Ryse – Son of Rome Test: Grafik-Blender oder Next-Gen Offenbarung?

Tobias Heidemann 9
Ryse – Son of Rome Test: Grafik-Blender oder Next-Gen Offenbarung?

Ein bisschen ist es auch unsere eigene Schuld. Nicht alles am Next-Gen-Hype ist auf fragwürdige Versprechungen der Hersteller zurückzuführen, nicht alles wurde mittels teurer Werbespots konstruiert und mit fulminanten Messeshows zum Großereignis hoch gejazzt. Auch wir haben unseren Teil zu dieser vertrackten Situation beigetragen. Wir, die Spieler, wollen es doch letztlich genauso. Es sind unsere Erwartungen, unser Wunschdenken, unsere unausgesprochenen Vorstellungen von der neuen Spiele-Generation, die den aktuellen Hype befeuern und ihn zu einer überlebensgroßen Tsunami-Welle machen, die sich irgendwann zwangsweise an den Realitäten brechen muss.

Im Fall der PlayStation 4 übernehmen „Knack“ und „Killzone – Shadow Fall“ die Rolle der Ernüchterer. Zwei mittelmäßige Spiele, die eben – wer hätte das gedacht – auch nur mit Wasser kochen. Beim Launch der Xbox One heißt das große Flaggschiff „Ryse – Son of Rome“. Es ist Microsofts Vorzeigespiel, ein extrem blutiges Schlachtgemälde aus der Zeit des römischen Imperiums, ein teures und prunkvolles Ausstellungstück für die Leistungsfähigkeit der Xbox One. Und, ganz ähnlich wie bei der Konkurrenz Sony, ein tragischer Wellenbrecher für zu hohe Erwartungen an die nächste Generation.

Ryse - Test.
Gemessen an den Versprechungen ist „Ryse – Son of Rome“ nämlich eine herbe Enttäuschung. Es dauert allerdings eine Weile, bis sich diese Nachricht im Großhirn herumgesprochen hat, denn in den ersten Momenten herrscht dort der neurale Ausnahmezustand. „Ryse“ sieht phänomenal gut aus.

So wandert der Spieler-Blick gleich zu Beginn hungrig aus dem Zentrum des Geschehens und studiert all die visuellen Nebensächlichkeiten. Texturen, Gesichtsanimationen, Schattenwurf und Detailvielfalt – grafisch hält dieser Titel den Vorstellungen einer neuen Konsolen-Generation tatsächlich stand. Mag sein, dass es diese Brillanz schon länger auf dem PC zu bestaunen gibt, doch der visuelle Sprung, den die Xbox mit „Ryse“ macht, der ist dennoch beeindruckend.

Ryse - Son of Rome Test: Meine Fresse, sieht das gut aus!

Hat man genug gestaunt, landet man inmitten einer tobenden Schlacht zwischen Römern und Barbaren. Die spielerische Seite von „Ryse“ stellt sich nun vor. Man lernt die Grundlagen des Kampfsystems kennen. Blocken, Kontern, Ausweichen und eine einzige Attacke. Hat man die barbarischen Opfer oft genug getroffen, zeigt ein Symbol über deren Köpfen an, dass sie bereit für eine sogenannte Hinrichtung sind. Das sind ultra-brutale Finisher, für die man einen Tötungs-Bonus erlangt, welchen man dann wahlweise und spontan in Gesundheit, Kampfkraft, Fokus oder Erfahrungspunkte stecken darf.

Diese ersten Schwertstriche, die wir in der Rolle von Marius, dem blassen Hauptcharakter von „Ryse“ ausführen, sind ein echtes Erlebnis. Dynamisch, butterweich animiert und schön dramatisch inszeniert sind die Kämpfe. Innerhalb kürzester Zeit hat man sich in dem sehr simplen und etwas trägen Kampfsystem akklimatisiert und lechzt nach mehr.

Nach mehr Kombos, nach mehr Fähigkeiten für Marius, nach neuen Gegnern und größeren Herausforderungen. Allerspätestens in der Mitte des Spiels sollte einem dann allerdings klar werden, dass „Ryse“ nicht mehr zu bieten hat. Dass man in den ersten Kämpfen des Spiels bereits alles gesehen hat, was „Ryse – Son of Rome“ spielerisch in petto hat. An diesem Punkt hat man sich nämlich unzählige Male durch die drei immer gleichen Gegner gemeuchelt, hat die immer gleichen Buttons gedrückt, die immer gleichen Finisher ausgeführt und die immer gleichen Aufgaben erledigt.

Wobei Aufgaben hier ein sehr wohlwollendes Wort für das überaus schlichte Missions-Design in diesem Spiel ist. Marius rennt einen wunderschönen Level-Schlauch entlang, hat dabei in regelmäßigen Abständen eine Begegnung mit einer altbekannten Gegner-Gruppe (an guten Tagen sind vielleicht mal ein paar Bogenschützen dabei) und freut sich dann riesig, wenn er mal etwas ganz anderes machen darf: Wie zum Beispiel einen Geschützturm bemannen und damit einen nicht endenden Strom von Barbaren aufs Korn zu nehmen.

