Game of Thrones: Serie top, Games flop?

Dominic Stetschnig

Mit dem Release der 6. Episode kommt Telltale Games‘ Game of Thrones erste Season nach gut einem Jahr Laufzeit zu einem Ende. Warum sich das Gesamt-Fazit zum Finale eher nach RTL 2 und nicht nach HBO anfühlt, möchte ich euch in meinem Artikel (99% spoilerfrei!) verraten.

Telltale Games Game of Thrones Launch-Trailer Staffelfinale.

Je stärker das Vorbild, desto größer die Fußstapfen

Ich generalisiere zwar recht ungern, aber ich gehe davon aus, dass - sofern ihr auf diesen Artikel geklickt habt - ihr bereits zuvor Berührungspunkte mit George R.R. Martins Game of Thrones hattet. Ich würde mich sogar so weit aus dem Fenster lehnen und sagen, dass die meisten von euch mit der TV-Serie von HBO vertraut und womöglich auch auf dem aktuellen Stand sind.

Als mir Anfang 2011 ein Freund von mir, der bei HBO in New York arbeitet, erzählte, dass sie kurz davor sind, eine neue Fantasy-Serie auf Basis einer Buchreihe zu veröffentlichen, war ich wenig beeindruckt. Fast Forward ins Jahr 2013, als ich eines Abends meinen Facebook-Feed durchscrollte und mit Erschrecken feststellen musste, wie meine Freunde ihr Leben plötzlich nicht mehr gepackt haben, weil sie S03E09 von Game of Thrones gesehen haben.

Wie viele Staffeln Game of Thrones wird es geben?

Ernsthaft, ich habe mir Sorgen um sie gemacht. Aber ich war auch ein bisschen neidisch. Ich dachte mir: Seit dem Finale von Six Feet Under hat mich keine TV-Serie mehr so emotional berührt - vielleicht lohnt es sich, drei Staffeln Fantasy-Gedöns zu überstehen, nur um am Schluss über dieses seltsame „Red Wedding“ mitreden zu können. Und Junge, war das eine verdammt gute Entscheidung! Schon nach den ersten Episoden war ich restlos begeistert, die „Red Wedding“ hat mich (zwar etwas später, aber immerhin) ebenso aus der Bahn geworfen wie jeden anderen und ja, auch das Finale der aktuellen 5. Staffel fand ich ergreifend und krass (ihr wisst schon, da wo dieser eine Charakter… und so!).

Als ich die erste Episode von Game of Thrones - A Telltale Game Series gespielt habe, war ich schnell im Bann. Dieses „Game of Thrones“-Feeling hat überraschenderweise gut zum Stil der Telltale-Games gepasst. Und meine Erwartungen wurden gut erfüllt: Erst emotionale Bindungen zu Charakteren aufbauen, die dann jäh und auf unfairste Art und Weise dem Leben entrissen werden - das konnten die Schreiberlinge von Telltale. Das hat sich auch in meinen Wertungen zur ersten und zur zweiten Episode des Spiels gezeigt.

Mittlerweile liegt die sechste Episode hinter uns und bereits im Laufe der Veröffentlichung ist es erstaunlich ruhig um das Spiel geworden. Kein Story-Buzz, keine Twist-Warnungen, das Internet und somit die Spieler haben jede Episode einfach hingenommen, ohne dass sie große Wellen geschlagen hat. Ein bisschen schade, oder? Auf der anderen Seite: Vollkommen zurecht…

Kein Ende mit Schrecken - dafür ein Schrecken ohne Ende?

„Wie kann man das nur in den Sand setzen?“, werden sich viele von euch fragen. Nun, ohne große Umschweifungen möchte ich direkt zum Problem kommen. Nein, korrigiere: Zu den zwei Problemen.

Problem Nummer Eins: Es ging zu gut los. Die erste Episode hat einen hervorragenden Ton vorgegeben. Die Charaktere, die vorgestellt wurden waren plausibel, man konnte sich mit dem bösen Schicksal des bislang unbekannten Hauses Forrester gut auseinandersetzen. Sie waren diejenigen, denen Unrecht geschah. Und als Spieler hatte man die beste Absicht, dieses Unrecht auszugleichen. Mit welcher Machtlosigkeit man oft zusehen musste, wie die Forresters durch die reine Missgunst und Boshaftigkeit immer mehr ins Verderben getrieben wurden, tat weh.

