The Crew 2 im Test: Mut zur Breite, Angst vorm Detail

Frank Ritter

In The Crew 2 fährst du nicht mehr nur in Autos und Motorrädern, du schipperst auch in Rennbooten und fliegst in Flugzeugen durch Mini-Amerika. Dutzende Vehikel treffen dabei auf tausende Quadratkilometer Spielfläche – können aber nicht über mangelnde Liebe zum Detail hinwegtäuschen.

The Crew 2: Launch Trailer - Ubisoft.

Bereits in den ersten beiden Spielminuten macht The Crew 2 dir klar, welchen Anspruch es an Realismus hat. Da kurvst du ein paar Runden mit einem Porsche in der Gegend herum, plötzlich verzerrt sich die Welt, der Metropolenhorizont mitsamt Skyline biegt sich nach oben, und ehe du es dir versieht, wirst du in ein Sportboot katapultiert, mit dem du durch Küstengewässer cruist, während sich die linkerhand abzeichnende Skyline von New York langsam wieder dem normalen Meeresspiegel annähert.

Dieser Moment könnte aus dem Film Inception stammen. Er zeigt: Mit dem real existierenden Straßenverkehr oder Rennsport hat das hier nichts zu tun, dieses Spiel biegt sich die Limitierungen der Wirklichkeit so zurecht, wie sie dem Bedürfnis nach Geschwindigkeit, dem Willen nach Spaß am Asphalt entsprechen.

Darin steckt natürlich eine Vorannahme seitens des Entwicklerstudios, den Franzosen von Ivory Tower. Nämlich die, dass Realismus den Spielspaß trübt – Realismus in seiner breitesten Definition wohlgemerkt, nicht übertriebener Realismus. Denn, und das stellt sich beim Spielen schnell heraus, die Entwickler haben viele Variablen herausgestrichen, die entweder als Spielfluss-störend oder zu aufwändig zu implementieren eingeschätzt wurden. Zu viele.

Vehikel-wechsel-dich

Zunächst zum Rahmen des Spiels: Es gilt, mit dem eigenen Avatar-Charakter, der aus einer diversen Anzahl vorgefertigter Personen auswählt wird, Rennligen emporzuklimmen, die wiederum in einzelne Rennserien unterteilt sind. Erfreulicherweise sind die Charaktere, die du wählen kannst und gegen die du spieslt, „Allerweltsgesichter“, also Personen unterschiedlicher Herkunft und verschiedenen Geschlechts. Die männlich-martialische Klischeewelt des Motorsports mit Tribal-bemalter Muskelmasse, um die sich andere Spiele drehen, hat sich Ivory Tower hier also nicht zum Vorbild genommen. Das ist prinzipiell gut.

Atmosphäre oder gar Identifikation mit der Spielfigur kommt aber auch keine auf, da hilft es auch nichts, sich in der Egoperspektive durch Rennplätze und im eigenen teils-Wohnloft-teils-Vehikel-Showroom zu bewegen (Hey, jeder von uns isst und schläft doch gerne neben seinem AMG-Mercedes, oder nicht?). Das Spielziel, Social-Media-Fans durch gewonnene Rennen zu gewinnen, ist keine hinreichende Ersatzmotivation. „Internetpunkte““ zu sammeln ist schon im Echtleben fragwürdig, liebe Influencer, eine weitere Ebene der Virtualisierung wirkt da noch alberner.

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The Crew 2: Easter Eggs - Big Foot, Zelda, Pac-Man und mehr.

Im Kern gehts aber natürlich ums Gameplay. In The Crew 2 gibt es neben klassischen Straßenrennen auch Offroad-Strecken und Motorboot-Parkours zu meistern, Punkte in Trick- und Stuntflügen anzuhäufen, Motocross-Rennen zu bestehen und Punkte in Drift-Aufgaben zu bestehen. Die Abwechslung ist am Anfang cool, du willst alles mal gesehen haben und steigst in jede Rennserie bereitwillig ein. Bereits nach kurzer Zeit hast du folglich eine enorme Anzahl an Events zur Verfügung, in denen du dich beweisen kannst.

Du spielst also Strecken und Aufgaben frei, erspielst dir Fahr- und Flugzeuge und rüstest diese auf. Allerdings hast du bereits kurz nach dem Start der Rennkarriere Zugriff auf so viele Strecken und einen so üppigen Furhrpark akkumuliert, dass durch diese Breitseite an Möglichkeiten ironischerweise die Motivation leidet. Zu den Gründen gleich mehr.

