The Last Guardian im Test: Freundschaft mit Hindernissen – jetzt mit Test-Video!

Martin Eiser 5

The Last Guardian war über neun Jahre in Entwicklung. Warum es so schwierig war, das gewünschte Gefühl einzufangen, merkt man dem Spiel, das an die Kritikerlieblinge Ico und Shadow of the Colossus anknüpfen soll, deutlich an. Unser Test soll helfen zu verstehen, an welchen Stellen das Abenteuer stolpert, und warum es dennoch spielenswert ist.

The Last Guardian im Test.

„Trico!“, rufe ich an einem Baum hängend. „Trico!“ – Immer und immer wieder schreie ich diesen Namen heraus, in der Hoffnung, dass mich mein Freund hört und mir hilft. Wobei Freund natürlich etwas zu viel gesagt ist, denn so lange kennen wir uns noch nicht. An diesem merkwürdigen Ort, einer verfallenen Ruinenstadt, ist er allerdings der einzige, den ich habe. Und ja, wahrscheinlich ist er mir auch deswegen so wichtig. Trotzdem ist unsere Beziehung längst über den Punkt hinaus, an dem wir uns nur als nützlich betrachten. Dass ich über die rechte Schultertaste immer wieder seinen Namen rufe, verlangt das Spiel an dieser Stelle gar nicht von mir. Ich mache das, weil ich mir auch Sorgen um ihn mache und wissen will, wie es ihm geht.

Last Guardian: Leitfaden für alle Trophäen/Erfolge

Schon ziemlich am Anfang von The Last Guardian gab es einen Punkt, ab dem an ich meinen Begleiter nicht mehr als Teil des Spiels wahrgenommen habe, sondern als einen echten Partner. Und das hat wiederum mit seinem natürlichen Verhalten zu tun. Trico ist eine Mischung aus Katze, Hund und Vogel und er agiert auch so. Er ist zum Teil sogar verspielt und verschmust. Und er hat manchmal auch einfach seinen eigenen Kopf, selbst wenn er meistens auf meine Worte und Zeichen reagiert. Ich spüre, wie unsere Bindung mit der Zeit immer stärker wird. Ich merke das an seinem Verhalten, aber auch an meinem – dass ich den Jungen fast verzweifelt den Namen eines von der künstlichen Intelligenz gesteuerten Fabelwesens rufen lasse, ist nicht unbedingt normal.

Bilderstrecke starten
15 Bilder
Happy Birthday, PlayStation 4: Die besten Sony-exklusiven Spiele der letzten Jahre.

Ein echter Freund

Der kleine Junge und das große Monster – es ist ein Duo, das unterschiedlicher kaum sein könnte. Doch obwohl sie nicht zusammenpassen, brauchen sie einander, um den Weg aus einer mysteriösen Ruinenstadt zu finden. Der Junge, also die Figur, die Du steuerst, ist klein und wendig und passt durch viele schmale Öffnungen. Du kannst mit ihm außerdem Schalter umlegen und Rätsel lösen. Dein ungewöhnlicher Begleiter, den der Junge Trico nennt, ist groß und kräftig und damit für alles Grobe zuständig. Außerdem erreicht er leichter die höher gelegenen oder weiter entfernten Orte. Diesen Charakter kannst Du nicht steuern, sondern ihn nur rufen und ihm später auch konkretere Anweisungen geben. Er bleibt aber ein Charakter, der nicht immer das macht, was Du von ihm verlangst.

Der Kern von The Last Guardian ist genau dieses Verhältnis zwischen Dir und dem Monster. Es gibt viele wunderbare Momente, in denen Du sehr leicht vergessen kannst, dass es sich hier um ein Videospiel handelt. Selbst wenn Trico nicht immer versteht, was Du genau von ihm willst, lernst Du mit der Zeit, wie er denkt und kannst besser auf ihn eingehen. Es gibt nämlich keine Gebrauchsanleitung für Deinen ungewöhnlichen Freund und auch er wird sich mit Sicherheit das eine oder andere Mal fragen, was Du eigentlich von ihm willst. Wie natürlich seine Reaktionen in vielen Situationen sind, verstehst Du aber oft erst dann, wenn Du wirklich versuchst, Dich in seine Lage zu versetzen.

