In der Reihe „Come back, … !“ wünschen wir uns Videospiel-Reihen zurück, die scheinbar ausgestorben sind. Was verbindet uns mit der Reihe? Warum sind sie ausgestorben? Warum sollten sie zurückkehren? Regelmäßig wirst Du in dieser Retrospektive Spiele finden, mit denen Du selbst vielleicht auch die ein oder andere Erinnerung verbindest.

Silent Hill - Trailer E3 1998.

Die erste Reihe hat nicht nur das Horror-Genre im Westen revolutioniert, sondern vor allem Storytelling in Videospielen vorangetrieben. Alles begann 1998, als auf der Electronics Entertainment Expo ein besonders atmosphärischer Trailer präsentiert wurde, der eine Reihe einläutete die 11 Videospiele, sowie 2 Filme nach sich zog. Selbst zum eigenen Ende sorgte die Reihe für Aufsehen, als sie durch einen der größten Videospiel-Skandale der letzten Jahre zu Grabe getragen wurde.

Aber beginnen wir von vorn. Als das Survival-Horror-Adventure  Silent Hill im August 1999 auf die PlayStation kam, begeisterte es unzählige Spieler. Ich persönlich kam mit Silent Hill allerdings erst 2002 in Kontakt - im Alter von 8 Jahren. Tatsächlich frage ich mich noch heute, wie ich dieses einnehmende Spiel - in Begleitung meines sieben Jahre älteren Bruders - in so jungem Alter spielen konnte.

Ich kannte Resident Evil bereits zuvor durch meine Cousins (eine Familie ohne Rücksicht). Silent Hill war also nicht das erste Spiel, das mir fürchterliche Albträume bescherte. Doch was fesselte mich? Was ist das Besondere an Silent Hill? Was hat mich als 8-Jähriger dazu gebracht, das Spiel trotz schlechten Schlafs weiterzuspielen? In jedem Fall trägt die Atmosphäre des Spiels die Schuld. Als der verwitwete Harold „Harry“ Mason mit seiner siebenjährigen Tochter Cheryl in den von ihr gewünschten Urlaub nach Silent Hill fahren will, taucht plötzlich ein Mädchen auf der Straße auf – Unfall – Harry ist bewusstlos, wacht auf: Cheryl ist verschwunden.

Eine Welt zwischen Trauer und Tod

Der größte Unterschied zur Konkurrenz fällt mir relativ schnell auf, denn nach Resident Evil habe ich Horror in Silent Hill auf einer ganz neuen Art kennengelernt. Mit jeder Minute wird die Atmosphäre nervenaufreibender, ohne dass Hunde als Jump-Scare durchs Fenster springen und mich „nur“ für einen kurzen Moment schockieren. Die Symphonie aus Spannung, Angst und Psychoterror wird nur durch explizite Gore-Szenen aufgelockert, die aber im Vergleich zu den meisten anderen Horrorspielen eher im Hintergrund stehen. Silent Hill ist eine Spielereihe zwischen subtilem Horror und Melancholie – getragen von okkultistischen Elementen, filmischen Kameraperspektiven à la David Lynch, einem angsteinflößenden Sounddesign und dem melancholischen Soundtrack von Akira Yamaoka. Voller Isolation und Verzweiflung mache ich mich allein auf den Weg, Harrys Tochter zu finden. Da hat auch die damals schon eher mäßige Grafik nicht gestört. Asche-Regen und der charakteristische Nebel wurden nicht nur genutzt, um diese zu verschleiern, sondern tragen vor allem der bedrückenden, trostlosen Atmosphäre auf meinem Weg durch Silent Hill bei. Mit der Annahme, frei und unbekümmert durch die Spielwelt zu laufen, liege ich jedoch falsch.

Spätestens wenn ich mich in einer dunklen Gasse befinde und die ikonischen Sirenen losgehen, bemerke ich, dass hier etwas nicht stimmt – Silent Hill wird zum Dorf des absoluten Albtraums: Rostige Ketten, Blut und Dreck überziehen Wände und Böden. Plötzlich finde ich mich direkt in einer der vielen Höllen dieser Welt wieder. Kreischende Stimmen und hämmerndes Metall begleiten mich, bis die eben noch toten Lebewesen angreifen. Das Herz rast, denn ich kann mich nicht wehren. Schließlich ist Harry weder Polizist, noch Scharfschütze oder Mechaniker. Nach kurzer Spielzeit treffe ich immerhin die Polizistin Cybil Bennett, die ebenso wenig von der Stadt zu wissen scheint wie Harry, ihm aber zumindest eine Pistole geben kann. Sicherer fühle ich mich trotzdem nicht gegen all die verstörenden Monster. Harry ist schließlich einfach nur Familienvater.

