Sunset Overdrive Test: Punk Rock City

Kristin Knillmann 11

Ich liebe bescheuerte Spiele. Welt aus, Hirn aus, einfach nur mal wieder richtig abspacken. In diesem Jahr hätte der Fun-Shooter Sunset Overdrive für die Xbox One gern einen Platz auf genau diesem Witzbold-Thron. In meinem Test verrate ich euch, ob Insomniac Games sich diesen Platz mit seinem neusten Werk auch tatsächlich verdient hat.

Sunset_Overdrive_Test

Werden wir von Videospielen in die Apokalypse versetzt, geht es uns üblicherweise richtig mies: Wir haben kein Essen, unsere treusten Freunde sind bereits verstorben und Zombies wollen an unserem unversehrten Körper knuspern. Sunset Overdrive versetzt uns hingegen in die wohl bislang realistischste Apokalypse eines popkulturellen Mediums: Dank des Energy-Drinks OverCharge Delirium XT wurden in Sunset City nahezu alle Menschen zu Konsum-Mutanten - ein Phänomen, das wir schon mehrfach bei unseren Mitmenschen beobachtet haben. Und der namenlose Protagonist? Tja, die hat die Zeit ihres Lebens. Statt traurig den Kopf hängen zu lassen, freut sie sich lieber darüber, dass ihr in einer fast leeren Stadt niemand mehr so richtig auf den Keks gehen kann.

Sunset Overdrive Launch-Trailer.mp4.

Grund-Einstellung: Kackegal

Sunset Overdrive ist mehr als nur die kleine Schwester von Sid Vicious. Es badet mit allen Facetten in seiner waschechten Punk-Rock-Attitüde. Eine Einstellung, die es stellenweise aus dem spielerischen Einheitsbrei hebt und an anderer Ecke gewöhnungsbedürftig macht. Aber so ist das halt, wenn man den erhobenen Mittelfinger ein ganzes Spiel lang zelebriert.

Das startet bereits bei der Charakter-Auswahl: Ob männlich, weiblich, flach oder rund – dem Spiel ist vollkommen wurst, womit wir uns wohl fühlen. Wir dürfen grundsätzlich alle schnöden bis vollkommen abgedrehten Klamotten anziehen, die der Kleiderschrank zu bieten hat – egal, welchem Geschlecht wir angehören. Und wenn wir uns mitten in der Kampagne überlegen, doch lieber einen muskelbepackten Kerl spielen zu wollen, dann schalten wir das im Menü mit einem Klick um. Insomniac Games gönnt uns eine längst überfällige Freiheit in der Charaktergestaltung und führt im gleichen Zug sogar recht clever Ubisofts in die Kritik geratenen Design-Entscheidungen vor, indem es allen Geschlechtern ein Assassinen-Kostüm zur Verfügung stellt.

Einen feuchten Dreck schert sich das Spiel außerdem um seine Wortwahl: Jugendsprache und Yolo-Ausdrücke fallen inflationär an jeder Ecke, was recht schnell anstrengend werden kann und jeden echten Punk längst verprellt hätte. Zum Glück kann man meist drüber weg sehen, wenn dann doch noch irgendwo eine Heisenberg-Anspielung auftaucht oder unsere Spielfigur Tutorial-Hinweise damit quittiert, dass sie bereits Bescheid wüsste, weil sie in ihrer Freizeit ständig Videospiele spielt.

Ein guter Witz ist die halbe Miete

Dabei ist der Fun-Shooter stark auf die dummen Sprüche und das herrlich eingebundene Aufbrechen der vierten Wand angewiesen. Würden Insomniac hier auf den brachialen Humor verzichten, blieben Hauptcharakter, sämtliche Dialogpartner und die Story um die Motive des Energydrink-Konzerns Fizzco viel zu blass. Plot-Punkte verändern sich nämlich teils viel zu random in irgendwelche Richtungen, so dass wenig Fläche bleibt, irgendwelche Figuren richtig kennenzulernen oder sich gar mit ihnen zu identifizieren.

Die Geschichte und Charaktere konnten mich also trotz ihrer Kuriosität nie wirklich zum Weiterspielen bewegen. Doch Punk sei Dank hat Sunset Overdrive noch so viel mehr zu bieten:

Grinden, Springen, Schießen

Die Kampagne besteht in ihrem Kern aus dem üblichen Sandbox-Gerüst: Quests bestreiten, Nebenjobs annehmen und Herausforderungen meistern. Während Genre-Kollegen ihre Spieler oft in ein Auto setzen oder an Streetgang-Shootouts teilnehmen lassen, brüllen uns Insomniac lieber ein Fuck it ins Gesicht und machen uns selbst zum ultimativen waffenschwingenden Fortbewegungsmittel.

