The Evil Within im Test: Ein blutiger Horror-(Alb)Traum

Annika Schumann 10

Das Survival-Horror-Genre erlebt seit einer Weile eine Krise. Viele Fans wünschen sich weniger Action und mehr schaurige Atmosphäre. Resident-Evil-Schöpfer Shinji Mikami schreibt sich auf die Fahne, den Wunsch erhört zu haben und möchte die beängstigenden Gefühle mit The Evil Within zurück auf den Bildschirm bringen. Ob ihm das gelungen ist, erfahrt ihr im Test.

The Evil Within im Test: Ein blutiger Horror-(Alb)Traum
The Evil Within - Launch Trailer.

Seit meiner Kindheit verschlinge ich Horror-Bücher, -Filme und -Videospiele. Natürlich ließen mich die ersten Informationen zu The Evil Within aufhorchen und ich hoffte, wieder einen richtig guten Schocker zu erhalten. Ich war so gespannt auf das Spiel, dass es sogar einen Platz in meiner Top 5-Liste zu meinen meisterwarteten Spielen für dieses Jahr erhalten hat. Dementsprechend konnte ich es auch kaum erwarten, The Evil Within das erste Mal selbst auf der gamescom 2014 spielen zu können. Dort wurde eine Demo präsentiert, die mir einen ersten Eindruck verschaffte - und das auf besondere Weise:

Der schmale Grat zwischen Realität und Wahnsinn

Der Raum war komplett abgedunkelt und wurde nur vom seichten Schein einiger Bildschirme in mysteriöses Licht getaucht. Hin und wieder flackerte eine Taschenlampe eines Helfers auf, der neuen Spielern den Weg zu den Stationen zeigte. Kopfhörer und ein Controller lagen bereit und obwohl der Stand inmitten einer der Hallen platziert war, kann ich mich nicht an viel Lärm erinnern, nachdem ich mich gesetzt und die Demo gestartet hatte. Im Gegenteil, Bethesda hatte es geschafft, in wenigen Sekunden die beklemmende und einsame Atmosphäre in eine Halle voll tausender Menschen zu transferieren und ließ mich direkt in die finstere und abstruse Welt von The Evil Within abtauchen.

Ich vergaß nach wenigen Augenblicken auch, dass ich mich mit mehreren Personen in diesem Raum befand, weil jede Spielstation leicht abgetrennt von der daneben war. Es war so dunkel, dass ich nicht einmal den Zettel mit den Tastenbedienungen lesen konnte, der durch eine kaum wahrnehmbare, elektrische Kerze beleuchtet werden sollte. So kam es auch, dass ich zweimal fast einen Herzinfarkt erlitten hatte, weil eine Helferin mir auf die Schulter tippte und mir Hinweise zu den Aufgaben gab. Eine perfekte Präsentation für ein Spiel, auf das ich mich schon so lange freute. Und genau dieses Gefühl wollte ich auch im Rest des Spiels erleben, weshalb ich dem Beispiel gefolgt bin und mich ganz allein und in absoluter Finsternis auf Monsterjagd gemacht habe.

Denn davon lebt Shinji Mikamis neues Werk - die kranke, beklemmende und surreale Atmosphäre. Diese wird unterstützt von einer häufig sehr düsteren Grafik, viel Blut an Wänden und auf dem Boden und einem hin und wieder sehr starken Partikeleffekt. Auch faszinierende Lichteffekte sorgen oftmals allein schon für Nervenkitzel. Doch das ist nicht alles. Direkt zu Beginn wird deutlich, dass das Spiel oftmals verlangt, geschickt davon zu laufen oder sich zu verstecken, da es den Spieler häufig mit einem übermächtigen und unbesiegbaren Gegner konfrontiert. Außerdem zieht The Evil Within einen sofort von der ersten Szene an in das blutige Geschehen.

Als Polizist namens Sebastian Castellanos müsst ihr mit eurem Team ein Verbrechen aufklären, doch am Tatort angekommen, werdet ihr selber niedergeschlagen - und erwacht daraufhin kopfüber an einer Decke hängend, neben vielen Leichen und einem bizarren Monster, das die leblosen Körper zu  klassischer Musik zerstückelt. In diesem Anfangslevel wird klar, dass der Spieler nicht immer dem Feind gegenübertreten, sondern nach Alternativen für eine Flucht suchen sollte; vor allem weil in diesen ersten Szenen keinerlei Waffen zur Verfügung stehen. Damit ist das erste Kapitel ein perfekter Einstieg, um sich auf die bevorstehende Ressourcenknappheit einzustellen und zu verinnerlichen, dass Verteidigung nicht immer der beste Angriff ist.

