Red Dead Redemption 2 lässt mich vergessen, dass es ein Spiel ist

Marina Hänsel 7

Hab‘ die ganze Nacht Poker gespielt. 10 ct gesetzt, 20 ct; 1 Dollar, 15 Dollar, 100 Dollar. All-In, All-In! Und alles verloren. Als ich aus dem Fenster geschaut habe, war es hell draußen – hab‘ ich wirklich so lange gespielt? Aber es war ja nur das Fenster im Saloon, nicht das reale hinter mir in meiner Wohnung. Phu, nochmal Glück gehabt.

Also, das war so: Zuerst habe ich nur Poker gespielt. Nächte lang. Dann, als mir danach war, habe ich meinen Kumpel Lenny ins nächste Dorf zum Feiern begleitet, hab‘ einen über den Durst getrunken und jemanden fast in der Schweinetränke ersoffen. Kann mich kaum noch ‚dran erinnern. Man, hatte ich danach einen Kater – das glaubst du mir nicht! Als ich am nächsten Morgen im Dreck aufgewacht bin, hätte ich fast noch einen anderen Kerl erschossen – aber das war keine Video-Sequenz, das war ich.

Ich hätt’s fast gemacht, ich weiß selbst nicht, warum. Schließlich habe ich mich gefragt – warum, die Ochse, du bekommst doch nur ein Kopfgeld. Ich dachte wohl einfach, dass es das wäre, was Arthur machen würde, wenn er verkatert angepöbelt wird. Red Dead Redemption 2 lädt mich und andere Gewillte dazu ein, sich völlig in der riesigen Welt zu verlieren: Du kannst pokern, Domino & Blackjack spielen, angeln, jagen, saufen, essen, trinken, rauchen, dich von hübschen Frauen waschen lassen; du kannst Züge und Kutschen überfallen, Menschen aufhängen oder einfach nur knebeln, lebendig oder tot.

Und sie reagieren. Jeder einzelne Mensch in Red Dead Redemption 2 reagiert auf meine Handlungen. NPC, Entschuldigung.

Sie schreien, wenn ich mit der Waffe auf sie ziele, werden ärgerlich, wenn ich sie anstarre. Sie rennen weg, wenn sie glauben, keine Chance zu haben oder lassen sich überreden, dem hiesigen Sheriff kein Wort zu verraten. Sie reden über alltägliche Dinge, wenn ich an ihnen vorbeilaufe, stoppen aber, sobald ich stehen bleibe und zuhören will. Was ich hier will?, fragen sie. Keine Ahnung, ich wusste ja nicht, dass Starren verboten ist!

Alles nicht neu, gibt’s schon!, willst du vielleicht rufen, oder auch So besonders ist das jetzt auch wieder nicht! Vielleicht nicht. Aber lass mich dir eine kleine Geschichte erzählen – ich ritt durch die Prärie, bis ich Hilferufe hörte. Als ich anhielt, erkannte ich eine Frau, die halb unter einem Pferd lag und natürlich meine Hilfe brauchte: Kein Problem, denn ich bin ein Gentleman. Ich hievte also das Pferd soweit zur Seite, dass sie das Bein hervorziehen und aufstehen konnte.

Ob ich sie nicht bis in die nächste Stadt reiten könnte? Klar, kein Problem. Ich stieg auf mein Pferd und wollte ihr die Hand reichen, aber sie bemerkte nur, dass hier kein Platz für sie sei – ein totes Reh lag an jener Stelle, an der sie sitzen wollten.

Oh.

Gentleman, der ich bin, stieg ich ab, nahm das Reh vom Pferd und entschied mich, einfach schnell das Fell vom Fleisch zu reißen, damit ich es nicht umsonst geschossen hatten. Das war der Moment, in dem sie sich abwandte und gen Stadt lief – sie würde doch gern lieber alleine gehen. Na, danke! Aber viel wichtiger: Hatte sich die Dame etwa zu sehr vor mir geekelt oder gefürchtet, weil ich vor ihr ein Tier gehäutet hatte? Wirklich?

