The Inpatient im Test: Der Kameramann des Horrorfilms

Michael Sonntag

VRstören. VRrückt. VRmitteln. VRwandt. VRlangen. VRzweiflung. VRwesen. VRdammen. VRlieren. VRgessen. VRnichten.

Entwickler Supermassive Games setzt mit The Inpatient das Horror-Universum von Until Dawn fort. Im VR-Spiel musst du eine Verschwörung aufdecken, welche sich hinter den Kulissen des düsteren Blackwood Pines Sanatorium verbirgt. Dabei sollen deine Entscheidungen massive Auswirkungen auf den Spielverlauf haben.

Hier kannst du dir den Trailer zu The Inpatient ansehen:

The Inpatient – Story Trailer | PS VR.

Ich bin irre, also laufe ich

Januar 2018. Mit meiner Hand lockere ich die Halterung der VR-Brille, um sie mir über den Kopf zu ziehen. Gerade sehe ich noch mein Zimmer, die Nerd-Poster an den Wänden, den Teppich und das Bett – und einen Moment später wird das Ganze von den schwarzen Linsen der Brille verschluckt. Als es wieder hell wird, stehe ich auf einem Flur des Blackwood Pine Sanatoriums. Es ist das Jahr 1952.

Der Horror beginnt wie üblich mit Dunkelheit. Verzerrte Stimmen, Echos, Bildfetzen. Bis mich ein netter Doktor aus dem Alptraum entreißt und fragt, ob alles in Ordnung ist. Klar, das ist schließlich nicht das erste Mal, dass ich als Videospieler in ein Sanatorium eingewiesen wurde.

Was fehlt mir denn, Doc? Ah, Amnesie, was auch sonst? Darf ich fragen, ob Sie zufällig etwas damit zu tun haben? Nein, denn The Inpatient gibt mir immer nur zwei feste Dialog-Möglichkeiten, die über den Schultern meines Gesprächspartners erscheinen. Zur Entschädigung darf ich aber alle zwei Minuten darüber abstimmen, ob ich das eine oder das Gegenteil davon sage.

Manche Antwort wird mit einem Schwarm bedeutungsschwangerer Schmetterlinge begleitet. Dann befürchte ich immer, mein eigenes Todesurteil gefällt zu haben.

Schade, dass The Inpatient keine dieser Ideen umgesetzt hat:

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Diese 7 Horrorspiel-Ideen wurden leider noch nicht umgesetzt.

Die erste Spiel-Stunde bin ich an meinen Rollstuhl geschnallt, womit ich bequem anderen das Handeln überlassen kann und stattdessen die wundervolle VR-Umgebung des Sanatoriums bestaunen darf. Wow, es sieht alles so echt aus!

Der gekachelte Boden, die Wände, die Deckenlampen und selbst hinter mir kann ich etwas sehen. Mein Körper existiert ebenfalls, dessen Geschlecht und Hautfarbe ich am Anfang anpassen durfte. Das wird mich vermutlich noch über das ganze Spiel faszinieren. Oder nicht?

Die zweite Spielstunde befinde ich mich auf meinem Zimmer, esse Sandwichs, schaue aus dem Fenster und pflege Konversationen mit meinem Mitbewohner. Da sich mein Körper wie ein Panzer steuert, bin ich zunächst froh, nicht viel Platz zum Laufen zu haben.

Der Weg zwischen meinem Bett und der Türe macht mich schon wahnsinnig, obwohl mein Mitbewohner und ich uns darüber einig sind, dass wir hier zu Unrecht festgehalten werden. Der Alltag im Sanatorium kann sehr eintönig ausfallen. Tagsüber im Zimmer sein, nachts in gruseligen Alpträumen durch die Gänge panzern. Bis das Sanatorium plötzlich eines Tages verwaist daliegt. Während unsere Zimmertüre immer noch abgeschlossen ist.

Nach einer Woche der Gefangenschaft gehen uns beiden die Käfer zum Essen aus. Bevor wir aber unsere kannibalistischen Zubereitungsvorstellungen für den anderen in die Tat umsetzen können, komme ich irgendwie frei. Okay, jetzt fängt das Spiel erst richtig an. Was ist hier geschehen? Was hat es mit den Leichen auf den Gängen auf sich?