Ebenfalls kommt immer wieder die Frage auf, ob die Geschehnisse wirklich der Realität oder Sebastians zerrüttetem Geist entspringen. Die Antwort auf diese Frage zu suchen, ist großer Bestandteil der Spielerfahrung von The Evil Within und sorgt für eine ganz besondere Spannung, da der Spieler trotz des vielen Horrors dennoch immer weiterspielen möchte, um die Hintergründe und die Wahrheit zu erfahren.

Der Horror, den The Evil Within verursacht, findet häufig im Kopf statt. Der Spieler rechnet oft damit, dass hinter der nächsten oder übernächsten Ecke definitiv ein Jumpscare wartet, da schließlich ein riesiger Gegner dort entlanggegangen ist - doch das ist meistens nicht der Fall. Ich bin oft genau dann fürchterlich zusammengezuckt, wenn ich absolut nicht damit gerechnet habe.

Das Leveldesign ist abwechslungsreich gestaltet und die Tatsache, dass sich die Abschnitte teilweise plötzlich komplett verändern und eine Blutwelle auf den Charakter zu schwimmt, sorgt für noch mehr konstanten Nervenkitzel, da nie ganz klar ist, was hinter der nächsten Ecke lauert. Die Anzeige in Form eines Auges, das auf einen Gegner hindeutet, der sich in der Nähe befindet, hilft dabei ebenfalls nur wenig, da sie kaum Rückschlüsse auf den Standort des Bösartigen zulässt. Es ist mehr ein Hinweis und ein schmunzelnder Vermerk, der aussagt: Achtung, gleich wirst du wahrscheinlich attackiert und dabei sterben.

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Spiele, deren Entwickler unter neuem Namen nochmal das gleiche gemacht haben.

Psycho-Horror für geduldige Spieler

Deshalb ist es wichtig, stets die Geräusche um sich herum wahrzunehmen, denn nur so lassen sich Überraschungsangriffe vermeiden - eine Karte sucht ihr nämlich vergebens. Dies kann jedoch, ganz nachdem was für ein Spieler ihr seid, als Nachteil ausgelegt werden. Das viele Schwarz und die dunklen Gänge machen eine Orientierung oft nicht besonders einfach, auch die auf der PlayStation 4 nicht entfernbaren Widescreen-Balken sorgen für eine eingeschränkte Sicht. So kommt es, dass ihr Auswege vielleicht bei der ersten Flucht nicht unbedingt wahrnehmt und daran vorbeilauft, während euch eine ganze Meute von schaurigen Kreaturen verfolgt und ihr schlussendlich in eine Sackgasse gelangt, aus der nur schwer entkommen werden kann.

Wenn ihr lieber ein Spiel haben möchtet, das euch unter die Arme greift und euch in eine Richtung lenkt, um weiterzukommen, dürftet ihr bei The Evil Within Probleme haben. Ihr seid meistens auf euch allein gestellt und müsst selbst überlegen, welche Schritte nötig sind, um an euer Ziel zu gelangen und dabei nicht einen grausamen Tod zu erleiden. Manchmal müsst ihr trotz der vorherigen Weglauf-Strategie, doch noch alle vorhandenen Gegner mit unterschiedlichen Bolzen, der Schrotflinte oder eurem Revolver vernichten, damit ein Event getriggert und ein Weiterkommen ermöglicht wird. Diese Lektion musste ich schmerzlich lernen, obwohl mir das Spiel von Beginn an ein anderes Verhalten angeraten hat.

Sollte euch die - teilweise wirklich knappe Munition - ausgehen, so beobachtet wachsam eure Umgebung. Oftmals finden sich unterschiedlichste Fallen, in die Gegner hineingelockt werden können. Und wenn ihr nicht nur an den Kreaturen vorbeischleichen wollt, könnt ihr diese von hinten erstechen, solange sie euch noch nicht erblickt haben. In letzter Instanz könnt ihr natürlich auch auf die Gegner einprügeln, wovon allerdings oftmals abzuraten ist, da sie teilweise stark austeilen.