Krankenschwester (jeder Silent Hill-Teil)
Krankenschwester (jeder Silent Hill-Teil)
Hunde (jeder Silent Hill-Teil)
Hunde (jeder Silent Hill-Teil)
Mumbler (Silent Hill)
Mumbler (Silent Hill)
Romper (Silent Hill)
Romper (Silent Hill)
Hanged Scratcher (Silent Hill)
Hanged Scratcher (Silent Hill)
Lying Figure (Silent Hill 2)
Lying Figure (Silent Hill 2)
Mannequin (Silent Hill 2)
Mannequin (Silent Hill 2)
Zwillingsopfer (Silent Hill 3)
Zwillingsopfer (Silent Hill 3)

Die Monster, die sie riefen

Unzählige weitere Orte fanden nicht nur auf meinem Fernsehbildschirm statt, sondern sehr intensiv in meinen Albträumen. Ich träumte von runtergekommenen Klassenräumen, mutierten Krankenschwestern und bizarren Monstern, die an Gemälde von Francis Bacon erinnern, der mit seiner Kunst Gewalt und Verfall darstellte. In seinen Werken setzte er sich mit der Darstellung deformierter menschlicher Körper in engen Räumen auseinander. Als weitere Inspiration für die Silent Hill-Macher diente der Horrorfilm Jacob’s Ladder, der eine neue Art visuellen Schreckens einführte, in der er verstörende Bilder und oft extreme Zeitraffer-Sequenzen von menschlichen Bewegungen darstellte. Beide Inspirationen dienten dazu, die Gegner in der Silent Hill-Reihe besonders angsteinflößend darzustellen.

Mit Silent Hill 2 perfektionierte Konami nicht nur diese Intensität, sondern auch das Storytelling. Der instabile James Sunderland bekommt eines Tages einen Brief von seiner tot geglaubten Frau, der besagt, dass sie in Silent Hill auf ihn wartet. Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen. Um dieses Rätsel zu lösen, machte ich mich als James Sunderland auf den Weg nach Silent Hill, wo ich mit Liebe, Tot, Verlust, Einsamkeit und Betrug konfrontiert wurde. Mich erwartete die cleverste, traurigste und verstörendste Geschichte, die mir jemals in einem Videospiel erzählt wurde.

Die besten Horrorspiele aller Zeiten: Thrill me, Kill me

All das wünsche ich mir zurück. Mit Resident Evil 7, wurde kürzlich bewiesen, dass die scheinbar altbackenen Muster auch heute noch funktionieren. 18 Jahre nach Veröffentlichung des ersten Teils wäre es doch an der Zeit, eine neue zugleich melancholische und gruselige Geschichte in Silent Hill zu erzählen – gäbe es da nicht ein Problem: Die Rechte liegen bei Konami, die – wie wir wissen – die Reihe aufgrund von Meinungsverschiedenheiten mit Hideo Kojima zu Grabe trug, obwohl die Legende hinter der Metal Gear Solid-Reihe mit Silent Hills in die richtige Richtung rund um Mysterien, Interpretationsmöglichkeiten und Spekulationen ging.

Silent Hill kopiert nicht. Inspirationen wie Jacobs Ladder, David Lynch-Filme und Francis Bacon-Bilder sind zwar klar zu erkennen. Deren Elemente wurden in Silent Hill aber so clever verpackt, dass daraus einzigartige Videospiel-Geschichten entstanden, die die Reihe selbst nach Silent Hill 3 nicht mehr erreichen konnte. Trotzdem bin ich mir sicher, dass es da draußen Entwickler gibt, die die altbekannten Elemente rund um subtilen Horror und Melancholie so gut in ein neues Spiel transportieren können, dass dabei ein starker, neuer Teil der Reihe entstehen kann. Come back, Silent Hill!

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