Omas erstes Mal mit Spider-Man: Mir wird ein bisschen schlecht

Lisa Fleischer 2

Immer wieder schwingt meine Oma um dasselbe Gebäude. „Oma, du musst dem Punkt da folgen – nein, schon wieder vorbei! Du kannst auch in die andere Richtung, zum Ausgleichen … ich glaube, mir wird schlecht.“ Vielleicht war es nicht die beste Idee, die Videospiel-Laufbahn meiner Oma mit Spider-Man starten zu lassen. 

Dieser Artikel gehört zu einer ganzen Reihe an Artikeln, die wir im Rahmen unserer Themenwoche „Spiele im Alter“ veröffentlichen. Alle Artikel, die noch bis zum 10. Februar 2019 auf GIGA GAMES zum Thema erscheinen, findest du auf unserer Übersichtsseite zu „Spiele im Alter“.

Dabei ist meine Oma alles andere als ein Spiele-Noob: Im Kindheitsalter habe ich mich immer gefreut, zu ihr zu gehen, hatte sie doch einen ganzen Schrank voller Brettspiele – für alle Altersklassen. Zeitschriften kaufte sie sich hauptsächlich für die darin befindlichen Kreuzworträtsel, Sudokus und sonstige Gehirnjogging-Aufgaben. Und unsere späteren Kniffel-Nächte waren legendär.

Neuer Technik ist sie übrigens auch nicht abgeneigt. Bevor meine Schwester für längere Zeit ins Ausland ging, erklärte sie meiner Oma, wie ein Smartphone funktioniert – seitdem schickt sie munter lange Texte mit vielen Emojis, Bildern und sogar Videos.

Zu Weihnachten eine PlayStation 4

Eben weil sie trotz ihrer 76 Jahre nicht nur neuer Technik nicht abgeneigt ist, sondern immer noch eine durchaus schnelle Auffassungsgabe und vor allem Spaß am Spielen hat, packe ich vor Weihnachten spontan meine PlayStation 4 ein, um sie mit zu meinem alljährlichen Familien-Besuch zu nehmen. Schon seit ein paar Wochen, genauer: Seit ich von dem YouTube-Kanal Senioren Zocken gehört habe, brennt mir eine dringende Frage auf der Zunge.

Würde sich meine Oma aufgrund ihrer Vorerfahrungen mit Spielen, wenn auch mit analogen, von Anfang an gut schlagen? Ist sie sogar noch so fit, dass ich ihr – natürlich mit etwas Zeit – ein Action-Adventure erklären kann? Gedacht, getan: Kurz vor Weihnachten setze ich meiner Oma meine Konsole vor, lege Marvel’s Spider-Man ein – und los geht der Spaß! Dachte ich … doch alles kommt ganz anders.

Wie viel Spaß macht Spider-Man? Unser Test*

Wie hält man eigentlich einen Controller?

Spider-Man beginnt mit einer kurzen Cutscene. Meine Oma schaut begeistert zu – und bemerkt gar nicht, wie Filmsequenz in Gameplay übergeht. „Oma, du musst jetzt das drücken, was da angezeigt wird“, sage ich. Als Antwort bekomme ich nur ein leises, leicht abwesendes „ähh“ zurück – da fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Meine Oma hatte noch nie einen Controller in der Hand – und hat dementsprechend keine Ahnung, welche Taste wo zu finden ist, geschweige denn wie man überhaupt einen Controller hält.

Das hatte ich gar nicht bedacht: Ich persönlich spiele seit 16 Jahren mehr oder weniger aktiv, zuvor hatte ich bereits zahlreichen Freunden immer wieder über die Schulter geschaut, um genügend Vorwissen gesammelt zu haben. Meine Oma hingegen hat mich höchstens von der anderen Seite des Tisches am Game Boy beobachtet – oder mir Marmeladenbrot nach Marmeladenbrot geschmiert, während ich damals noch auf meiner PlayStation 2 durch fantastische Welten spazierte.

Also pausiere ich das Spiel und setze mich neben meine Oma. „Erst einmal: Fass den Controller mal so an“, sage ich, nehme vorsichtig ihre Hände und führe sie in die richtige Position. „Genau, jetzt kommst du auch an die hinteren Tasten dran. Die sind wichtig, damit du durch die Gegend schwingen kannst. Und dann drückst du immer abwechselnd hinten“ – ich weise auf R2 – „und danach mit dem Daumen das hier“ – ich zeige auf X. „Okay …“, antwortet Oma sichtlich konzentriert.

Und siehe da: Oma macht tatsächlich ihren ersten Schwung als Spider-Man. „Ahh!“ entfährt es ihr freudig. Sie hat sichtlich Spaß – und vergisst vor lauter Freude alles eben so mühevoll erlernte. Zum Glück rollt sich Spidey von selbst ab – ganz entspannt landet er auf dem Gehsteig. Meine Oma guckt mich fragend an. „Immer abwechselnd vorne die Taste und dann wieder hinten drücken, dann bleibst du auch in der Luft“, erkläre ich ihr schmunzelnd. Ich freue mich, dass sie schon jetzt Spaß hat – und bin irgendwo auch stolz, dass sie alles so schnell verstanden hat.

