, in denen ein Spiel etwas völlig Neues probiert. Umso erfrischender ist es, wenn dann ein Spiel wie Quantum Break ansteht, das mit seinem episodischen Wechsel zwischen Spiel, Entscheidung und TV-Serie eine sehr frische narrative Struktur in das Genre der Story-Spiele und die Welt der Videospiele wirft. Dabei ist es insgesamt ein wenig neu und alt zugleich: Die komplette Erfahrung fühlt sich an, als würde uns Quantum Break in die goldene Ära der 3rd-Person-Action-Adventure-Story-Spiele zurückwerfen – wovon es schon viel zu lange nichts mehr gab, das wirklich begeistern konnte.

Das kann Quantum Break tatsächlich, auch trotz einigen Kritikpunkten. Wirklich gefallen wird das Spiel dennoch nicht jedem; seine Mischung aus Struktur und Zeitreise-Prämisse ist ein Konstrukt, auf das ihr euch komplett einlassen müsst, um nicht den Faden zu verlieren.

Wie ist Quantum Break aufgebaut? Quantum Break hat fünf Spiel-Abschnitte, vier Knotenpunkte (in denen Entscheidungen getroffen werden) und vier TV-Episoden. In genau dieser Reihenfolge tauchen sie auch im Spiel auf: Erst spielt ihr aus Sicht von Jack Joyce – Shooter-Passagen und Puzzles inklusive. Der anschließende Knotenpunkt versetzt euch in die Rolle von Paul Serene, in dessen Namen ihr stets eine wichtige Entscheidung trefft. Die wirkt sich nachfolgend auf die 20-minütige TV-Episode aus, welche aus Perspektive von Serene und diversen Monarch-Angestellten erzählt wird.

Die Manipulation von Zeit ist das allgemeine Oberthema von Quantum Break, das in jede Faser des Spiels Einzug erhält: Die Story rund um die Joyce-Brüder und die von Paul Serene geführte Firma Monarch baut in unterschiedlichen Zeit-Perioden aufeinander auf; und selbst das Gameplay wurde sowohl in den Shooter- als auch Puzzle-Passagen um diese Mechanik herum entworfen.

Bilderstrecke starten
22 Bilder
Games 2016: Das sind die 20 besten Spiele des Jahres.

Worum geht es in Quantum Break?

Quantum Break erzählt eine Geschichte vom Ende der Zeit, was in etwa mit dem Ende der Welt, das wir aus Videospielen sehr gut kennen, gleichzusetzen ist. Im Zentrum des spielerischen Geschehens steht Jack Joyce, Bruder von Zeitmaschinen-Erfinder William Joyce, der eher zufällig in das ganze Schlamassel hineingezogen wurde. Sein Gegenspieler ist Paul Serene, zu dem er ehemals ein freundschaftliches Verhältnis hatte – bis sich dieser durch ein Unglück gezwungen sah, die Zeitmaschine zu nutzen, und deshalb offenbar Dinge erlebte, die ihn und seine Motivation signifikant veränderten.

Die Erzählung bleibt trotz der „übermächtigen Zeit-Manipulation“ recht Videospiel-untypisch: Der brodelnde Konflikt zwischen allen relevanten Parteien (den ich euch ganz bestimmt nicht verraten werde) bleibt nicht zweidimensional. Das übliche Gut und Böse im klassischen Sinne gibt es nicht. Stattdessen verfügt Quantum Break über einen recht großen Cast mit sehr unterschiedlichen Herangehensweisen an die Lösung eines Problems – und das ist spannend.

Wer bei diesem komplexen Thema und Aufgebot alle Sichtweisen verstehen will, muss sich allerdings komplett auf das Spiel einlassen: Die Geschichte entfaltet ihr volles Potential erst dann, wenn ihr bereit seid, jede winzige Information aufzusaugen. Das beinhaltet nicht nur das Schauen der TV-Serie, welche die gegnerische Seite beleuchtet und teilweise humanisiert, sondern auch massenweise Material, das gelesen werden will. E-Mails zwischen Monarch-Mitarbeitern, herumstehende Notizen oder Skizzen auf Whiteboards – alles davon charakterisiert die Figuren oder beinhaltet Informationen, die den Plot weiter ausschmücken.

