Spider Man oder Batman, die freundliche Spinne von nebenan oder der dunkle Ritter, Mutant oder Detektiv? In meinem Fall ist diese Entscheidung schon vor vielen Jahren auf dem Schulhof gefallen. Sie fiel auf Batman! Parker war für mich immer ein langweiliger Schnösel, Wayne dagegen ein zerrissener Charakter mit komplexen Dämonen. Auch die Adaptionen in Film und Spiel machten es mir zuletzt sehr leicht, die Fledermaus zu lieben. Während der „Dark Knight“ den modernen Blockbuster revolutionierte, schenkten uns die Rocksteady Studios mit „Arkham Asylum“ und „Arkham City“ zwei international gefeierte Spiele. Spidey ist irgendwie ins Hintertreffen geraten. „The Amazing Spider Man“ soll das nun an allen Fronten ändern.

 

The Amazing Spider-Man (Game)

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The Amazing Spider-Man (Game)

Im Kino wird „The Amazing Spider Man“ aktuell mit Wohlwollen bedacht. Die Formel aus frischen Schauspielern, alter Schöpfungsgeschichte und neuem Bösewicht scheint zu gefallen. Der kanadische Entwickler Beenox spinnt das Handlungsnetz seiner Spiele-Umsetzung lose um diese Geschehnisse aus dem Kinosaal.

Ein Zwischenfall in den Oscorp-Laboren führt zur Freisetzung infizierter Mutanten in New York. Während Spider Man gemeinsam mit dem inhaftierten Dr. Connors (a.k.a. „The Lizard“) an einem Gegenmittel arbeitet, schickt Oscorp riesige 5-01 Roboter aus, um eine Verbreitung des Virus zu verhindern. Spidey muss sich also im steten Wechsel mit mutierten Erzfeinden wie dem Rhino anlegen und hat dabei auch noch die Oscorp-Maschinen am Spinnenhintern. Schließlich ist auch Parker ein Mutant.

Für „The Amazing Spider Man“ erweist sich die Nähe zur Kinovorlage als Fluch und Segen zugleich. Filmische Inszenierung und ausgearbeitete Charaktere gefallen, während die erzählerischen Freiheiten und die Eigenständigkeit eines „Batman: Arkham City“ schmerzlich vermisst werden. Rocksteadys Erfolgs-Hit ist in „The Amazing Spider Man“ aber dennoch allgegenwärtig. Das Beenox-Team hat sich nämlich an Batmans Freeflow-Kampfsystem vergriffen.

Spidey schnellt aus sicherer Entfernung in Gegnergruppen hinein, verkettet seine Angriffe mit Hilfe simpelster Tastenkombinationen und reagiert gelegentlich mal mit einem Ausweichmanöver. Die Spider Man-Ausgabe dieses Kampfsystems sieht cool aus, bietet aber bei Weitem nicht den Tiefgang der Konkurrenz. Dafür fehlt es einfach an Gadgets und Combos. Obendrein wird man zu keinem Zeitpunkt ernsthaft gefordert, was die Kämpfe schnell banal und spannungsarm werden lässt.

Besser wird´s nicht - die Bosskämpfe gehen gut ab.

Zum Glück hat sich Beenox nicht allein auf ein halbherzig gemobstes Kampfsystem verlassen. Zwischen den sehr konventionellen Innen-Missionen, dürfen wir uns immer wieder durch eine offene Welt schwingen, in der Nebenmissionen, Bosskämpfe, Achievements und zusätzliche Erfahrungspunkte auf ihre Entdeckung warten. Die New Yorker Innenstadt dient dabei nur einem einzigen Zweck: Das Spider Man-Gefühl rüberbringen.

Ehh...man kann auch Stan Lee spielen - man kann es aber auch lassen.

Dank einer radikal vereinfachten Steuerung schwingen wir uns mühelos durch Straßenschluchten und über die Dächer der Großstadt hinweg. Das ist zwar in etwa so anspruchsvoll wie in der Nase bohren, macht aber durchaus Laune. Das gilt im Übrigen auch für die Kämpfe mit Spider Mans härteren Gegnern. Sich geschmeidig um einen haushohen Oscorp-Roboter zu schwingen und auf den richtigen Moment für die nächste Attacke zu warten – das kommt dem Kinoerlebnis schon sehr nahe.

Fazit

Es sind diese seltenen Highlights, die aus „The Amazing Spider Man“ ein adäquates Spiel zum Film machen. Beenox macht hier rein gar nichts auf eigene Faust, sondern bedient sich pragmatisch an allem, was dem Spidey-Gefühl irgendwie nützen könnte. Weil das tatsächlich immer mal wieder aufkommt, können Fans der freundlichen Spinne ruhig zugreifen. Dem Rest hat „The Amazing Spider Man“ wenig zu bieten. Wer bereits seinen Blick über die diesigen Dächer Gothams schweifen ließ, der wird in New York keine neue Heimat finden.

Wertung: 74%

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Tobias Heidemann
Tobias Heidemann, GIGA-Experte.

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