Tough und herzlich zugleich: Warum wir mehr Heldinnen wie ReCores Joule brauchen

Lisa Fleischer

Obwohl das Zielpublikum von Videospielen doch sehr divers ist, sind viele spielbare Protagonisten leider bis heute recht stereotyp. Spiele aber durch ganz andere Augen erleben zu können, macht einen unglaublichen Reiz aus. Welche Vorteile klug designte Figuren mit sich bringen, zeigt momentan vor allem Joule aus ReCore.

ReCore im Test.
Hinweis: Dieser Artikel ist ein Meinungsartikel, der den Standpunkt unserer Redakteurin widerspiegelt und nicht zwingend der Meinung der gesamten Redaktion entsprechen muss. Er erhebt keinen Anspruch auf eine universell gültige Wahrheit und deckt sich vielleicht nicht mit Deinen eigenen Vorstellungen.

Dass Videospiele längst nicht mehr nur eine einzige Zielgruppe ansprechen, wissen wir alle. Die Auswahl der Menschen, die zum Gamepad oder zur Maus greifen, könnte unterschiedlicher nicht sein: Männer, Frauen, Kinder, Erwachsene. Videospiele werden abwechlsungsreicher, ihr Publikum ebenso. Was sich bislang jedoch nur selten oder sehr schleppend ändert, ist das Charakterdesign vieler Protagonisten in Videospielen. Es überwiegt der typische weiße Held mit braunen Haaren und Bartstoppeln – eine einschränkende Zeichnung des eigentlich sehr breitgefächerten Männerbildes. Ausnahmen bestätigen bekanntlich die Regel, und so lassen sich vereinzelt dann doch Spiele finden, die sich dem divergierenden Bild der Gaming-Community annähern – sowohl mit ihren männlichen als auch weiblichen Figuren.

So hat ReCore bei uns im Test abgeschnitten*

Ein solches Spiel ist das frisch erschienene Action-Adventure ReCore. Heldin Joule ist zwar genauso stark, abenteuerlustig und tough wie es klassische Helden für gewöhnlich nun mal sind. Und trotzdem verzichtet ihr Design nicht auf eine weiche Seite für eine Charaktertiefe, die ich gern häufiger sehen möchte. Ich habe mit ReCores Creative Director Joseph Staten über das richtige Design von weiblichen Charakteren, Emotionen in Videospielen und die Bedeutung von Freundschaft gesprochen und weiß jetzt, was sich andere Entwickler an ReCore-Heldin Joule abgucken sollten.

Bilderstrecke starten(21 Bilder)
Von Aloy bis Lara Croft: 20 coole Videospiel-Heldinnen

Gebt-uns_Thumbnail_1920x1080

Die Details machen die Geschichte

Leider hat ReCore deutliche Schwächen in seiner Story und Präsentation; stattdessen ist das Werk von Mega-Man-Erfinder Keiji Inafune und Metroid-Ideenkopf Mark Pacini vor allem auf das schnelle Gameplay zwischen Platform- und Shooter-Elementen ausgelegt. Dennoch ist den Entwicklern ein passendes Setting samt Erzählung wichtig. Story-Elemente werden Dir nicht nur in den Cutscenes oder durch den Erzähler gegeben, auch Gespräche zwischen den Figuren, die mitten im Spielgeschehen passieren, machen das Spiel aus. Selbst wenn die eher beiläufig passieren, geben genau diese Momente ReCore seinen Charakter und einen Wiedererkennungswert. Ein tragendes Element für diese Situationen ist Protagonistin Joule.

Joules Name sagt laut Joseph Staten mehr über die Heldin aus als alles andere, auch wenn seine Bedeutung im Spiel nicht direkt zur Sprache kommt. So ist „Joule“ entsprechend der Herkunft des Begriffs – eine Einheit für Energie – nicht nur ein Hinweis auf ihren energetischen Charakter, sondern auch auf ihre Vergangenheit. Joule ist die Tochter des Wissenschaftlers Dr. Thomas Adams, der ihr diesen Namen sehr bewusst gegeben hat, sagt mir Staten.