Offizielle Systemanforderungen für Quantum Break

An dieser Stelle ist sowohl Kritik als auch Lob fällig: Ja, es kann anstrengend sein, mitten in einem Spiel lange Texte zu lesen, und ja, das will auch garantiert nicht jeder von euch. Die Geschichte lässt sich auch gut ohne Textdokumente genießen, verliert dann aber doch einiges an ihrer so schönen Komplexität, bei der man ständig mitdenken muss, um alle Fäden miteinander zu verbinden. Und doch funktioniert diese Art der Inhalte grad deswegen, weil der Rest des Spiels – unter anderem die knackige TV-Serie mit einigen bekannten herausragenden Darstellern – so gut erzählt wird. Das Pacing, das an die Episodenstruktur des Spiels angelehnt ist, geht komplett auf, weil ich ständig neugierig gemacht werde, wie es in Quantum Break wohl weitergehen könnte. Nur deswegen fällt es mir hier ausnahmsweise so leicht, jeden Tagebuch-Eintrag und jede Mail-Konversation zu verschlingen.

Wie gut ist die TV-Serie ins Spiel integriert?

Obwohl Spiel und TV-Serie jeweils einen völlig unterschiedlichen Blick auf das Geschehen werfen, bauen sie gut aufeinander auf. Die Entscheidung, die ich als Paul Serene beim Knotenpunkt treffe, fließt in die Ausrichtung der jeweiligen TV-Episode mit ein. Damit ändert sich – ähnlich wie bei Telltale-Spielen – nicht der komplette Plot, aber durchaus einige Kleinigkeiten, die vor allem dann auffallen, wenn ihr bei Quantum Break gut aufpasst. Manchmal ist das Ausmaß direkter, wenn euch plötzlich ein ganz anderer Begleiter durch einen Story-Abschnitt leitet. Manchmal ist es indirekter, und ihr merkt den Unterschied erst, wenn ihr zum Beispiel einem Fernsehbericht im Hintergrund lauscht.

Visuell ist der Unterschied zwischen diesen beiden erzählerischen Elementen gar nicht so groß wie befürchtet: Natürlich sieht man, was Spiel und was TV-Serie ist. Allerdings haben die Entwickler ganze Arbeit geleistet, beides ordentlich zusammenzuführen und sowohl den Look als auch das Gefühl der Serie im Spiel zu duplizieren. Das funktioniert vor allem dank des hervorragenden Motion Capturings, das sämtliche Serien-Darsteller ins Spiel integriert und selbst die realistischen Gesichter aus L.A. Noire in den Schatten stellt. Es funktioniert aber auch in den wenigen Momenten, in denen wir Szenen aus der Serie im spielerischen Teil von Quantum Break nacherleben. Das fühlt sich zuerst etwas seltsam an, weil es für das Medium so neu ist. Aber genau das macht es natürlich auch so erlebenswert.

Die TV-Serie, die durchaus mit großen Serien-Produktionen mithalten kann, tut gut darin, viele der Figuren mit weiterem Leben zu füllen. Erst dort lernt ihr Charaktere wie IT-Typ Charlie Wincott (Marshall Allman aus Prison Break) und Monarch-Angestellte und Key-Figur Beth (Courtney Hope) dank der Performances der Schauspieler und dem vielschichtigen Writing erst wirklich zu schätzen.

Wer spielt bei Quantum Break mit? In der TV-Serie tauchen einige bekannte Schauspieler auf. Dabei sind unter anderem Dominic Monaghan (LOST, Der Herr der Ringe), Aidan Gillen (Game of Thrones), Shawn Ashmore (X-Men), Lance Reddick (The Wire, Fringe, LOST) und Marshall Allman (Prison Break).

Vorausgesetzt, ihr kommt auch wirklich dazu, die TV-Serie zu schauen. Zumindest zu Beginn einer Folge hat die Serie, die nicht auf der Spiel-Disc enthalten ist, sondern aus dem Netz gestreamt wird, bei mir ständig unangenehm buffern müssen. Dabei habe ich hier in Berlin eigentlich eine recht gute Internet-Leitung. Alternativ können die Folgen auch vorab heruntergeladen werden, was bei einer Größe von über 70 GB allerdings auch eine nervige Wartezeit ist – insbesondere dann, wenn eure Leitung das Volumen nicht hergibt.