Der Aufrüstpart beschränkt sich darauf, mit ein paar Tastendrücken zuvor erspielte Verbesserungen am Motor, Reifen und so weiter anhand einer einzelnen Zahl zu applizieren. Oh, das 112er-Getriebe ist verfügbar, gleich mal anklicken. Und während du deine Bleifüße im Vorgänger noch nach Herzenslust aus etlichen Farben, Texturen, Stickern, Felgen und dergleichen dem eigenen Gusto entsprechend optisch ausstaffieren konntest, gibt es hier eine Handvoll Farbprofile – das war’s. Gähn!

Die zwischen Kontinental- und Straßenebene stufenlos zoombare Karte ist technisch hervorragend gemacht, lediglich die Filter für Events, etwa zum Anzeigen nur jener, die du noch nicht absolviert hast, hätte etwas weniger hakelig sein dürfen. Fährst und fliegst du ohne Ziel in der Welt umher, siehst du gelegentlich andere Spieler, die mit ihrem In-Game-Nick markiert sind. Das kommt zwar selten vor, ist aber ein kleines Highlight. Kommunikation mit anderen Spieler, etwa per Sprachchat, findet dabei aber nicht statt. Wer darauf erpicht ist, sich menschliches Bestätigung für besonders hübsche Fahr- und Flugmanöver abzuholen, ist in The Crew 2 an der falschen Adresse. Startest du ein Event, wird dieses instanziert. Natürlich macht es am meisten Spaß, wenn du mit Kumpels zockst, in aller Regel wirst du The Crew 2 aber alleine spielen. Zumindest bis die PvP-Lobby integriert wird, ein Feature das leider erst für Dezember 2018 angekündigt ist.

Wie fährt sich The Crew 2?

Das Fahr- und Flugverhalten der Fahrzeuge ist stabil – im eigentlichen Wortsinne. Kurven in hoher Geschwindigkeit zu nehmen ist mit ein wenig Übung keine Herausforderung mehr. Wirst du aufgrund eines Crashs ans Ende des Feldes zurückkatapultiert, kannst du den Spitzenplatz in der Regel entweder innerhalb kürzester Zeit wieder erreichen – zumindest wenn das Vehikel ausreichend hochgezüchtest ist. Der „Gummibandeffekt“ ist aber natürlich auch in die andere Richtung wirksam, Start-Ziel-Siege sind selten, robuste Vorsprünge schmelzen sofort dahin, sobald du einen winzigen Fahrfehler begehst. Zum Beispiel weil du gegen das falsche Hindernis fährst.

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The Crew 2: Alle Fotoaufgaben - Fundorte auf der Karte.

Bäume scheinen aus Hartgummi zu sein, was ihre Abprall- und Schadenswirkung angeht, während Straßenlaternen schon bei sanften Berührungen umgemäht werden. Gartenzäune stehen unzerstörbar in der Erde, Maschendraht fliegt Dutzende Meter weit. Eine Frontalkarambolage mit 150 Sachen in den Gegenverkehr lässt lediglich Lackschäden zurück, die folgerichtig keine Auswirkung aufs Fahrverhalten haben. Mit einem Doppeldecker minutenlang kopfüber nur zwei Meter vom Boden entfernt zu fliegen macht — anders als das Spiel es in seinen Storyfragmenten suggeriert — keine Probleme.

Das ist schade. Denn dass Physik als Chaosfaktor und herausforderndes Element kein Hemmnis für Spielspaß und Einsteigerkompatibilität sein müssen, ist hinreichend bewiesen, davon zeugen ehrwürdige Serien wie Flatout, Burnout und die letzten GTA-Teile IV und V. Nein, letztere sind keine Rennspiele, trotzdem verhalten sich Fahr- und Flugzeuge hier bedeutend echter und, ja, beim Kurven durch die Straßen der Metropolen auch befriedigender. Und das, ohne in das für die meisten Spieler belastende Simulations-Genre abzudriften.

Ist The Crew 2 dann zu leicht? Nicht unbedingt. Die spielerische Herausforderung besteht aber eben deutlich weniger darin, gut zu fahren, sie findet in Nebenschauplätzen statt: Sitzfleisch zum Beispiel. Es geht darum, so viele Rennen zu fahren, damit du Geld und Upgrade-Kisten erhälst, sodass du neue Autos und weitere Rennen freischalten kannst. Sie besteht darin, bei Nachtrennen die Strecke zu erkennen. Sie besteht darin, die anfangs ungewohnte Steuerung von Motorbooten und Flugzeugen zu erlernen. Sie besteht darin, die verschiedenen Währungs- und Fortschrittsysteme zu begreifen.

Dennoch macht The Crew 2 Spaß, wenn du dich mit dem geringen Anspruch an das eigene fahrerische Können arrangieren kannst. Per Knopfdruck zwischen Rennboliden, Flugzeug und Auto herumzuwechseln, ist eine extrem coole Mechanik, die zu Experimenten einlädt – etwa indem du versuchst, über einer Brücke im richtigen Moment vom Flugzeug zum Auto zu wechseln und auf dem „Brückendach“ zu landen. Schade, dass diese Mechanik kaum in den Rennen eingesetzt wird.

