Tales from the Borderlands Test: Doppelt hält besser

Kristin Knillmann 6

Ain’t no rest for the Wicked. Telltale hört gar nicht mehr auf mit Franchise-Adaptionen: Erst The Walking Dead, dann The Wolf Among Us und jetzt noch Game of Thrones und eben Borderlands. Da dürfen wir auch durchaus skeptisch sein, ob “Zer0 Sum“, die erste Episode zum neuen Tales from the Borderlands, die gewohnte Telltale-Qualität halten oder gar steigern kann. Was nun draus geworden ist, verrate ich euch im Test.

Tales from the Borderlands Test: Doppelt hält besser

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Gegensätze ziehen sich offenbar immer noch an: Borderlands, der (von mir heiß und innig geliebte) Rollenspiel-Shooter mit mächtigem Fokus auf gutes Geballer und schräge Sprüche, trifft auf Telltale – die Firma, die uns gezeigt hat, dass Gameplay längst nicht alles ist und eine gute, tiefgründige Geschichte reicht, um einen Erfolgshit zu landen.

Fan-Service für Fortgeschrittene

Entsprechend ging ich mit geringen Erwartungen an Tales from the Borderlands: Telltale hatte schließlich eine große Aufgabe vor sich, Borderlands komplett seiner Spielmechanik zu berauben, ohne dabei den kruden Humor der Vorlage und die eigene Formel des spielerischen Films zu verlieren. Was oberflächlich dank seinem ähnlichen Grafikstil zusammenpasst, muss ja unter der Oberfläche längst nicht funktionieren.

Dachte ich.

Noch ohne zu wissen, wie viel Liebe zum Detail in Tales from the Borderlands geflossen ist. Und bis ich das bemerke, dauert es wahrlich nicht lang: Tales startet genau wie bisher alle Borderlands-Teile mit einem gekritzelten Flashback-Intro, in dem euch Waffenhändler Marcus in seinem gebrochenen Englisch einen Überblick über das Universum und die Geschehnisse auf dem Planeten Pandora gibt.

Tales from the Borderlands erster Trailer.mp4.

Für Borderlands-Fans ist das also in etwa so, als würde man mit offenen Armen zu einem Klassentreffen empfangen werden: Man hat sich schon eine Weile nicht mehr gesehen, aber auch wirklich alles erinnert einen an die “gute alte Zeit“.

Zum Beispiel die im Comic-Stil gehaltene Vorstellung der Charaktere oder – und da wurde mir ganz besonders warm ums Herz – eine der Intro-Sequenzen, die selbst hier konsequent ein fantastisches Stück Rockmusik präsentiert, während die Kamera einem Fahrzeug dabei folgt, wie es die Wüste Pandoras durchquert und ein wildes Skag platt fährt. Definitiv: Telltale zitiert seine Vorlage keineswegs oberflächlich.

Zwei Seiten der Geschichte

Dabei kupfert der Kern des Spiels – die Charaktere, die Geschichte – in erster Linie nicht direkt von Borderlands ab. Stattdessen erwarten uns einige neue Gesichter:

Rhys (eingesprochen von The-Last-of-Us-Star Troy Baker) ist angestellt beim Waffenhersteller Hyperion und sinnt nach einem Ereignis zu Beginn der Episode auf Rache an seinem Boss Vasquez. Fiona hingegen ist hauptberuflich Betrügerin und eigentlich nur hinter dem großen Geld her.

Mit Rhys und Fiona versuchen sich Telltale an einer neuen Art der Inszenierung: In den beiden Staffeln von The Walking Dead und The Wolf Among Us haben wir noch eine geradlinige Geschichte aus der Sicht eines einzelnen Charakters (jeweils Lee, Clementine und Bigby) erzählt bekommen. Tales from the Borderlands schmeißt hingegen seine beiden Hauptcharaktere in Gefangenschaft und lässt sie in eigenen Worten ihre Seite der Geschichte erzählen – und das nicht unbedingt immer ganz wahrheitsgemäß.

Was gut hätte in die Hose gehen können, wird zur größten Stärke der Adaption und der besten Neuerung der Telltale-Spiele: Durch die Erzählweise verschachtelt Telltale seine Geschichte so, dass sie jederzeit spannend bleibt und diverse Aha-Momente bereithält, sobald sich einige zuvor noch lose Fetzen zu einem größeren Ganzen zusammenfügen. Man muss diesmal also durchaus mehr mitdenken als noch bei The Walking Dead, wird dafür aber auch mit einer komplexen Geschichte belohnt.

Humor: Punktlandung

Komplex zwar, doch trotzdem urkomisch. Während die letzten Telltale-Werke eher düstere Thematiken aufgriffen, kehrt das Entwicklerstudio mit Tales from the Borderlands wieder zu seinen Wurzeln zurück und beweist, dass es immer noch witzige Geschichten erzählen und originelle Dialoge schreiben kann.