In solchen Momenten führt uns „Ryse “ seine eklatante Ideenarmut in aller Deutlichkeit vor Augen. Wenn diese barbarischen Moorhuhn-Ballereien wirklich die nächste Generation des Gaming darstellen sollen, dann Gnade uns der Spiele-Gott. Über die Sprachbefehle, die man via Kinect alle paar Sekunden in Richtung Konsole rufen soll, erlaube ich mir erst gar kein Urteil – das Drücken des entsprechenden Buttons tut es nämlich auch.

Die Fairness gebietet, dass man beim Thema mangelender Abwechslung in „Ryse“ aber auch jene Passagen erwähnt, in denen Marius mit seinen Legionären gemeinsam agiert. Wobei agieren hier wiederum nur zwei Optionen meint: Auf Knopfdruck begeben wir uns in die Schildkröten-Formation, um vor dem Pfeilhagel gegnerischer Bogenschützen in Deckung zu gehen, oder aber wir lassen unsere Mitstreiter Speere werfen. Das war es dann auch schon. Wer mag, kann das beim ersten Mal aufregend oder atmosphärisch finden. Spätestens beim zweiten Mal ist die Luft aber raus.

Das eintönige und unterkomplexe Game-Design ist sicherlich der Tatsache geschuldet, dass „Ryse“ mal als reines Kinect-Spiel begonnen und dann von Crytek irgendwie in Richtung Hardcore-Launch-Titel entwickelt wurde – die spielerischen Schwächen entschuldigt das allerdings nicht.

Zwischen den Stühlen: Casual oder Hardcore?

Und die gibt es, egal wie man es im Lichte seiner grafischen Pracht dreht und wendet. So lassen sich zum Beispiel die gewonnenen Ehre-Punkte in mehr Gesundheit oder mehr Fokuspower investieren, was Marius im Laufe des Spiels immer mächtiger werden lässt. Seine Gegner wachsen allerdings nicht mit ihm. Zwar kommen in der zweiten Spielhälfte noch zwei neue Gegner-Typen mit etwas schweren Angriffen hinzu, auf dem normalen Schwierigkeitsgrad stellen jedoch selbst diese keine echte Gefahr dar. Das führt dazu, dass „Ryse“ eher leichter als schwerer wird, was stark an der Motivation nagt und dem ganzen Spiel etwas Unausgegorenes gibt.

Das gilt auch für die Boss-Gegner, die allesamt schwach designt sind und sich von den Standard-Gegnern nur durch Details wie unblockbare Angriffe unterscheiden. In allen Fällen reichen simpelste Taktiken, um in den zwar solide inszenierten, aber letztlich unterfordernden Boss-Kämpfen zu bestehen. Auch hier mag die Casual-Herkunft vielleicht vieles erklären, doch wenn „Ryse“ Genre-Fans, die sich zuletzt durch „DMC“ und „God of War: Ascension“ gekämpft haben, viel zu seicht ist, Casual-Spieler aber wiederum überfordert, dann setzt sich „Ryse“ zwischen die Stühle und wird niemanden wirklich zufrieden stellen.

Bleibt die Geschichte, die „Ryse“ uns zu erzählen hat. Der erhoffte Rettungsanker für das in der zweiten Spielhälfte immer mehr in Seenot geratene Flaggschiff ist auch hier nicht zu finden. Zu konventionell, zu geklaut und zu altbacken ist das Malen nach Rache-Zahlen um den verlorenen Sohn Roms.

Ryse - GIGA Gameplay Teil 1.
Die Zwischensequenzen können sich allerdings sehen lassen. Die sind gut inszeniert, stellen eine angemessene Stimmung für die an Ridley Scotts „Gladiator“ erinnernde Story her und sehen dank der mächtigen Engine auch klasse aus. Wirklich abheben will die Erzählung aber zu keinem Zeitpunkt. Mir persönlich war das Schicksal Marius sogar recht gleichgültig, denn weder hat er einen nachvollziehbaren Charakter, noch konnte ich mich mit seinen unzureichend herausgearbeiteten Zielen identifizieren.

Fazit

Meine Fresse, sieht dieses Spiel gut aus! Wenn „“ hinter all seinem Schall und Rauch auch spielerisch ein kleines bisschen mehr zu bieten hätte, wäre ich dem Sohn Roms überall hin gefolgt. Hat es aber so gar nicht und so werden die ohnehin schon knapp bemessenen fünf Stunden Spielzeit, die „Ryse – Son of Rome“ für seine uninspirierte Rache-Story braucht, irgendwann zur tragischen Geduldsprobe.

Weil sich das simple Kampfsystem schlichtweg nicht weiter entwickelt und „Ryse“ mit seinen immer gleichen Gegnern und Aufgaben zur Monotonie neigt, brennt die eingangs wirklich packende Inszenierung der brutalen Kämpfe langsam aber sicher komplett aus. Backtracking und maue Arena-Kämpfe sorgen schließlich im letzten Drittel des Spiels dafür, dass „Ryse“ uns mit einer enttäuschenden Sparflamme statt mit einem Feuerwerk entlässt. Wer zuletzt Spiele wie „DMC“ oder „God of War Ascension“ gespielt hat, der muss seine spielerischen Erwartungen an „Ryse“ mindestens zwei Stufen nach unten korrigieren.

„Ryse“ bietet neben der Kampagne auch einen Multiplayer-Modus, den wir jedoch bisher nicht ausreichend testen konnten. Wir werden dies in den kommenden Tagen tun und gegebenenfalls die vorläufige Wertung anpassen.

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