Red Dead Redemption 2 ist ein Cowboy-Klischee, das mit sich selbst bricht – Test

Marina Hänsel 3

Es ist ein gutes Spiel.

Red Dead Redemption 2 ist ein derart umfangreiches, komplexes und vollgestopftes Spiel, dass ich mich erst jetzt – nach etlichen durchgespielten Wochenenden – dazu in der Lage sehe, Rockstars Western-Giganten zu testen. Und ich werde keinesfalls alles berücksichtigen und besprechen können, was RDR2 tatsächlich bietet: Hierfür habe ich mehrere Artikel zu besonderen Aspekten im Spiel geschrieben, die ich dir ans Herz lege. Ebenso wird der Online-Modus nicht im Test berücksichtigt. Schließlich, und das nur zu deiner Information, wird Red Dead Redemption 2 als erstes Spiel keine Zahlen-Wertung von GIGA GAMES erhalten. Was würdest du The Elder Scrolls 5: Skyrim geben, eine 8/10? Ich denke, du weißt, was ich meine.

Alle Aspekte berücksichtigt, ist Red Dead Redemption 2 ein wirklich gutes Spiel. Es erzählt die Geschichte von Arthur Morgan, einem Outlaw-for-Life, der zur Van-der-Linde-Gang gehört; angeführt von Dutch, der den Antagonisten im ersten Teil des Western-Epos spielt. Du bist ein Cowboy, Dieb, Mörder, Spieler, Raucher, Alkoholiker, ein Revolverheld und guter Reiter, ein trauriger, gescheiterter Mann, dessen Gang seine Familie ist.

Du bist ein Sklave der Umstände, und eigentlich bist auch du doch mehr Zuschauer als Spieler: Red Dead Redemption 2 bietet eine riesige, offene Welt und etliche Missionen, Mini-Spiele, Easter Eggs, Zufallsbegegnungen, Lebendigkeit und Möglichkeiten, aber keine tatsächlichen Entscheidungen. Es geht in diesem Spiel nicht darum, was du willst. Genauso wie ein Kind im Spielzimmer seiner Fantasie freien Lauf lässt und nahezu alles machen kann, außer zu entscheiden, wann es ins Bett darf. Das ist, schließlich, überhaupt kein Problem – du solltest nur wissen, dass es sich hier um eine Story-getriebene Spielkiste handelt, kein Wir-gaukeln-dir-vor-dass-du-entscheidest-wer-du-bist-und-wie-die-Story-verläuft-Titel. Wie es die Mass Effect-Teile zu gewissem Grad gewesen sind.

Die Symbiose zwischen einer wundervoll geschriebenen Story auf der einen Seite – und der realistischen, unglaublich lebendigen Cowboy-Welt auf der anderen; die ist hier jedoch fantastisch geglückt. Und sie ist eine der größten Stärken von Red Dead Redemption 2.

Eins, zwei, drei, du bist niemals frei

Du könntest sagen, Red Dead Redemption 2’s spöttischster Seitenhieb geht gegen sich selbst. Das Spiel ist gespickt mit Andeutungen und Zitaten auf unsere mediale Gesellschaft, auf den Ku Klux Klan, auf die feministische Bewegung, auf den Umgang mit den indigenen Völkern Amerikas. Immer ein bisschen lustig, immer ein bisschen spöttisch, manchmal zynisch bis morbid. Das ist Rockstar Games, das ist GTA; faszinierend daran ist jedoch, wie sich das Spiel selbst auf den Arm nimmt: Indem es dir eine riesige Welt voller Möglichkeiten bietet, und dazu einen Charakter, der gefangener nicht sein könnte.

Tu alles, was du willst. Aber bleibe Arthur Morgan, der auf ewig verdammte Cowboy in einer Ära, die Cowboys und Revolverhelden hasst. Ich habe es das Scheitern des Western-Heldens genannt, ein Prinzip, das Red Dead Redemption 2 in einen Anti-Western wandelt. Nicht der allererste, aber vielleicht der erste im Kontext von Videospielen – Anti-Western-Filme haben schon seit 1950 ihre Runde gemacht. Filme, die von Anti-Helden getragen wurden und mit dem ursprünglichen Konzept des Revolverhelden brachen. In den Fängen der Story und der Van-der-Linde-Gang wird Arthur Morgan niemals frei sein, ganz genauso wie du ihn niemals befreien kannst.

Das ist traurig, und wenn Red Dead Redemption 2 eines ist, dann wohl traurig. Um das jedoch klarzustellen, ich rede hier weder vom Ende, noch von besonderen Momenten oder Missionen, die ich hier nicht spoilern werde. RDR2 ist inhärent traurig. Was damit einhergeht, dass du Dialoge und Story verfolgen musst, um dem Spiel und dem Geld, was du dafür ausgegeben hast, gerecht zu werden.