Leider weist die PS4-Fassung oftmals einige Ruckler auf und hier und da sind mir ein paar Bugs begegnet, die mir teilweise sogar ein Weiterkommen unmöglich gemacht haben. Sebastian ist irgendwo steckengeblieben und ich musste so meinen letzten Speicherstand laden. Das ist bei einem Spiel, das ohnehin schon einen hohen Frustfaktor für viele Spieler aufweisen dürfte, ein ziemliches Ärgernis, da die Kontroll- und Speicherpunkte nur spärlich gesetzt sind. Häufig sehnt man sich nach dem Hinweis, dass der aktuelle Fortschritt gesichert ist, doch oft wird diese Erwartung nicht erfüllt, weshalb jeder Schritt genau überlegt werden sollte. Wenn dann ein gravierender Bug auftaucht, kann das durchaus mal den Spielspaß anknacksen.

Die Implementierung des sekundenlangen Stehen bleibens, nachdem die Sprintausdauer aufgebraucht ist, ist mehr als fragwürdig. So kam es oft vor, dass ich vor einem unbesiegbaren Gegner davonlief und mir auf der Suche nach einem Ausgang die Puste ausging. Sobald dies geschieht, verharrt Sebastian für einige Sekunden an Ort und Stelle und kann nicht bewegt werden, bis er sich etwas erholt hat - doch dann ist es oft schon zu spät. Aus diesem Grund wäre es sinnvoll, besonders die Sprintausdauer so früh wie möglich aufzuleveln. Ebenso sind einige Handlungsweisen der Charaktere nicht ganz schlüssig. Einmal wirft Sebastian seine Kettensäge einfach weg, anstatt sie weiterhin verwenden zu können - wahrscheinlich aus dem einfachen Grund, damit der Spieler immer noch das unterlegene, hoffnungslose Gefühl behält und sich nicht mit einer starken Kettensäge durch die Gegner schnetzelt.

Dennoch gefällt mir das Design des Hauptcharakters und seine derben Ausrufe, die mir teilweise zeitgleich über die Lippen kamen, sehr gut und auch die Darstellung und Erscheinung von Ruvik wirkt oft sehr episch. Selten hatte ich vor einer weißen Kapuze so viel Angst. Auch die Begleiter-KI ist gut balanciert, da keine sinnfreien Aktionen, wie stumpfes in die Menge oder vor die Linse des Hauptcharakters rennen, vorkommen.

Fazit:

The Evil Within ist nicht, wie viele gehofft haben, der große Retter der Survival-Horror-Titel, geht aber auf jeden Fall einen großen Schritt in die richtige Richtung. Die undurchsichtige Geschichte und die kinoreif umgesetzten Cutscenes peitschen den Spieler regelrecht von einem Kapitel zum nächsten, da ständig die Frage offen bleibt, was real, was Vision ist und was hinter den ganzen seltsamen Vorkommnissen steckt. Horror-Fans dürften in dieser Hinsicht zwar keine Neuerungen erleben und das Gefühl haben, viel davon schon einmal erlebt und gehört zu haben, aber dennoch ist die Präsentation der Geschichte einzigartig und spannend.

Die teilweise wirklich knappe Munition sorgt dafür, dass The Evil Within nicht zu einem stumpfen Horror-Shooter verkommt, sondern abverlangt, dass nach alternativen Möglichkeiten der Gegnerbeseitigung oder -Vermeidung geschaut wird. Das Horror-Feeling fällt in späteren Leveln zwar dann doch etwas mehr den Action-Passagen zum Opfer, bleibt jedoch ständig durch die bizarren Kreaturen und Handlungsweisen jener bestehen.

The Evil Within ist nichts für Spieler, die einen schwachen Magen und eine Stealth-Phobie besitzen - aber diejenigen, die eine Herausforderung suchen und damit leben können, in einigen Abschnitten öfter zu sterben. Horror-Fans sollten dem Spiel ohnehin absolut eine Chance geben. Schlussendlich ist The Evil Within nämlich das, was ihr daraus macht, mit welcher Einstellung ihr daran geht und was für eine Art von Spieler ihr seid. Wenn ihr durchrushen wollt, wird der Titel euch womöglich nicht zufrieden stellen. Möchtet ihr jedoch eine interessante Geschichte erleben, die auf eigentümliche Weise präsentiert wird und dabei einige Herausforderungen annehmen, werdet ihr eure helle Freude haben.

Getestet wurde die PlayStation 4-Version. Wenn ihr euch einen Überblick über die Gegner verschaffen wollt, könnt ihr dies hier tun. Die USK-Fassung verfügt nur über eine deutsche, französische, spanische und italienische Sprachausgabe. Wer das Spiel auf Englisch spielen möchte, muss importieren.

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