Telltale Game Of Thrones - Episode 1 Test: Testen in Westeros

Dominic Stetschnig 24

Das kalifornische Entwicklerteam Telltale Games hat sich mittlerweile einen Namen darin gemacht, interaktive Stories so intensiv zu erzählen, wie kaum ein anderes Game-Studio. Wer schafft es sonst, dass Spieler dicke Tränen von ihren Tablets wischen müssen oder ihnen der Xbox Controller vor lauter Panik-Schweiß fast aus der Hand fällt? Mit der Umsetzung der TV-Serie The Walking Dead, dem Film-Noir-Märchen The Wolf Among Us und dem vor Kurzem veröffentlichten Spin-Off Tales From The Borderlands haben sie bewiesen, dass es ihnen sehr wohl gelingt, Fans mit der Erweiterung bestehender Geschichten zu begeistern.

Game of Thrones – A Telltale Game Series: Das Point&Click-RPG mit QTE

Umso gewagter war ihr neuestes Projekt: eine interaktives Erlebnis der erfolgreichen HBO-Serie Game of Thrones, die wiederum auf den Buchvorlagen von George R. R. Martin beruht. Die erste Episode mit dem Titel „Iron From Ice“ ist seit kurzer Zeit erhältlich – bezieht sie ihren rechtmäßigen Platz auf dem eisernen Thron oder fällt sie gnadenlos durch das Mondtor?

Telltales Game of Thrones Launch Trailer Iron From Ice.

Im Gegensatz zu anderen Telltale-Serien ist Game of Thrones auf sechs, statt auf fünf Teile ausgelegt. In der ersten Episode übernimmt der Spieler die Rolle von drei der insgesamt fünf spielbaren Charaktere. Dabei handelt es sich um Mitglieder des Hauses Forrester, welches in der TV-Umsetzung bislang gar nicht vorkommt und selbst in den Büchern nur nebensächlich erwähnt wird. Die Forresters stehen unter dem Schutz des Hauses Stark – für Kenner der Vorlage an sich schon nicht unbedingt die beste Voraussetzung für  ein langes, glückliches Leben. Gerade jetzt, nachdem Roose Bolton zum Wächter des Nordens ernannt wurde.

When You Play The Game of Thrones, you win or you die!

Kenner der Serie bemerken an dieser Stelle auch, dass die Handlung von Iron From Ice am Ende der dritten TV-Staffel, unmittelbar während der Roten Hochzeit beginnt. Hier liegt bereits die erste große Einstiegshürde: wenn man Fans und Kenner der Serie befriedigen will, hat dies zur Folge, dass man Neulinge teilweise außen vor lässt. Das war in Ansätzen auch bei vorherigen Spielen von Telltale der Fall, allerdings fand man immer eine gute Balance zwischen dem Befriedigen der Fans mit Story-Insidern und einem leichten Zugang für Neuankömmlinge. Iron From Ice gelingt dieser Balanceakt nicht: wer nicht mit dem Stoff der Serie vertraut ist, wird diese Episode zwar spielen können, aber bei Weitem nicht so viel Spielspaß daraus ziehen, wenn er sich überhaupt irgendwie reinfuchsen kann.

Denn obwohl die spielbaren Charaktere komplett neu sind, treffen sie auf altbekannte Seriendarsteller, deren Verkörperung mehr als Vertraut ist: Ihr erlebt als Gared Tuttle, Knappe des Hauses Forresters, die Ausmaße der Roten Hochzeit direkt vor den Türen der Zwillinge mit, bittet die zukünftige Königin Margaery Tyrell in der Rolle von Mira Forrester um große Gefallen, während ihr eine Audienz bei Cersei Lannister überstehen müsst und übernehmt als Ethan Forrester nach dem Tod eures Vaters die Herrschaft über euer Haus – und trefft ebenfalls auf einen zutiefst unliebsamen Charakter aus der TV-Serie. Dieses Vorwissen über die bereits bekannten Charaktere beeinflusst eure Spielweise massiv - für Einsteiger werden Cersei, Tyrion und Ramsay nicht eingeführt - schade.

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Telltale Game of Thrones: Die Charaktere des Hauses Forrester

Forresters‘ Entscheidung:

Doch selbst wenn einem der Stoff der Serie unbekannt ist, altbekannt ist die Mechanik der typischen Telltale-Adventures: in seltenen Quicktime-Events erlebt ihr Action-Sequenzen, in noch selteneren „freien“ Abschnitten steuert ihr euren Charakter frei durch die Umgebung und könnt diese erkunden, den größten Teil des Spiels bestreitet ihr allerdings damit, Dialoge zu führen, Antworten zu geben und Entscheidungen zu treffen. Hier zieht Iron From Ice seine Trumpfkarte: denn kurz bevor das Spiel droht, sich in einer endlosen Aneinanderreihung an Gesprächen zu verlieren (gerade Miras Schauplatz in Königsmund ist etwas langatmig), fängt es an, mit wahrer Stärke zu glänzen. Selten hat euch das Treffen von Entscheidungen unter Zeitdruck so viel abverlangt wie hier.

Sofern man mit dem Stoff vertraut ist weiß man natürlich, dass man Cersei weniger vertrauen sollte als Tyrion, doch wie steht es mit den Charakteren, die man nicht aus zahlreichen TV-Episoden und Büchern kennt? Fast jede ausgewählte Antwort wird mit einem Vermerk quittiert, dass sich euer Gesprächspartner an eure Reaktion erinnern wird. Und wie immer gilt: „Silence is a valid option“ – Schweigen ist auch eine Antwort. Ohne diese Entscheidungen jetzt spoilern zu wollen kann ich versichern, dass ich selten so in der Bredouille steckte, wie in den 3 Stunden Spielzeit dieser Episode. Doch in exakt dieser Stärke liegt auch die größte Schwäche des Spiels.

Entscheidungsfreiheit im Story-Flaschenhals

Telltale Games gelingt damit nämlich eine interessante Illusion, die absolute Entscheidungsfreiheit zu haben und dadurch den Ausgang der Geschichte bestimmen zu können – allerdings spiegelt sich das überhaupt nicht im Rahmen der ersten Episode wieder. Obwohl ich das Spiel mehrere Male durchgespielt und absichtlich weit abweichende Antworten gegeben habe, bekam ich immer das gleiche Ende zu sehen. Womöglich entfalten sich die Handlungszweige erst in den folgenden fünf Episoden, Iron From Ice wird jedoch straff durchgezogen.

Telltales Game Of Thrones Episode 1: Test Fazit

An sich macht das Spiel im Kern nämlich wirklich wenig falsch und bietet einen guten Einstieg in eine neue Spiele-Serie, die auf mehr hoffen lässt. Wenn sich die Nebencharaktere in den kommenden Episoden so gut weiterentwickeln wie nach dem Grundstein, der in dieser Episode gelegt wurde, dürfen wir uns auf eine spannende Staffel freuen. Hoffentlich inklusive vieler Game-Of-Thrones-What-The-Actual-Fuck-Momente. Einen gibt es übrigens auch in dieser Episode schon. Doch auch bei Iron From Ice ist es wie mit der Roten Hochzeit: ihr solltet es am besten selbst erlebt haben, um mitreden zu können.

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