Der Tod des Klischees

Du willst ein Spiel, in dem du Dinge ausprobieren, in die Luft jagen und entdecken kannst? In dem du einen Western-Helden spielst und deinen Machtfantasien frönen kannst – und ich liebe Machtfantasien, wie wohl alle Spieler? Das ist nicht Red Dead Redemption 2. Während ich nicht glaube, dass viele von Rockstars Western-Epos enttäuscht wurden, ist es doch ein gewisses GTA-Feeling, das Rockstar umgibt, ein Lass-uns-Spaß-haben-und-Leute-abknallen-Gefühl. Aber nein, das wirst du dir in RDR2 nicht einverleiben können; du kannst es versuchen und ein paar spaßige Sachen erleben, ja. Um es völlig zu befriedigen, wirst du aber wohl auf Red Dead Online zurückgreifen müssen, und selbst da ist es noch nicht ganz klar:

Red Dead Online will Single- und Multiplayer verbinden.

Red Dead Redemption 2’s Story, Texte und Dialoge sind Herz und Seele des Spiels, während die Welt einen wundervollen Körper bietet. Der würde jedoch sehr viel weniger ohne die Geschichte existieren können, als andersherum. Ich glaube tatsächlich, dass RDR2s Welt Red Dead Online noch sehr viel mehr bieten wird, als es dem Singleplayer bieten konnte. Auch, wenn ich es geliebt habe – die weite Prärie, die halbwegs lebendigen NPCs, die Survival-Aspekte und schließlich auch der Realismus, der ja überall angepriesen wird. Durchaus zu Recht, denn er ließ mich zuweilen vergessen, dass ich hier ein Spiel und kein Stück Realität in den Händen halte.

Also, dieses Ding, was Story heißt. Ich denke nicht, dass es sinnvoll ist, dich bei der Hand zu nehmen und durch die Missionen zu geleiten, nur so viel: Arthur Morgan wird nahezu jeden Aspekt des Outlaw-seins ausleben können, geführt durch mehr und mehr gleichartige Große Dinger; Diebstähle und Überfälle der Van-der-Linde-Gang. Es geht um Geld und um den Kampf gegen das System, welches Cowboys und Revolverhelden verachtet. Ausrauben, entführen, und schießen, schießen, schießen – während die Story im Spiel nicht wunderbarer geschrieben sein könnte (ich glaube, das hatte ich schon irgendwo gesagt?), sind die Missionen immer das eine: Schießen. Töten. Anknallen. Sterben, zuweilen. Dann abschlachten. Niederstrecken. Retten, zuweilen. Und totschießen, bis keiner mehr lebt.

Ist das die einzig wichtige Gameplay-Mechanik in den Story-Missionen? Ja. Ich empfand dennoch keine davon langweilig oder öde, und auch auch hier verspottet Red Dead Redemption 2 sich doch selbst: Indem Töten gleichermaßen Weg zum Glück und zum Verhängnis wird; indem es sich dir aufzwingt, ebenso wie es sich all den anderen Mitglieder der Gang diktiert. Der einzige Weg rein ist Töten, der einzige Weg raus ist Töten.

Und das in einem Spiel, das von Machos getragen wird. ‚Harten‘, abgestumpften, maskulinen Charakteren, die glauben, von den Reichen zu nehmen und den Armen zu geben – die glauben einen Ehrenkodex zu besitzen; die glauben, Opfer zu sein. Das sind sie nicht, denn sie sind Mörder und Diebe. Den größten Mord begehen sie an dem Klischee des Western-Helden, der nach Red Dead Redemption 2’s destruktiver Reise wohl endgültig zu Grabe getragen werden kann.

Was bleibt, ist Hoffnung

Nun, es gibt natürlich Hoffnung in Red Dead Redemption 2. Und die entfaltet sich zumeist in jener kleinen Schnittmenge zwischen Neben- und Hauptmissionen, die tatsächlich, irgendwie, etwas bedeuten. Ich rede von all den Kleinigkeiten, die Arthur Morgan in ein lebendiges Wesen wandeln; und zuweilen auch in einen guten, ehrenvollen Menschen: Die Almosen, die du Bettlern geben kannst. Die zufälligen Personen, die du auf der Straße triffst und denen du helfen könntest. Aber auch ganz besonders die Nachkommen der indigenen Völker Amerikas, denen du über mehrere Aufgaben hinweg näherkommen darfst – wenn du dich dafür entscheidest.

Gibt es Hoffnung für den Outlaw? Nein, das sicher nicht. Aber es gibt Hoffnung für die Figuren in Red Dead Redemption 2; Akzeptanz und ein gewisses Maß an Genügsamkeit, was dir und Arthur gleichermaßen über den Abstieg des Revolverhelden-Ideals beigebracht wird. Ich glaube, das ist es auch, was die letzten Stunden des Spiels gewissermaßen rettet: Denn es gibt Makel und zu langatmige Passagen, es gibt Redundanz und Stellen, an denen ich mich wirklich motivieren musste, weiterzuspielen. Letztendlich bin ich mehr als froh, dass ich es getan habe.

All die kleinen Makel

Was ist falsch an Red Dead Redemption 2? Während die lautesten Medien das Spiel geradezu mit Lob überschütten, ist es sicherlich nicht frei von Makeln. Einige, die mir aufgefallen sind, hast du womöglich ganz anders empfunden – andere sind nicht von der Hand zu weisen. Ich habe schon darüber gesprochen, dass RDR2 zu realistisch für sein eigenes Wohl sein kann; und zwar überall dort, wo es mit dem eigenen Konzept bricht.

