Gekauft und nie gespielt: Sind Spiele heute weniger wert? (Umfrage)

Tobias Heidemann 88

Es gibt da draußen Menschen, die der Games-Industrie noch für dieses Jahr einen epochalen Crash prophezeien. Ein gewaltiger Kollaps mit desaströsen Folgen für Hersteller und Kunden. Der ökonomische Teufel, der da von Analysten mahnend an die Wand gemalt wird, hat die Konturen des historischen Zusammenbruchs aus dem Jahr 1983. Damals überfluteten unzählige Konsolen einen vollkommen überschätzten Markt. Ein Vergleich bietet sich durchaus an. Amazon Fire TV, Ouya, Steam Machines, Nvidia Shield – wer unbedingt will, kann Parallelen ziehen. Doch das vermeintliche Überangebot beschränkt sich nicht allein auf die Hardware. Im Jahr 2014 erscheinen auch mehr Spiele als jemals zuvor. Mit den weiterhin wachsenden Konsolen- und PC-Märkten, den boomenden Mobil-Devices, neuen Phänomenen wie Crowdfunding, dem erstarkten Indie- und Retro-Segment, sowie immer dichter frequentierten Spiele-Sales und Mega-Bundles stellt sich dem Spielern von heute  eine äußerst merkwürdige Frage: Wer soll das alles eigentlich noch spielen?

Gekauft und nie gespielt: Sind Spiele heute weniger wert? (Umfrage)

Was sich auf den ersten Blick nach einem erfreulichen Luxusproblem anhört, könnte einen kritischen Kern haben, der uns etwas über die derzeitige Verfasstheit des Marktes und unser grundsätzliches Konsumverhältnis zu Spielen verrät. Genauso gut könnte man nämlich auch fragen: Kaufen wir heute mehr Spiele, als wir überhaupt jemals spielen können? Und wenn ja, was bedeutet das für unsere Spielekultur?

Das erschlagende Überangebot an attraktiven Rabattaktionen wie etwa den Steam Holiday Sales scheint immer häufiger zu Hamsterkäufen zu führen. Immer mehr Spieler lassen sich von lukrativen Deals verführen, ohne den gekauften Titel überhaupt jemals anzufassen.

Ich selbst kann dieses merkwürdige Verhalten nur bestätigen. In meiner Steam Bibliothek gibt es derzeit über zwanzig Spiele, die ich mir während zurückliegender Sales mal aus einem diffusen Wunsch nach Vollständigkeit heraus zugelegt, bisher aber nicht einmal angespielt habe. Ähnlich verhält es sich bei meinen GOG-Account oder den Humble Bundles. Auch hier habe ich schon mehrfach schamlos zugeschlagen, nur weil mich ein bestimmter Deal überzeugt hat; also nicht etwa weil ich die konkrete Absicht gehabt hätte, die dort zum Unpreis verramschten Spiele auch sofort zu spielen.

Ich besitze sie, um zu besitzen

Man könnte also sagen, ich besitze diese Spiele, um sie zu besitzen. Wenn man ein bisschen drüber nachdenkt, ist das schon etwas seltsam. Mein Kauf wird offenbar mehr von meinem allgemeinen Sammlertrieb, als von meiner tatsächlichen Spiellust motiviert. Lust habe ich natürlich schon, das erworbene Produkt auch zu spielen, bzw. es mir „mal genauer anzusehen“ - in der Regel fehlt aber ein wirklich akuter Anlass für den Kauf. Es ist ein Kauf auf Halde.

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Der Anlass ist das Angebot selbst. Der Kauf rechtfertigt sich somit mit einer abstrakten, nie eintretenden Zukunft, in der ich urplötzlich ganz viel Zeit habe, um all das Verpasste endlich einmal nachzuholen. Ein zeitloses Schlaraffenland, in welchem die Alltagsuhren aus unerfindlichen Gründen stehen geblieben sind, damit ich meinen Appetit endlich mal vollständig stillen kann. Und wenn dieses in die Zukunft projizierte Sammlerprinzip als Legitimation mal nicht mehr ausreicht, wenn mir ein Klick auf den Bezahl-Button doch etwas schwerer fallen sollte, dann bleibt immer noch mein Berufsethos als Todschlagargument. Jeder Spiele-Redakteur sollte Secret of Mana gespielt haben, Tobi – also mach hin jetzt.

Dass ich mit diesem komischen Verhalten nicht allein stehe, das zeigte mir unlängst eine auf Kotaku veröffentlichte Umfrage von Ethan Levy. Levy befragte 1400 Spieler nach ihrem Verhältnis zu Game-Sales. 79% der Befragten freuten sich grundsätzlich über ihr Zuschlagen bei den Rabattaktionen. So weit, so nachvollziehbar. Binnen eines Jahres kauften die von ihm befragten Spieler im Rahmen von Sales-Aktionen zwischen 11 und 25 Spiele  – doch 40% dieser Spiele wurde von ihnen nie gespielt. 30% der befragten Spieler hatten in ihrer Bibliothek sogar mehr als 50 Spiele, die sie sich zwar irgendwann einmal gekauft, aber nie gespielt hatten. Im Durchschnitt hatten alle Befragten 18 ungespielte Spiele in ihrem Katalog. Mit meinen 20 ungespielten Spielen liege ich also knapp im Durchschnitt.

Der wachsende Berg der Ungespielten

Was diese Zahlen nun genau bedeuten, ist schwer zu sagen. Sehr wahrscheinlich scheint mir aber, dass die Anzahl der Spiele, die wir besitzen, aber nicht spielen, zukünftig noch deutlich steigen dürfte. Und zwar weil die um unsere Kaufkraft buhlenden Angebote weiter zunehmen werden. Valve hat zum Beispiel gerade erst die Fesseln der Steam-Sales gelockert und den Herstellern mehr Freiheiten bei eigens initiierten Sales-Paketen gegeben. Ein ähnlicher Trend zeigt sich auch mit der Erfolgsgeschichte der Humble Bundles. Und selbst die auf den Konsolen digital vertriebenen Titel werden uns häufiger mittels Sonderaktionen schmackhaft gemacht. Kurz: Wenn uns immer mehr Sales mit tollen Preissenkungen locken, werden wir wohl auch immer häufiger zugreifen.

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Der Berg der Ungespielten dürfte also wachsen. Je nach Blickwinkel kann man aus diesem Berg nun einen traurigen „Geiz ist geil“-Grabbeltisch oder eben den gepflegten Backlog eines sammelnden Spiele-Liebhabers machen. Ich tendiere zu letzterem.

Dass den mitunter zu Spottpreisen verramschten Spielen aber immer auch ein bisschen das Stigma einer maßlos gewordenen Billigkultur anhaftet, kann man sicher nicht ganz von der Hand weisen. Wenn ein Spiel unter Wert verkauft wird – und genau das geschieht ja, wenn beispielsweise ein Dead Space für ein paar Cent über den Ladentisch geht – wird dann nicht auch das Spiel selbst ein bisschen entwertet?

Im zunehmend entgrenzten Rennen um den niedrigsten Preis zeigt sich somit nicht nur der immer härter werdende Wettkampf eines offenkundig übersättigten Marktes, sondern vielleicht auch ein Verlust von Achtung vor dem tatsächlichen Wert eines Spiels. Sind Spiele heute weniger wert, nur weil sie schneller für weniger zu haben sind? Eine Antwort fällt mir schwer. In den 90er Jahren habe ich jedenfalls jedes Spiel, das ich mir gekauft habe, auch tatsächlich gespielt. Jedes! Das ist heute offenkundig anders.

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