In Sunset Overdrive grinden wir im Tony-Hawk-Stil über Leitplanken und Bahnschienen, hangeln uns über Seile ans Ziel und springen auf absolut alles, was Sunset City zu bieten hat. In Bewegung bleiben ist hier das A und O: Jeder Sprung, jeder Trick und jede Kombo erhöht unser Style-Meter, das uns im Kampf gegen den Abschaum der Stadt einen gehörigen Bonus verleiht. Wie genau der Bonus aussieht, können wir mit den sogenannten Amps selbst bestimmen; und plötzlich sorgt unser hippes Punkrock-Selbst dafür, dass unsere Grinding-Künste in einem besonders hübschen Kampf Flammen auf den Schienen hinterlassen. Ein Muss, denn ohne Stil wird das Spiel schnell sehr knackig.

Friss meine Bowlingkugeln!

Wo die unterschiedlichen Amps das Spielgefühl schon massiv beeinflussen, sind es vor allem die genialen Waffen-Konzepte, die Sunset Overdrive zu einem Genuss machen. Hier gibt’s halt einfach mal keine Shotgun und keinen Raketenwerfer. Hier gibt’s Wummen, die ein Konstrukt aus Teddybären und Dynamit verschießen; Geschosse, die den Gegnern mit Schallplatten die Energydrink-verseuchte Fresse polieren; oder den einzig wahren Dude – eine Kanone, welche die Overcharge Drinker mit Bowlingkugeln ins Jenseits befördert.

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Sunset Overdrive: Die verrückten Waffen des Fun-Shooters im Überblick.

Jede Waffe wurde aus alltäglichen Einzelteilen zusammengebaut – sofern in der Apokalypse überhaupt aufzutreiben – und kann als riesiges Augenzwinkern verstanden werden. Ähnlich wie die klassischen Fertigkeiten, können diese übrigens auch mit diversen Amps ausgestattet und so an den eigenen Spielstil angepasst werden.

Liebe auf den ersten Rausch?

Insomniac lässt unserem Charakter in Sunset Overdrive genau die richtigen Freiheiten: Benutzen wir eine Waffe besonders häufig, levelt sie auch schneller auf und beschert uns im Umkehrschluss bessere Ergebnisse. Und dann wären da noch die Overdrive-Slots – sozusagen eine sehr offene Form des Rollenspiel-typischen Fähigkeiten-Baums – in die wir genau die Upgrades hauen, die uns am meisten interessieren, ohne vorher andere lästige und für unseren Stil wenig brauchbare Dinge freischalten zu müssen.

Mit Amps, Overdrives, Waffen und der optischen Ausstattung unserer Träume kommen wir in Sunset Overdrive ordentlich in Fahrt, so dass die Jagd nach einem möglichst vollen Style-Meter, irren Waffen-Kombinationen und Sprung-Grind-Kombos sich so frisch und ungezwungen anfühlt wie kaum etwas anderes, das wir in den letzten Monaten spielen durften.

Nicht mal der Spielertod schafft es, uns aus dem Rauschzustand zu holen. Die abwechselnden Wiederbelebungs-Animationen sind kreativ und bringen uns zum Lachen, passieren aber auch so zügig, dass sie uns direkt wieder in die Action entlassen, ohne allzu stark mit dem Spielfluss zu brechen. Überhaupt ist Sunset Overdrive mehr als fair und nimmt seine gut gesetzten Speicherpunkte gleich noch mal als Anlass, einen Witz drüber zu reißen.

Lediglich durch den Soundtrack wird unser Enthusiasmus dann irgendwann doch noch ein ganz klein wenig zurückgefahren: Die Punk-Songs – wer hätte es gedacht? - machen extrem viel Laune beim Monster metzeln; wenn man dann aber nach gefühlt 15 Minuten schon jeden Track gehört hat, den Sunset Overdrive zu bieten hat, darf man durchaus etwas traurig werden über all das verschenkte Potential, die Musik einer abwechslungsreichen Underground-Punk-Szene bekannt zu machen.

Sunset Overdrive - Das Test-Fazit

Sunset Overdrives ständiges Grinden, Springen und Metzeln ist purer Punk’n’Roll, der uns in den wohl schönsten Rausch versetzt, den wir dieses Jahr spielen durften. Die Freiheiten in der Charakter-Anpassung und der teils clever eingesetzte Humor helfen über die blassen Nebenfiguren und die wenig anspornende Story hinweg. Wer genau wie das Spiel einfach mal auf Konventionen pfeift, gutes Gameplay schätzt oder lediglich die traurige Welt da draußen abschalten mag, der liegt mit Sunset Overdrive genau richtig.

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