Risen 3 Test: Wir können nur piraten: Zieht es euch rein!

Leo Schmidt 17

Erste Eindrücke sind schwer wieder aus der Welt zu räumen, vor allem aber bei Rollenspielen fast wertlos. Wenige Genres bauen so sehr auf Langzeitmotivation, Spielwelt, Substanz in den Details und der Mechanik, und daher bringt es überhaupt nichts, bereits nach einer Stunde mit grimm gekrümmter Augenbraue den Daumen zu heben oder zu senken und sich ein finales Urteil zu bilden.

Risen 3 Test: Wir können nur piraten: Zieht es euch rein!

Daraus erklärt sich auch, dass ich jetzt immer noch skeptisch war, als ich endlich die finale Version von Risen 3 spielen durfte. Der erste Eindruck der Vorschauversion war sehr ordentlich, hatte Spaß gemacht und mir so manches Funkeln in den Augen entlockt. Aber wie viele von uns sind auf das Bug-Fest Gothic 3 reingefallen, hatten sich über Screenshots von Arcania gefreut oder im Vorfeld nicht absehen können, dass die Palmenüberdosis des piratischen Risen 2 uns nach ein paar Stunden tatsächlich anöden würde? Ich hatte eine Insel gesehen, ein paar Stunden gespielt – das reicht nicht.

Nun aber bin ich durch. Etwas über 20 Stunden habe ich gebraucht, wobei ich natürlich einen Kompromiss aus Geschwindigkeit und Erforschung der Welt anstreben musste. 30 Stunden sind sicherlich denkbar, mehr halte ich für eher unwahrscheinlich und braucht das Spiel auch nicht unbedingt. Es waren auf jeden Fall 20 Stunden, in denen nicht eine Sekunde Langeweile aufkam, in denen ich mich vom Rechner reissen musste, weil ich wirklich im Spiel versunken war.

Risen 3 - Titan Lords - CG-Trailer.

Es liegt… wartet, fangen wir doch vielleicht mit einer Sache an, an der es nicht liegt. Risen 3: Titan Lords erzählt die Geschichte, die alle Spiele von Piranha Bytes immer erzählen, und ich kann nicht leugnen, dass mich diese Storys noch nie vom Hocker gerissen haben. Unser namenloser Piraten-Held und seine ebenso dralle wie unsinnig gekleidete Schwester Patty landen auf einer Insel, wollen aus einer Ruine einen Schatz bergen und unser Held geht bzw. segelt über den Jordan.

Totgesagte säbeln länger

Nun, nicht so ganz: Ihm wird die Seele von einem bleichen und sehr magisch anmutenden Skelettmännchen per okkultem Zungenkuss aus dem Rachen gezogen und fortan muss der Protagonist versuchen, sie wiederzufinden. Gleichzeitig wird das Inselreich bedroht von einem Geister-Kapitän und natürlich ist nichts, wie es scheint und jemand zieht im Hintergrund die Fäden – und wer wird das wohl in einem Spiel namens „Risen 3 – Titan Lords“ sein?


Die Geschichte passiert halt so und wird im Spiel auch irgendwie präsent sein, sich aber nie in den Vordergrund drängen. Im Gegenteil verschwindet sie ganz gerne mal hinter den unzähligen Nebenaufgaben, Sidequests und anderen angenehmen Ablenkungen, mit denen die Welt vollgepfropft ist. Das ist wohl auch so gedacht, denn jeder Gothic- und Risen-Fan weiß natürlich, wofür die Handlung als erster Aufhänger dienen muss: Wir brauchen Macht und Hilfe, um unsere abtrünnige Psyche wieder einzufangen. Who you gonna call? Eine von drei Fraktionen, natürlich.

Diesmal sind es die Dämonenjäger, die Wächter oder die Piraten, und in diesem Schisma der Welt zeigt sich dann auch der ganz deutliche und nach außen getragene Anspruch von Piranha Bytes, wieder zurückzurudern, wenn auch nur ein Stück. Nicht jedem behagte das Piraten-Szenario von Risen 2, viele wünschten sich die Ästhetik der alten Gothics zurück. Da man aber niemanden vor den Kopf stoßen oder vergraulen möchte, versucht man sich in diesem Teil nun an einem notwendigen Spagat: Eine Insel so, die andere so. Hocheuropäische Burgen, Ruinen und Mischwälder bilden das Reich der einen Fraktion, Palmen, eingeborene Voodoopriester und Krummsäbel sind die Domäne der anderen Gruppe.

Das haut bedingt hin. Auf ihre Art sind die einzelnen Teile der Welt gut gestaltet, allerdings werden viele Spieler vielleicht einen Teil favorisieren und den anderen dafür eher „durchstehen“. Die Dschungelinsel Kila ist beispielsweise pervers groß, was allein ihre Überquerung zu einer Tortur macht, dafür kann man hier über Hängebrücken und gestürzte Riesenstämme in den Baumkronen der Wildnis hin- und herturnen. Andere Gegenden sind von der Struktur her nicht so interessant, auf ihre Art aber auch stimmig. Die ganze Spielwelt ist Kompromiss, aber einer, der erstaunlich gut funktioniert.


