The Last Guardian: Ein Test aus dem Jahr 2084

Leo Schmidt 21

Sanfte Grüße und gepriesen seien unsere glorreichen Anführer! Nach einer leicht verlängerten Entwicklungszeit dürfen wir uns diese Woche über den Release eines heiß ersehnten Titels aus Neu-Japan freuen, der sich heute auf wundersame Weise im GIGA-Metroplex, Block Nr. 12 eingefunden hat. Wir wissen nicht, wie es das Exemplar an den Inquisitoren vorbeigeschafft hat, wir freuen uns einfach, dass es bei uns angekommen ist. Mag sein, dass wir mal wieder einen Praktikanten opfern müssen, um die Autoritäten zu besänftigen, aber das ist es mehr als wert.

The Last Guardian: Ein Test aus dem Jahr 2084

The Last Guardian ist auch bekannt als „Trico, der menschenfressende Adler“, denn Japan benennt seine Medienerzeugnisse so, wie Dreijährige Eistüten kaufen – mit dem Finger draufzeigen und krakeelen, was man sieht. Die Entwicklung des Spiels begann im Jahr 2007 als, wie uns die Geschichtsbücher erzählen, Treibstoff 15 Dublonen pro Liter kostete, man in Museen Flip-Phones bestaunen durfte und eine mysteriöse Kreatur namens „Der Biber“ als urbane Legende die Herzen der Menschen mit Angst erfüllte.

Seidem passierte gar nichts, davon aber sehr viel. Unter Anderem verließ der Projektleiter Ueda Fumito, der schon Shadow of the Colossus und Ico auf dem Kerbholz hatte (die Spiele heißen in Japan Superriesen Schatten Stabby Fun Time und Nutzloses Mädchen ist Kinder-Genie mit Stock unterlegen) das Studio Team Ico, blieb aber als Berater am Projekt, um einmal pro Tag auf dem Weg zur Mittagspause den Entwicklern über die Schulter zu schauen und vorwurfsvoll den Kopf zu schütteln. Anschließend wurde das Spiel rumgereicht und geflickt, durfte hinter so großartigen Spielen wie Knack anstehen und wurde zu so einer Art Industrie-Gespenst. „Hör mal Bobby, wenn Du nicht artig bist und kreative Spiele erlaubst, dann kommt The Last Guardian raus und schnappt Dich!“

Wollen wir aber nicht murren, sondern uns dem Spiel widmen, also schmeißen wir die PlayStation 14 an und schauen, was draus geworden ist. The Last Guardian erzählt die Geschichte eines kleinen Jungen, der sich mit einem unheiligen Katzen-Vogel-Riesengeschöpf anfreundet, das so niedlich ist, dass es am Ende sterben muss. Das Spiel ist in derselben Welt wie Shadow of the Colossus angesiedelt, was man sehr schön daran sieht, dass ausnahmslos alle Architektur aus Ruinen besteht und seitdem keiner wieder herausgefunden hat, wie man Häuser baut.

Aus der Ruine eines riesigen Schlosses jedenfalls will der Junge fliehen, dabei stehen ihm allerdings bewaffnete Soldaten im Weg, die absolut keinen Job hätten und Staub fangen würden, wenn die kleine Rotznase nicht zufällig vorbeigekommen wäre. Wahrscheinlich sind die Soldaten tatsächlich nur magische Geschöpfe oder animierte Rüstungen, die zur Bewachung der Ruine beschworen wurden. Da in Games von Team Ico ausnahmslos alle spielbaren Charaktere hoffnungslos unterlegen oder komplett nutzlos in Kämpfen sind, kann der Junge den ollen Widersachern aber nicht einfach mal gepflegt vors Schienbein treten oder ihnen ins Auge spucken, sondern braucht dafür die Hilfe von Trico, dem greifenartigen Verbrechen gegen die Natur, das er im Schlepptau hat.