Wenn du etwa von NPCs angegriffen wirst, dich wehrst und plötzlich ein Kopfgeld für deine bösartige Notwehr erhältst. Wenn Pferde dir ungefragt kilometerweit folgen und plötzlich neben einem Zug erscheinen, den du steuerst – und sterben (?). Wenn Bugs. Ohja, wenn Bugs – Red Dead Redemption 2 hat nicht viele Bugs. Das Amüsante daran ist jedoch, dass jeder einzelne, der mir begegnet ist, eine Mission unspielbar machte. Entweder konnte ich den Quest-Gegenstand nicht aufheben, ein Quest-NPC hat nicht mehr reagiert oder ich konnte ein Fortbewegungsmittel nicht benutzen. Glücklicherweise konnten diese Bugs aber alle irgendwie umgangen werden – heil den Bug-Guides für RDR2.

All das ist nicht schlimm. Eigentlich, denn aufgrund der Realismus-Prämisse von Rockstar; dem Ziel, dich als Spieler so immersiv wie nur irgend möglich ins Spiel zu ziehen – ist es doch schlimm. Womöglich kannst du es auch anders formulieren: Red Dead Redemption 2 ist zu gut für sein eigenes Wohl, denn alles Schlechte daran sticht wie ein knallrotes STOP-Schild aus dem Spiel heraus.

Dazu ist es nicht originell, besonders kreativ oder mutig, wenngleich ich nicht glaube, dass es eines davon unbedingt sein müsste. Neben den ewigen Schießereien sind die meisten Missionen – und auch die Easter Eggs – Zitate auf andere Medien, Ideen oder Konzepte; das Gameplay bedient sich an Altem und macht genau das wunderbar. Die Geschichte derweil ist – wundervoll geschrieben! Lass es mich noch einmal sagen. – eine typische Anti-Western-Geschichte, und traut sich keinen einzigen Schritt in kontroverses Gebiet.

Nicht kontrovers, aber unheimlich ist Red Dead Redemption 2 allemal: Na, magst du dich ans Lagerfeuer zu Arthur setzen? Und seinen Gruselgeschichten lauschen? Dann komm einfach vorbei.

Das ist wohl jener Aspekt, den viele Spieler am wenigstens vermissen; der mich aber wehmütig stimmt: Wo ist der Mut, Grenzen zu übertreten? Die Verunglimpfung einer der meistgehassten Sekten der Welt, des Ku Klux Klans, ist das Höchstmaß an Mut, was Rockstar hier beweist. Alles andere? Gut und schön, aber nicht neu, revolutionär oder wenigstens frech. Politische Themen werden nur angerissen, wenn überhaupt. Ansonsten gibt’s gemäßigte, sichere Themen; was heiß ist und wehtun könnte; was einigen Spielern also nicht gefallen könnte, das wird ängstlich ausgelassen.

Red Dead Redemption 2 ist nicht die Revolution des Genres oder auch nur ein Spiel, das irgendetwas verändern wird. Es fügt sich vielmehr brav und gehorsam in die Videospielhistorie ein, und ich weiß nicht, wie es jemals mehr sein könnte. Was nicht schlimm ist.

Red Dead Redemption 2 ist voll von Geheimnissen – kennst du sie schon alle?

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Red Dead Redemption 2: 14 Geheimnisse und Details, die du noch nicht kennst.

Red Dead Redemption 2 ist …

Groß. Dialog-lastig, spaßig, realistisch, emotional, maskulin und wirklich traurig. Es saugt dich in seine Geschichte und in die lebendige Welt, kaut eine Weile auf dir herum und reißt dir genau dann das Herz aus der Brust, wenn dir langweilig wird. Rockstar Games brilliert hier in der Kategorie Jeder wird an diesem Spiel etwas mögen! Ich ganz persönlich würde allerdings nicht behaupten, dieser Ansatz bringe die besten Produkte auf den Spielemarkt. Ich kann natürlich falsch liegen.

Red Dead Redemption 2 ist auch spaßig, eklektisch, verspielt und weiß sich ganz genau in der Geschichte der Medien zu positionieren: Als Spiegel von Film- und Videospiel-Universum, an denen sich bedient wird – ebenso wie sie über Zitate präsentiert werden. Dabei hätte RDR2 wirklich mutiger sein können, aber es ist, was es ist und sicher ist sicher, oder?

Red Dead Redemption 2 ist, schließlich, eine wundervolle Geschichte gespickt mit all jenen Gameplay-Mechaniken, die sich über die Zeit bewehrt haben. Es hat seine Makel, aber es schafft irgendwie jedem von uns zu gefallen; mal mehr, mal weniger, aber doch mit Bravur. Zusammen mit Red Dead Online verspricht es noch über Monate hinweg für Unterhaltung zu sorgen, denn es ist vielleicht einer der besten Western im eigenen Medium, und es ist ein gutes Spiel.

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