Wirklich.

Red Dead Redemption 2 ist zu realistisch für sein eigenes Wohl

Wir alle kennen Spiele. Gute, schlecht und mittelgute Spiele, die dieses Jahr und zuvor auf den Markt gekrabbelt und uns in ihre Welten gesogen haben. Reden wir von Open-World-Titeln, fallen mir auf Anhieb mehrere ein, angefangen von The Elder Scrolls 5: Skyrim über Far Cry, Spiderman und und und. Reden wir von realistischen Spielen, oder eben jenen virtuellen Welten, die versucht haben, Realismus zu integrieren, fällt mir Kingdom Come Deliverance ein.

Realismus kann zumeist am besten in einem offenen Spiel zur Schau gestellt werden; denken wir nur an Hack-den-Baum-und-jage-dir-einen-Hasen-den-du-über-dem-Feuer-brätst-Survival-Ablegern. Es ist realistisch, Blumen zu pflücken, Tiere zu jagen und andere NPCs angreifen zu können. Es ist realistisch, Bücher zu lesen anstatt nur sammeln zu können; es ist realistisch, wenn NPCs nicht nur in der Gegend herumstehen und Quests vergeben. Das alles sind jedoch Dinge, die in Open-World-Spielen geschehen – und nicht in linearen Story-Erfahrungen.

Red Dead Redemption 2 möchte so realistisch wie möglich sein – realistisch und immersiv, wobei die gesamte Welt, das Verhalten der NPCs, die Möglichkeiten, die du hast, die Story und auch das Gameplay zusammenspielen.

Fühl dich, als wärst du wirklich in einem Western!

Es gibt etliche Details, die in RDR2 zum Realismus beitragen: Du jagst nicht nur Rehe und Hasen, sondern du häutest sie und brätst das Fleisch direkt über dem Feuer, indem du X für ein paar Sekunden gedrückt hältst. Verkaufst du das Fell, errechnet sich der Wert unter anderem danach, wo und mit welcher Waffe du das Tier geschossen hast: Hast du den ganzen Bauch mit Pfeilen gelöchert? Schlechte Fellqualität. Hast du es mit einem Kopfschuss erledigt? Besser. Lag das Tier zu lange auf deinem Pferd, verschimmelt es und ist unbrauchbar.

Auch das Visuelle hilft dir, dich hineinzufühlen: Du siehst es, wie du das Tier aufschneidest; du siehst es, wie du das Fleisch kochst und isst. Und es gibt noch viel mehr – selbst in Geschäften besteht die Möglichkeit, alle Gegenstände direkt aus dem Regal zu nehmen. Entscheidest du dich für eine Auflistung, blättert Arthur in einem Katalog, der so auch tatsächlich in einem Shop liegen könnte. Aber hey, warum überhaupt bezahlen? Du kannst den Ladenbesitzer auch bedrohen und ausrauben, und dir nehmen, was du möchtest. Solange du mit den Konsequenzen leben kannst, natürlich.

Reiten. Reiten in Red Dead Redemption 2 ist auf mehrere Arten realistisch; dein Pferd kann ausrutschen, gegen einen Baum laufen, dich abwerfen; es kann unruhig werden oder sich erschöpfen. Während des Ritts gibst du mit X die Geschwindigkeit an: Je schneller du die Taste betätigst, desto schneller reitest du. Was mich tatsächlich beeindruckt hat, ist eine schonende Variante des Reitens: Wenn du X im Takt des Pferdeschrittes tippst, verbraucht es weniger Energie. Kannst du reiten? Ich meine, auf einem echten Pferd. Dann weißt du, dass du dich als Reiter im Takt mit dem Tier bewegen solltest.