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Besser nie als spät

Trico sieht nicht nur aus wie eine halbe Katze, er benimmt sich auch wie eine. Will sagen: Von sich aus oder durch gutes Zureden passiert hier gar nichts, außer vielleicht, dass das Vieh hin und wieder einen Haarball auf einen im Schloss heruntergefallenen Gobelin kotzt. Nein, Trico muss mit Futter zu den richtigen Stellen gelockt oder mithilfe von Schalter- bzw. Schleusenrätseln zum Ort des Geschehens gehievt werden. Befindet sich dann dort eine zu hoch gelegene Kante, können wir den Fantasy-Furby als Sprungplattform missbrauchen, den Jungen höchst gefährlich in Tricos Schnabel… Schnauze… whatever in ein neues Gebiet tragen lassen, oder wir lassen den haarigen Genossen buchstäblich ins offene Messer laufen, damit er uns die Soldaten vom Hals schafft. Und das alles nur durch die Investition eines Stücks Schabefleisch – nicht übel!

Das muss uns dann auch reichen, denn die „Story“, wenn man sie den so nennen will, ist höchstens schemenhaft angedeutet und liefert, abgesehen vom Mysterium, keine eigentliche Motivation. Das ist ja auch nicht zwangsläufig nötig, aber hier gäbe es so viel Potential, dass ich mir gewünscht hätte, Team Ico wäre ein einziges Mal über seinen Schatten gesprungen und hätte ein bisschen das Maul aufgekriegt. Was für eine Ruine ist das Schloss? Was hat es mit Trico auf sich? Wo sind die Jugendschutzbehörden, wenn ein Junge im Grundschulalter in Begleitung einer kolossalen Flughyäne durch ein einsturzbedrohtes Gebäude stolpert und von einem Kult chronisch gelangweilter Nachtwächter ausgeweidet werden soll?

Das Konzept an sich funktioniert ganz ordentlich, man merkt, dass die Entwickler sich nicht die letzten 77 Jahre im Bauchnabel gepult haben. Es gibt nur ein Problem: Keine Sau erwartet noch etwas, und wer es doch tut, wird natürlich enttäuscht. Ich wäre vor Majin and the Forsaken Kingdom vielleicht auch noch fasziniert gewesen von der Idee einer umgekehrten Eskort-Mission, in der man ein übermächtiges aber leicht dämliches Wesen durch eine gefährliche Welt steuert und einsetzen muss, um Hindernisse zu überwinden. Und lasst mich gar nicht erst anfangen von all den hochkarätigen Titeln dieser Art, die wir seitdem gesehen haben. Ich meine, alleine auf der Ouya müssen das an die zwei gewesen sein!

The Last Guardian ist gottlob kein Duke Nukem Forever und erst recht kein Duke Nukem Forever 2: Duke Harder!, aber mal ganz unter uns Pfarrerstöchtern: Gab es schon jemals ein breitflächig erwartetes Game, das dann wegen diverser Probleme eine extrem lange Entwicklungszeit hatte und am Ende, bei seinem Release, doch noch alle Erwartungen erfüllte? Mir jedenfalls fällt kein Beispiel ein, höchstens Überraschungserfolge, aber ein Überraschungserfolg ist es auch, wenn dein besoffener Onkel bei der Weihnachtsfeier nicht in den Hamsterkäfig reihert. Vielleicht ist der schönste Aspekt an The Last Guardian bereits, dass es überhaupt noch erschienen ist und wir damit abschließen können.

Fazit

Es ist ja schon charmant, unter all den telepathisch gesteuerten Sex-Simulationen nochmal ein oldschooliges und so lange erwartetes Telespiel bedienen zu dürfen, aber die Zeit bleibt für niemanden stehen. Alle Spiele, die sich zu lange in Entwicklung befinden, lassen das Publikum denselben Zyklus von „Ich bin neugierig!“, „Kommt das noch?“ und „Ist mir egal.“ durchlaufen, und im Laufe der Zeit werden die Ausschläge immer flacher und verkommen irgendwann zur Nulllinie. Das Ergebnis muss dann enttäuschen, ungeachtet der Qualität des Endprodukts, denn die potentiellen Spieler sind bis dahin längst in einem Erwartungslimbo und wenn nicht gerade die Hype-Maschine nachhilft, wie damals bei Half-Life 3, Half-Life 4 und dem anschließenden DLC, reisst sie auch nichts mehr aus diesem katatonischen Zustand raus. The Last Guardian ist schon vor langer Zeit zum Mythos verkommen, und nichts entzaubert einen Mythos so sehr, wie ihn letztendlich vor Augen zu haben. Immerhin ist das Ende ganz nett, in dem sich der Junge aus Trico nach dessem tragischen und vollkommen unerwarteten Ableben ein paar Fäustlinge klöppelt.

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