Jedes Spiel braucht eine Heldin

Beim Entwerfen von Joule war den Entwicklern vor allem wichtig, dass sie aus der Masse an Videospiel-Helden hervorsticht. Dabei hatten sie gar nicht von Anfang vor Augen, eine weibliche Heldin zu erschaffen. Ursprünglich wollten sie Dir selbst die Wahl lassen, ob Du lieber als Mann oder als Frau spielen möchtest. Während das Team für beide Varianten mögliche Charaktere entwarf, war es vor allem die ursprünglich noch „Luna“ getaufte weibliche Hauptfigur, die sie begeistern konnte – und später zur alleinigen Protagonistin wurde: „Recht schnell dachten wir dann, oh mein Gott, sie hat diesen wirklich tollen Look und sie ist sehr einzigartig. Also gewöhnten wir uns immer mehr an den Gedanken, sie zur Hauptfigur von ReCore zu machen.“

Die Entscheidung, das Spiel durch die Augen eines weiblichen Charakters zu erzählen, stellt die Entwickler vor eine große Herausforderung, betont Joseph Staten. Das liegt vor allem daran, dass sich momentan noch die Geister scheiden, wie solch eine weibliche Heldin am besten aussehen und wirken sollte – eine Möglichkeit,die allerdings auch zu ganz neuen Gedanken und Konzepten anregen kann. „Wir wollten sichergehen, dass wir den Entwurf eines weiblichen Charakters mit Köpfchen und vielen guten Absichten machen. Dass es ein Charakter wird, auf den jeder stolz sein kann und den jeder gerne spielt.“

So ist Joule auf der einen Seite sehr anpassungsfähig, sie ist gut auf ihre Aufgabe vorbereitet und bestens ausgerüstet für die widrigen Lebensumstände auf Neu-Eden. Ihre Bewegungen sind flink und „badass“. Und trotzdem hat sie auch ihre schwachen, menschlichen Momente. „Deswegen mag ich Joule als Charakter so gerne. Sie hat keine Angst davor, ehrlich darüber zu reden, was sie fühlt. Helden müssen nicht in jedem Moment stark sein, sie haben auch Schwächen und Momente des Zweifels.“ meint Staten.

„Es sind die Unterschiede, die uns stark machen“

Das ist aber nicht das Einzige, was Du von Joule lernen kannst. So kann sie vielleicht nicht alle Probleme auf eigene Faust lösen, hat aber genügend Freunde, die ihr bei ihrer Reise behilflich sind. Die Rede ist von den Corebots, die Joule um sich schert wie eine kleine Familie – unter anderem Mack, Seth und Duncan. Joule fungiert als „Anführerin“ der ungleichen Gruppe, hält die Freunde zusammen und weiß sie anzuleiten und zu unterstützen. Diesen Zusammenhalt sieht man nicht nur am Verhalten der einzelnen Charaktere, sondern auch an ihrem Design. So lassen sich zum Beispiel bei Mack einige Elemente finden, die sich auch in Joules Look widerspiegeln.

Wichtig waren den Entwicklern aber nicht nur die Gemeinsamkeiten, sondern vor allem die Unterschiede zwischen den Charakteren. Während Mack ein quirliger, fröhlicher Roboter-Hund ist, ist Seth hingegen eher vorsichtig und ängstlich. Duncan wiederum glänzt durch seine enorme Stärke, kann dadurch aber auch etwas mürrisch wirken. Diese Charaktereigenschaften werden auch durch ihre sehr bewusste Namenswahl transportiert und haben eine ganz wichtige Funktion, denn: „Es sind die Unterschiede zwischen uns, die uns stärker machen. Und wenn Du Menschen mit unterschiedlichen Stärken und Schwächen vereinst, kannst Du viel stärker werden als Du es alleine bist. Zusammen könnt ihr diese wirklich großen Probleme meisten.“

Was Entwickler von Joule lernen können

Solche Ansätze findet man leider noch viel zu selten in modernen Videospielen. Dabei haben starke Charaktere wie Joule einen ganz entscheidenden Vorteil: Sie lassen mehr Spielraum für Menschlichkeit und bieten Dir nicht nur einen intensiveren Spielspaß, sondern können Dich auch zum Nachdenken und Überdenken Deines eigenen Handelns anregen. Ich würde mir wünschen, dass in Zukunft noch mehr Studios beim Design ihrer Figuren in solch eine Richtung denken. Damit Du nicht weiterhin nur den immer wieder selben (oft männlichen, bärtigen) Helden auf Deiner Reise durch die Videospiel-Releases triffst, sondern Geschichten auch durch die Augen ganz anderer Figuren erlebst – durch die von vorsichtigen, verrückten oder schüchternen Helden, oder kurzum: menschlichen Protagonisten.

Bestelle ReCore bei Amazon*

Zu den Kommentaren

Kommentare zu diesem Artikel

* Werbung