Tales hat genau die richtige Prise Humor, und die steht ihm gut. Es versucht nicht zwanghaft, alle paar Sekunden einen Witz zu reißen. Stattdessen sind die Pointen der Dialoge scharf, die Borderlands-Anspielungen komisch und die Hinweise selbstreferentiell. Entscheiden wir uns, einem Charakter eine Ohrfeige zu geben, erwartet uns ein ganz spezieller „Wird sich daran erinnern“-Spruch in der oberen Bildschirmecke. Telltale Games nehmen auf diese und andere Weise ihre eigenen Spielmechaniken aufs Korn – eine erfrischende Art, den Ton des Spiels schon früh zu setzen.

Kameraden oder Feinde?

Dass der Humor in Tales from the Borderlands so hervorragend funktioniert, hat Telltale-Games nicht nur seiner Vorlage, sondern auch sich selbst zu verdanken. Borderlands-Autor und Humor-Chef-vom-Dienst Anthony Burch hatte in der Umsetzung zwar eine beratende Funktion, ist aber für keine Zeile des Skripts verantwortlich.

Das Zusammenspiel und die Entwicklung der Charaktere, die wir in 2,5 Stunden Spielzeit beobachten können, stammt also komplett aus Telltales Feder – etwas, wovor ich gerne meinen Hut ziehen möchte. Tragische Charaktere wie Lee und Clementine zu schreiben, ist nämlich eine Sache. Eine andere ist es, Charaktere zu erschaffen, die von Grund auf genau das richtige Maß an Coolness haben, ohne entweder total überzeichnet zu sein (Hallo, Handsome Jack), irgendwann nervig zu werden (Hallo, Claptrap) oder schlicht gewollt zu wirken.

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Tales from the Borderlands: Die Charaktere im Detail.

Mit Rhys, Fiona und ihren Begleitern Vaughn, Sasha und Loader Bot macht Telltale viel richtig: Das Wechselspiel aus Kameradschaft, Feindschaft, Witzen, ernsten Gesprächen und liebevollem Necken bietet die perfekte Grundlage, um den Cast des Spiels für die kommenden Episoden ins Herz zu schließen.

Details, Details, Details

Obwohl es schwierig ist, von der erfolgreichen Telltale-Formel des spielerischen Films abzuweichen ohne eben doch wieder zu sehr zum Spiel zu werden, hat der Entwickler mit den Möglichkeiten seiner Vorlage gespielt und trotzdem einige neue Details eingebaut:

Die Quicktime-Event-Pfeile der Action-Sequenzen, die Menüs sowie die Zeitleisten bei der Dialog-Auswahl wurden komplett an Tales from the Borderlands angepasst. Spielen wir Hyperion-Rhys, hat der Stil Ecken und Kanten und leuchtet im gelben Digital-Look von Hyperion. Kommen wir zu den Fiona-Sequenzen, präsentiert man uns den Western-Look von Waffen-Fabrikant Jakobs aus der Borderlands-Reihe, der sich stilistisch mit Fionas Kleidungsgeschmack deckt.

Und wenn ihr euch auch gewundert habt, warum Rhys zwei unterschiedliche Augenfarben hat, dann werdet ihr euch sicher freuen, dass mehr dahinter steckt als zunächst erwartet. Telltale nutzt sein Auge nämlich dazu, euch eine neues Feature zu präsentieren, das euch die Umgebung nach interessanten Items scannen lässt. Ähnlich klassischen Adventures könnt ihr anschließend mit den Gegenständen interagieren, um weitere Infos zu bekommen. Clever: Die witzigen Texte, die bei Borderlands über die Quest-Menüs transportiert wurden, haben auf diese Weise auch bei Tales from the Borderlands ihren Platz gefunden.

Das wohl beste Detail – und der eindeutige Beweis, dass Telltale absolut fantastisch darin ist, Genre-fremde Spiele zu ergänzen – erwartet euch nach der bislang umfangreichsten Action-Sequenz eines Telltale-Spiels. Worum es sich dabei handelt, müsst ihr allerdings selbst erleben.

Tales from the Borderlands - Test-Fazit

Die Mischung aus Borderlands und Telltale hätte auf so verdammt viele Arten schief gehen können, weshalb ich umso überraschter bin, wie gut Tales from the Borderlands nun tatsächlich funktioniert - abgesehen von den üblichen kleinen Problemchen der veralteten Spiele-Engine.

Extrem viel Liebe zum Detail und schlau eingebundene Anspielungen dürften für wohlig-warme Gefühle in den Bäuchen sämtlicher Borderlands-Fans sorgen. Dank seiner guten Inszenierung, der richtigen Menge Humor und den komplett neuen, gut geschriebenen Charakteren, können aber auch diejenigen bedenkenlos einsteigen, die mit dem ganzen Peng und Wumms des Rollenspiel-Shooters nicht viel anfangen konnten. Der Spagat zwischen Fan-Service und Zugänglichkeit gelingt mit der ersten Episode von Tales from the Borderlands nahezu perfekt.

Hatte ich vor ein paar Monaten noch das Gefühl, Telltale würde irgendwann ganz bestimmt gegen die Wand seiner eigenen Sackgasse laufen, so muss ich jetzt gestehen, dass das bekloppte Universum der Tales-Vorlage und der neue Ansatz der Erzählweise das Telltale-Gefühl auf eine völlig neue Ebene heben. Und die kann in diesem weniger ernsten Setting auch durchaus mal das liebenswerte Arschloch in uns hervorkitzeln.

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