Die Umsetzung in RDR2 ist nahezu genial. Und es lässt mich leider allzu schnell vergessen, dass Red Dead Redemption nicht alles kann.

Das beste Pferd im Spiel gefällig? Es ist kein Einhorn, aber es ist dennoch schön:

Red Dead Redemption 2: So findet ihr das beste Pferd früh im Spiel!

Es gibt Bugs. Oder Schwierigkeiten dabei, bestimmte Objekte aufzuheben – falls davor eine Leiche den Weg versperrt oder neben jenem wichtigen Quest-Gegenstand eine Flasche Schnaps und Zigaretten liegen, musst du die eventuell zuerst aufheben.

Ich möchte dir noch eine Geschichte erzählen – keine Sorge, sie ist nur kurz: Während einer Mission habe ich mit einem NPC-Kumpel aus meinem Camp eine Wohnung durchsucht, doch ich konnte mehrere Schränke und Schubladen nicht anvisieren. Sie wurden mir als klickbar angezeigt; aber nichts funktionierte. Schließlich stellte sich mein Gefährte draußen vor die Tür und bewegte sich nicht mehr.

Was jetzt?

Ich bin durch die Wohnung geschlichen. Gekrochen. Gerannt. Habe etliche Male versucht, den Schrank doch noch zu öffnen. Bin auf das Dach, denn vielleicht befindet sich dort der entscheidende Hinweis?! Oder in der Umgebung – vielleicht habe ich etwas übersehen; ich muss etwas übersehen haben, denn sicherlich liegt der Fehler bei mir und nicht im Spiel.

Natürlich war es ein Bug. Als ich schließlich verzweifelt geladen habe, lief alles anders – zwar konnte ich die Möbel noch immer nicht durchsuchen, aber mein Cowboy-Freund hat das Ruder in die Hand genommen und stand nicht nur teilnahmslos da. Verdammtes verbuggtes Spiel!

Dabei ist es nicht verbuggt. Im Vergleich zum Umfang von Red Dead Redemption 2 sind die kleinen Fehlerchen beeindruckend selten. Ganz im Gegensatz zu Kingdom Come Deliverance, das für einige über Bugs und Glitches unspielbar wurde. Habe ich mich bei Kingdom Come Deliverance großartig aufgeregt, als mein Pferd im Zaun stecken blieb? Oder bei Skyrim? Nein. Denn Fehler in der Matrix waren keine Seltenheit; ich war mir irgendwie immer doch sehr bewusst, dass es eben ein Spiel ist. Dass NPCs dumm sein können, Pferde manchmal seltsam sind und Gegenstände in der Luft hängen könnten.

Der Teufel steckt im Detail, wenn es um Realismus geht:

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Mit Liebe zum Detail - Das sind die realistischsten Momente in Games.

Red Dead Redemption 2 hält den Zauber so effektiv aufrecht, dass mich jeder einzelne Bug ärgert. Ungerecht, oder? Aber wahr, denn ich möchte nicht aus jener Fantasie gerissen werden, die Rockstar Games hier minutiös aufgebaut hat. Ich poche darauf, dass alles realistisch zugeht, denn RDR2 macht wie kein anderer Titel den Anschein, irgendwie real zu sein. In seiner virtuellen Pixel-Welt. Damit ist es das wohl realistischste Spiel, an das ich je Hand anlegen durfte – und wenngleich mich kleinere Bugs ziemlich hart aus dem Spielgeschehen reißen, kann ich jene Makel doch, schließlich, verzeihen. Im Nachhinein wenigstens. (Außer mein Pferd stirbt dabei. Dann nicht.)

Wie gut kennst Du die Red-Dead-Reihe?

Rockstar Games hat endlich das heiß ersehnte Red Dead Redemption 2 angekündigt. Zeit für Dich, einen Blick auf die beiden ersten Ableger der „Red Dead“-Reihe zu werfen und herauszufinden, ob Du das Zeug zu einem wahren Revolverhelden hast!

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