Was aber natürlich auch maßgeblich daran liegen dürfte, wieviel Spaß man in ihr hat. Das bekannte Kampfsystem mit rhythmischen Combos, Paraden, Riposten, Ausweichrollen, Magie und Fernwaffen bleibt über die gesamte Spielzeit hinweg dynamisch und lustig. Jeder Feind zeigt andere Verhaltensweisen, will etwas anders angegangen werden. Veteranen sollten am besten gleich den höheren Schwierigkeitsgrad wählen, sonst besteht die Gefahr, sich zu langweilen.

Zwar auch unterhaltsam, vielleicht aber nicht optimal genutzt, sind die drei Magieschulen der Fraktionen. Während sowohl Schwerter als auch Fernwaffen sehr satt sind und einen merkbaren physischen Einschlag haben, ist das bei den Zaubern nicht immer oder nur bedingt so. Nun ist auch nur eine der Gruppen mit wirklich vielen Angriffsmöglichkeiten gesegnet, die anderen Fraktionen benutzen die Zauberei eher zur Unterstützung. Cool ist das alles, ob man nun Energiewellen schleudert, Höllenhunde beschwört oder sich in einen Papageien verwandelt, um das Terrain zu erkunden, wenn man aber das Spiel noch nicht so gut kennt und nicht recht weiß, worauf man sich einlässt, kann es passieren, dass man nicht bei genau dem Charakter ankommt, den man wollte. Ein bisschen mehr Kommunikation wäre schön gewesen.

Makellos mit kleinen Fehlern

Vielleicht aber wollen Fans ja genau das nicht. Es ist mittlerweile wahrscheinlich sogar für Piranha Bytes selbst kaum noch einzuschätzen, was sie richtig oder falsch machen, und erst recht für Leute, die vielleicht mit der Reihe bislang keine Berührung hatten und gerne wüssten, was sie sich für viele Euronen in die Stube holen. Ich beispielsweise fand die Charaktere eher blass, die Dialoge und Sprachausgabe durchwachsen, das Questdesign gut, aber manchmal eine Spur zu einfallslos. Allerdings immer, wenn ich mich mit Hardcore-Gothic-Veteranen unterhalte, finden die das gerade gut, dass zum Beispiel alle Charaktere fluchen wie die Droschkenkutscher, dass die Figuren nicht so flamboyant sind und gegen das Plätten von Getier oder das Sammeln okkulter Artefakte scheinen sie auch nichts zu haben.


Ich zumindest sehe solche Elemente als Schwächen, wie ihr aber an der Wertung und dem Grundton des Tests merkt, hatte ich dennoch so richtig Spaß. Ich hab die Story eher nebenbei mitgenommen und die riesige Welt erforscht, immer noch einen Schatz gehoben, noch eine kleine Aufgabe erledigt, meinen Nahkampf-Magie-Hybriden nach bewährter Formel weiter aufgepumpt und war richtiggehend enttäuscht, als es vorbei war, weil ich abgesehen von Videospielen keine Freude am Leben habe. Die Immersion von Risen 3 ist fantastisch, woran nicht zuletzt auch die tolle Präsentation ihren Anteil hat. Die Grafik ist plastisch und lebendig, lauschige Siedlungen, satte Dickichte und rissige Ruinen laden allesamt zur Erkundung ein, große Momente werden standesgemäß inszeniert und ein von einer Klippe eingefangenes Panorama kann schon den Atem rauben.

Der vielleicht größte Fehler, den man machen kann, ist, Risen 3 ins Regal zwischen die anderen ganz großen RPGs zu packen und einen Vergleich anzustellen, denn da zieht es notwendigerweise den kürzeren. Es hat nicht die ausladene Epicness eines Dragon Age, nicht die grimme Kernigkeit eines Witcher. Solche Vergleiche sind aber auch nicht angebracht. Risen 3 macht sein Ding, und auch, wenn man darüber streiten kann, wie klassisch, bewährt oder eben auch abgenutzt und ausgelutscht einzelne Elemente sein mögen, ergibt sich insgesamt ein sehr eigenständiges Paket, nicht zuletzt durch den Spagat zwischen Piraterie und der althergebrachten Sword & Sorcery.

Fans der Reihe haben somit allen Grund, unabhängig von früheren Eindrücken der Vorgänger wieder einen Blick zu riskieren. Doch auch wer neu ist, sollte in Betracht ziehen, mit Risen 3 eine ausgedehnte Runde zu drehen, denn er verpasst sonst eine fast durchweg erfreuliche Rollenspiel-Erfahrung.

Fazit

Perfektion ist ja bekanntlich die Schwester der Langeweile, also dürfen wir alle dankbar sein, dass Risen 3 nicht perfekt ist, sondern einfach nur ein richtig schönes Rollenspiel. Alle Stärken der Reihe sind vorhanden – und wie könnte es auch anders sein, Piranha Bytes machen ja nichts anderes – und mit den ordentlichen Kampfmechaniken, abartig vielen Quests und Nebenbeschäftigungen und der ansprechenden Präsentation ist es eine wahre Freude, die Inseln zu erforschen.

Die Story ist nicht unbedingt die größte Stärke, auch die Dialoge und Charaktere treffen nicht immer ins Schwarze und jeder muss für sich entscheiden, ob der Balanceakt zwischen karibischem Piratenkitsch und der guten alten Gothic-Finsternis gelungen oder überhaupt wünschenswert ist. Je nachdem, wie man es spielt, kriegt man eine Menge Game geboten und hat lange Spaß. Keinen abgespeckten Witcher-Spaß, keinen „Ich-hätte-lieber-Bioware“-Spaß, sondern echt guten Risen-Spaß.

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