Mit der Taschenlampe bewaffnet, mache ich mich auf die Suche nach Antworten. Ständig erwarte ich, dass mich gleich etwas anspringt. Die schaurige Atmosphäre umgibt mich im 360 Grad-Winkel. Der VR-Horror entfaltet sich und hüllt mich in seinen eiskalten Kokon ein. Ja, gib’s mir, liefere mir einen Grund, die Brille vom Kopf reißen zu wollen!

Leider nicht. Nach den ersten Jumpscares und in Szene gesetzten Leichen vereinsame ich auf den Gängen ein wenig. Wenn doch endlich ein Monster kommen würde, dann hätte ich wenigstens etwas Gesellschaft. Gefühlte Millionen leere Labore, Zimmer und Flure später holt mich das Spiel in Form einer Überlebendengruppe ab.

Falls du auf der Suche nach Alternativen bist:

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Die besten PlayStation VR-Spiele (PS VR).

Experimente, ein böser Fluch, Bergarbeiter – der zurückgehaltene Stau an Informationen bricht los und überschwemmt mich. Das ist vermutlich der Moment, an dem eingefleischte Until Dawn-Fans voll auf ihre Kosten kommen und das befriedigende Gefühl erhalten, wie sich das Puzzle nahtlos zusammenfügt. Ich jedoch warte, bis die flachen Charaktere zu Ende gequatscht haben und wir endlich loskönnen.

Mittlerweile sind insgesamt vier Spielstunden vergangen. Wir haben eine nervenzerfetzende Flucht mit vielen Verlusten hinter uns. Ich stand immer dabei und konnte das Chaos gut einfangen, weil ich kein einziges Mal sterben konnte. Geschweige denn mal wirklich einbezogen wurde.

Als ich in die Seilbahn einsteige, läuft plötzlich der Abspann. Was für ein genialer Trick vom Entwickler, denke ich. Mich glauben zu lassen, dass das Spiel jetzt schon vorbei ist, mich in Sicherheit wiegen, bevor das Spiel noch mal richtig loslegt.

…Nein. Es ist vorbei. Den größten Horror haben sie sich tatsächlich für den Schluss aufgehoben.

Zusammenfassung und Fazit:

Ein VR-Spiel sollte mehr als nur VR bieten. Gerade ein Horror VR-Spiel könnte mehr Potenzial zum Erschrecken nutzen als die traditionellen Bildschirm-Versionen. Durch einen Magen kriechen, durch Alptraumlandschaften wandern, den Tod erleben – Ob das technisch noch nicht umzusetzen ist oder an anderen Faktoren scheitert, bleibt offen.

The Inpatient ist der kleine Anfang von etwas Großem. Während des Spiels habe ich stets auf den Hauptinhalt gewartet, um dann nach vier Stunden festzustellen, dass ich ihn längst gesehen habe. Das Gameplay kann nicht nur daraus bestehen, Dialogzeilen auszuwählen, einen panzerhaften Körper zu steuern, eine sperrige Taschenlampe zu bedienen und Türen zu öffnen. Was den Wiederspielwert angeht, um zu sehen, wie sich andere Entscheidungen auf das Spiel auswirken, graut mir davor, die langen und dunklen Gänge noch mal abwandern zu müssen.

Dass die Platin-Trophäe auf der PS4 den Titel „Echte Geduld“ trägt, könnte passender nicht sein. Alles in allem ist die erste Spielstunde beispiellos für mich gewesen, während dem Spiel in den restlichen Stunden die Qualitätsargumente ausgingen. Gerade wenn das Irrenhaus-Setting mittlerweile etwas in die Jahre gekommen ist. Die Hintergrundgeschichte des Protagonisten bietet ein paar interessante Abweichungen vom Klischee, aber das war es auch schon. Als ich in meinem Spieldurchlauf das Sanatorium als einziger Überlebender verließ, dachte ich mir nicht viel dabei.

Wird dir gefallen, wenn du schon immer mal Kameramann bei einem Horrorfilm sein wolltest.

Wird dir nicht gefallen, wenn du von einem VR-Spiel etwas mehr als nur VR erwartest.

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