Natürlich muss ich ihr die beiden Tasten im weiteren Verlauf noch einige Male ins Gedächtnis rufen. Mit der Zeit überbrückt meine Oma aber immer weitere Strecken. Es wird viel gelacht, noch sind ihre Bewegungen längst nicht perfekt – und das scheint für Unterhaltung zu sorgen. Nach und nach gesellen sich meine Mutter, meine Schwester und auch mein Stiefvater zu uns, Spaß für die ganze Familie quasi.

Plötzlich nicht mehr zu bremsen

Die zweite Hürde lässt nicht lange auf sich warten: Meine Oma kann jetzt zwar geradeaus schwingen und sich von Hindernissen abstoßen, nach links und rechts bewegt sie sich aber nicht – wie denn auch, ist sie noch gar nicht mit den Sticks des Controllers vertraut. „Schau mal, Oma, hier links, wenn du das hier bewegst, bewegt sich auch die Figur im Fernsehen.“ Meine Oma versucht, den linken und dann auch den rechten Stick zum bewegen und auf einmal geht es auf dem Bildschirm drunter und drüber.

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„Huch, was ist jetzt?“, fragt sie mich sichtlich irritiert, während auf dem Bildschirm mal der Boden, mal der Himmel fixiert wird und sich alles dreht. „Ich hab’s kaputt gemacht!“ fügt sie hinzu und bricht in schallendes Gelächter aus. „Nein. Du hast die Kamera bewegt. Aber damit fangen wir erst gar nicht an“, erwidere ich und wir müssen beide lachen. „Nur den links hier, den brauchst du zum Bewegen. Probier’s mal aus und dann musst du dem gelben Punkt da hinterher.“

Meine Oma fasst das Ziel ins Visier – zumindest denke ich das – und schwingt sich in die komplett andere Richtung. Ich lasse sie erst einmal – aber irgendwie schafft sie es einfach nicht, sich zu orientieren. Immer wieder schwingt sie um die selbem Gebäude, in dem Versuch, endlich in Richtung des gelben Punktes zu kommen, nur um ihn immer wieder zu verpassen. Obwohl wir alle nicht selbst spielen, sondern nur zugucken, wird uns nach und nach immer mulmiger.

„Oma, du musst dem Punkt da folgen – nein, schon wieder vorbei! Du kannst auch in die andere Richtung, zum Ausgleichen … ich glaube, mir wird schlecht.“ Mein Stiefvater ist der erste, den es trifft – er war schon immer anfällig für Motion Sickness. Er verlässt den Raum – und kurz darauf verlassen auch meine Mutter und meine Schwester den Ort des Geschehens, obwohl sie zuvor noch meinen, dass meine Oma das „richtig gut macht“.

Und auf einmal legt Oma los

Meine Oma scheint davon gar nichts mitzubekommen, denn während wir reihenweise bleicher werden, hat sie den Spaß ihres Lebens. „Hui“, hört man immer wieder von ihr, gefolgt von ihrem so ansteckenden Lachen. „Oma, ich glaube, ich nehme den mal, kannst du ganz kurz …“, versuche ich ihr den Controller vorsichtig wegzunehmen, doch sie lässt sich nicht davon abbringen, immer wieder im Kreis zu schwingen. Und tatsächlich: Nach unnötig langer Zeit hat sie es geschafft: sie triggert die zweite Cutscene.

Gegner schießen auf Polizisten, eine riesige Explosion sorgt für Chaos – und schon setzt das Gameplay wieder ein. „Oh je“, entfleucht es meiner Oma und mir gleichzeitig. Jetzt muss ich wieder erklären, denke ich, weise auf die betreffenden Tasten – und halte erstaunt inne. Meine Oma entpuppt sich als wahres Kampf-Naturtalent! Nicht nur, dass sie ordentlich austeilt, sogar von den Netzen macht sie gebraucht und das ein oder andere Mal weicht sie sogar geschickt aus, schlittert unter Gegnern hindurch und traktiert sie aus dem Hinterhalt.

Mir klappt die Kinnlade herunter. Damit hätte ich nun wirklich nicht gerechnet. Und alles nur, weil meine Oma unfassbar gut im Buttonmashen ist. Nächstes Mal bringe ich ihr Tekken mit, dann kann sie sich mit Eddy Gordo austoben. Aber für heute ist erst einmal Schluss. Uns allen, mit Ausnahme meiner Oma, ist immer noch ein bisschen schlecht und gleich soll es ja Abendessen geben – mal gucken, ob das gut geht. Meine Oma ist auf jeden Fall glücklich – wer weiß, vielleicht bringt ihr der Weihnachtsmann im nächsten Jahr ja eine eigene Konsole – eine Nintendo Switch würde sich doch anbieten.

Dann spiele ich vielleicht einen der tollen Koop-Titel mit ihr, die es inzwischen für die Hybridkonsole von Nintendo gibt:

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Hast du auch schon mal mit deiner Oma gezockt? Wie ist es dir ergangen – hat sich deine Oma ebenfalls ganz passabel angestellt oder hatte sie mehr Schwierigkeiten beim Erlernen der Steuerung? Schreibe es uns doch gerne unten in die Kommentare.

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