Aufgaben statt Erforschung

Die Motivation, die Spielwelt zu erkunden ist geringer als im Vorgänger. Während du im ersten The Crew nach und nach Städte freispielst und die Karte nur Schnellreisen an Orte zuließ, die du bereits einmal befahren hattest, kann durch die zahlreichen Aufgaben, die in The Crew 2 jederzeit zur Verfügung stehen, praktisch jeden Winkel der digitalen Staaten von Amerika flott bereist werden. Entsprechend wirkt die Welt auch weniger organisch, mehr wie eine Verbindung von aufwändig modellierten Orten, die untereinander durch zufällig generiertes Material verbunden werden. Das zeigt sich an Details wie der recht gleichförmigen Bewaldung oder der Tatsache, dass die Straßentexturen an Kreuzungen mitunter falsch zusammengesetzt sind.

Natürlich gibts durch die vielen Aufgaben überall viel Abwechslung und wenig Leerlauf. Stellt sich trotzdem die Frage, welchem spielerischen Zweck die gigantische Open World von The Crew 2 dienen soll, so einzigartig, vielfältig und aufwändig erstellt sie auch sein mag. Mir hat sie zu selten etwas gegeben, während auch den letzten Flecken unbekannten Terrains aufzudecken mir in The Crew 1 noch viel Freude bereitet hat.

Technisch kann ich The Crew 2 ein robustes Zeugnis ausstellen, wenn auch kein herausragendes. Die schicken Licht- und Wetter-Effekte erzeugen Stimmung, besonders in den Straßenschluchten der Großstädte und bei Sehenswürdigkeiten wie den Rocky Mountains. Neben den sehenswerten Tag-Nacht-Wechseln und wechselnden Wetterbedingungen sind auch unterschiedliche Jahreszeiten implementiert. Die kommen aber nur erratisch zum Einsatz: In einer Situation fuhr ich beispielsweise im verschneiten Winter aus meinem Hauptquartier an der Westküste, ein kurz darauf gestartetes Rennen fand schon wieder bei strahlendem Sommerersonnenschein statt. Das ist ein klassisches Problem von Instanzierung und verständlich – schließlich sollen bei ein und demselben Rennen ja auch immer gleiche Bedingungen vorherrschen. Nach dem Rennen verblieb ich aber im sonnigen Kalifornien – obwohl ich gerne ein bisschen durch Schnee und Matsch gecruiset wäre.

Die Wagen, Flugzeuge und Boote sind hübsch modelliert, wenn sie auch kein echtes Schadensmodell aufweisen und Cockpits etwas detailarm wirken. Der gut implementierte Motion-Blur und Anti-Aliasing mit temporaler Komponente lassen das Bild hübsch flimmerfrei wirken. Probleme beim Frame-Pacing, die zu Mikro-Rucklern führen – gut zu sehen, wenn die Kamera horizontal ums Auto rotiert – und vor allem sehr späte Pop-Ins waren beim Zocken am PC mit einem Frame-Ziel von 60 FPS (mehr ist nicht möglich) allerdings visuelle Störfaktoren. Der Sound ist solide und spiegelt sowohl die unterschiedlichen Gefährte als auch Rennsituationen gut wieder, etwas mehr Bass in den Motoren-Sounds der kernigen Boliden wäre fürs Fahrgefühl aber förderlich gewesen.

The Crew 2 wirkt technisch wie spielerisch nicht so poliert wie Forza Horizon 3. Da Ubisoft das Spiel aber auch dauerhaft mit Updates versorgen will, und auch das erste The Crew nach Release noch ordentlich aufgehübscht wurde, erwarte ich hier noch Verbesserungen.

Mein Test-Fazit zu The Crew 2

Im Ergebnis setzt The Crew 2 die falschen Prioritäten für ein Arcade-Rennspiel. Die Liebe zur Breite ersetzt die Liebe zum Detail. Was nützen mir dutzende an Gefährten und Events, wenn sie sich überwiegend gleich spielen, wenn diese mich entweder nicht herausfordern oder unschaffbar sind? Was nützt mir das Miniatur-Abbild eines halben Kontinents, wenn ich keine Motivation habe, ihn zu erkunden? Natürlich: Für eine Runde zwischendurch macht eine Partie The Crew 2 durchaus Spaß, Ivory Tower hat aber durch falsche Prioritäten zu viel Potential verschenkt, um eine Alternative zu Forza Horizon zu sein.

Wird dir gefallen, wenn du auf kurzweilige Rasereien für zwischendurch stehst und Ubisoft-Spiele magst.

Wird dir nicht gefallen, wenn du echte Abwechslung und nicht nur viel Content willst.

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