Und was ist jetzt mit dem Gameplay?

Bei einer solch starken Story-Ausrichtung von Quantum Break könnte man durchaus meinen, dass das Gameplay zu kurz kommt. Natürlich sind die entsprechenden Momente wesentlich rarer gesät als bei einem klassischen Shooter; hier entsprechen sie aber genau dem, was von einem Action-Adventure zu erwarten ist – und sind dabei in ihrer Mechanik sogar noch frischer, als die vieler alter Genre-Kollegen.

Was Remedy in Max Payne mit der Bullet Time und in Alan Wake mit der Taschenlampe geschafft hat, machen sie in Quantum Break mit der Zeitreise-Thematik. Jack Joyces Fähigkeiten – die übrigens immer im Kontext der Geschichte erklärt werden – umfassen ein sehr abwechslungsreiches Arsenal an Zeit-Manipulation, das ihm in einem Kampf zugute kommt. Einige Highlights sind die Zeit-Vision, mit der er Gegner erkennen und markieren kann; das Zeit-Schild für die nötige Deckung an jeglicher Stelle, der Zeit-Dash, mit dem er sehr schnell durch die Gegend saust, oder der Zeit-Stop, eine Art Granate, die den Gegner in einem Zeit-Vakuum gefangen hält und mit Kugeln beschossen werden kann, um in einer anschließenden Explosion viel Schaden anzurichten. Das fühlt sich vor allem in der Kombination extrem fetzig, schnell und unterhaltsam an.

Quantum Break ist also weit entfernt davon, nur ein langweiliger Deckungsshooter zu sein. Auch deswegen, weil es versteht, sich selbst zu inszenieren. Ich musste nie Gegner-Horden abfrühstücken; stattdessen fühlte sich jeder Kampf irgendwie besonders an, weil er einen neuen Gegner-Typ vorstellte, eine neue Umgebungsvariable einführte, eine neue Strategie von mir verlangte oder eine interessante Relevanz für die Geschichte hatte.

Auch außerhalb der Shooter-Passagen hat Quantum Break ein gutes Auge für Stil: Die sehr unterschiedlichen Schauplätze sind teilweise wahnsinnig in Szene gesetzt – vor allem in den Sequenzen, in denen die Zeit um uns herum völlig anhält und Jack Joyce einiges an Klettergeschick abverlangt, während um ihn herum jederzeit die ganze Welt zerbrechen könnte. Das ist visuell und konzeptionell atemberaubend – hier und da aber durchaus auch mal frustrierend, wenn die Figur beim Klettern etwas hakt oder die richtige Plattform schwer zu finden ist.

Diese Frustmomente bleiben in Quantum Break glücklicherweise recht gering. Das wohl negativste Beispiel ist da bloß leider der Endkampf, den ich wegen des miesen Designs einer bestimmten Fähigkeit des Gegners am liebsten allen von euch ersparen möchte.

Quantum Break auf Amazon bestellen *

Mein Test-Fazit zu Quantum Break:

Quantum Break ist ein mutiges Konzept. Was ich zu Beginn sagte, hat sich auch nach meiner Spiel-Erfahrung nicht geändert. Hier erwartet euch ein Projekt, auf das ihr euch komplett einlassen müsst – mit all seinen Ideen, Momenten, Vor- und Nachteilen – um es komplett zu begreifen und gern zu haben.

Das elendige Buffern der TV-Serie (vorausgesetzt, ihr ladet sie nicht vorher runter), der miese Endkampf, sowie die Voraussetzung, viel Text zu lesen, könnten den Spaß mit dem Spiel durchaus mindern.

Das macht Quantum Break aber wieder wett durch eine vielschichtige Story, gut gespielte, komplexe Charaktere, einige atemberaubende Setpieces und das pfiffige Shooter-Zeitmanipulation-Gameplay. Und ehrlich, eigentlich will ich Quantum Break schon alleine dafür loben, dass es mit der integrierten TV-Serie trotz einer möglicherweise nischigen Zielgruppe etwas ganz Neues probiert und daran glücklicherweise überhaupt nicht scheitert.

Die GIGA GAMES Wertungsphilosophie

Zu den Kommentaren

Kommentare zu diesem Artikel

Weitere Themen

Neue Artikel von GIGA GAMES

* gesponsorter Link