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Telltale Games: Alle Spiele in der Übersicht!

Das tat auch in der zweiten Episode noch weh, die einen anderen Ton anschlug und schon nicht ganz so fesselnd war, aber dennoch gut ins Konzept passte. Bei Episode drei war es schon schwieriger, den Entwicklern zu verzeihen, sich nach 90 Minuten Spielzeit zu fragen: „Moment, war das, was ich gerade getan habe, wirklich von Bedeutung?“.

Und genau das führt uns zu Problem Zwei, zu dem ich zwar seit Anfang an eine Theorie hatte, diese sich jedoch erst nach dem Release der letzten Episode bestätigen lassen konnte: Eure Entscheidungen tun nichts zur Sache.

Willst du die Mordwaffe behalten oder wegwerfen?

Vielleicht liegt es daran, dass zwischen Anfang und Ende der Season mit Until Dawn ein Spiel veröffentlicht wurde, welches euch die Konsequenzen eures Handelns unmittelbar und vor allem unwiderruflich vor Augen geführt hat. Es ist kein Geheimnis, dass der Horror-Überraschungs-Hit definitiv mein Spiel des Jahres ist. Jedes Mal, wenn ich bei Game of Thrones eine der (teilweise wirklich moralisch unheimlich schwierigen) Entscheidungen getroffen habe, hoffte ich, dass am Ende der Staffel alle Fäden zusammen laufen und sich daraus ein verzweigter Baum aus Entscheidungen ergibt, die mich zu meiner Konsequenz führen, die ich zu tragen habe.

Nun: Fehlanzeige. Man wird bei den Endcredits das Gefühl nicht los, dass einfach zu viele der eigenen Entscheidungen letzten Endes vollkommen unbedeutend für den Verlauf der Geschichte waren. Gepaart mit dem Gefühl, dass zu viele Handlungsstränge noch offen sind und quasi nur durch eine zweite Season beendet werden könnten, lassen mich mit einer Wut auf dem Niveau einer Cersei zurück (eine zweite Season wurde zwar bereits vage erwähnt, bestätigt ist von Seiten der Entwickler jedoch noch nichts).

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Wenn ich die Staffel Revue passieren lasse und mich daran zurück erinnere, wie ich teilweise gezittert habe, wenn ich Mira unter Zeitdruck im Wortgefecht mit Cersei die richtigen Antworten in den Mund legen wollte, oder mit Rodrik verzweifelt versucht habe, die Sicherheit meiner Gefolgsleute und gleichzeitig meine Würde zu bewahren, komme ich mir mit diesem Ende einfach ein wenig verarscht vor.

Vielleicht ist das aber auch ein Talent von Telltale Games, Entscheidungen für den Moment, in dem sie passieren, unaushaltbar schwierig zu machen… in der Hoffnung, dass man sie nach ein paar Stunden Spielzeit vergessen hat.

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Game of Thrones - A Telltale Game Series: Unser Fazit

Die Telltale-Variante von Game of Thrones ist ein kleines bisschen wie die Beziehung zwischen Cersei und Jamie Lannister: Man will es gut finden, für den Moment fühlt es sich auch gut an, aber auf Dauer merkt man, dass man doch nicht so wirklich zufrieden ist. Immerhin genießt man ein solides Spiel mit tollen Charakteren, welches die Atmosphäre der Serie und auch viele ihrer Darsteller gut einfängt. Und geht trotzdem davon aus, dass euch einige ans Herz gewachsene Charaktere auf der Reise zur North Grove verlassen werden. Auch wenn es am Schluss keinen Unterschied macht, ob ihr das Messer behaltet oder nicht.

Game of Thrones: A Telltale Game Series ist erhältlich für PC, Mac, Xbox One, Xbox 360, PlayStation 4, PlayStation 3, iOS & Android.

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