Tücken der Technik

Ich habe mich immer wieder mal dabei ertappt, wie ich Trico gestreichelt habe – einfach, weil ich meine Zuneigung ausdrücken wollte. Diese freudigen, aber manchmal auch dramatischen und traurigen Momente gehören tatsächlich zu den großen Stärken von The Last Guardian. Leider wird der Zauber aber viel zu oft gebrochen. Die Steuerung ist überwiegend gelungen, weil sie sich, genau wie das Verhalten von Trico, ziemlich natürlich anfühlt. Gelegentlich funktioniert aber dann doch etwas nicht, weil der Junge beim Sprung oder an einer Kante unerwartet reagiert und Du im schlimmsten Fall die Stelle wiederholen musst. Das Klettern an einem Seil, einer Kette oder Tricos Schwanz mit einem nachfolgenden Absprung in eine selbst gewählte Richtung habe ich bis zum Schluss nur mit viel Geduld hinbekommen.

Ganz ähnlich ist es mit den Aufgaben und Rätseln. Das Spiel ist ziemlich linear, weshalb sich Dir zwar nicht immer erschließt, warum Du eine bestimmte Richtung einschlägst. Folgst Du aber dem einzig möglichen Weg, wird das der richtige sein. So ergibt sich ein schöner Spielfluss und es warten unterwegs ein paar wirklich clevere Rätsel. Nicht alle sind einfach und manche Aufgaben wirst Du nicht sofort verstehen. Meistens gibt es ein gutes Gefühl, wenn Du die Lösung gefunden hast. Manchmal wirst Du aber auch mit dem Kopf schütteln, weil Du die Lösung eher zufällig gefunden hast und sie Dir eben nicht so logisch erschien. Glücklicherweise ging es mir an wenigen Stellen so. Trotzdem wirken sich genau solche Stellen besonders negativ auf die Immersion aus.

The Last Guardian: Tipps für den Umgang mit Trico und der Spielwelt

Fast schon frustrierend ist die Kamera und die Steuerung des Jungen, wenn er sich an Tricos Fell und Federkleid klammert. Es gab Situationen, in denen ich für zehn Sekunden nur einen schwarzen Bildschirm gesehen habe, bevor ich wieder erahnen konnte, wo sich der Junge gerade befindet. Definitive Problemfälle waren enge Gänge und schmale Pfade entlang einer Mauer oder eines Berges. Und obwohl mir einleuchtet, dass dies mit Sicherheit immer schwierige Situationen für die Kameraführung sein werden, hätte dafür eine bessere Lösung gefunden werden müssen – gerade bei einem Spiel wie The Last Guardian, bei dem es entscheidend für das Spielgefühl ist, dass sich die Erfahrung natürlich anfühlt.

The Last Guardian - Trailer - Die Bande der Freundschaft.

Mein Test-Fazit zu The Last Guardian

Mit dem Wissen um die lange Entwicklungszeit mag es ein bisschen seltsam klingen, aber ich glaube, das Team von The Last Guardian hätte tatsächlich noch ein bisschen mehr Zeit benötigt, um die letzten kleinen Mängel zu beseitigen. Die besondere Bande zwischen dem Jungen und Trico ist immer wieder zu spüren. Und ich bin wirklich begeistert, wie es einem Spiel gelingt, mich so sehr in seinen Bann zu ziehen. Umso schlimmer aber fallen die zum Teil unsaubere Steuerung, die lästige Kamera und manche schwer nachvollziehbare Aufgaben ins Gewicht. All diese kleinen, aber nervigen technischen Fehler erinnern Dich leider daran, dass das hier nur ein Spiel ist und Trico nur ein paar Zeilen Code.

Trotz aller Kritik ist The Last Guardian ein besonderes Spiel geworden. Es kommt mit sehr wenigen Spielmechaniken aus und verzichtet auf störende Menüs und Anzeigen. An einigen Stellen hilft ein Erzähler, um Dir auf die Sprünge zu helfen, an anderer Stelle sind es ein paar zarte farbige Markierungen auf dem Boden. Und wenn Trico bei Dir ist, und Du nicht gerade allein eine Aufgabe bewältigen musst, hilft er auch Dir manchmal weiter. Immer aber versucht das Spiel dabei seine Natürlichkeit zu bewahren. Ganz ähnlich wie Journey versucht es, Dinge anders zu machen. Um ein echtes Meisterwerk zu sein, fehlt The Last Guardian aber erstaunlicherweise trotzdem der Feinschliff.

The Last Guardian bei Amazon kaufen *

Zu den Kommentaren

Kommentare zu diesem Artikel

Neue Artikel von GIGA GAMES

  • Dead By Daylight: Ist Pennywise der nächste Killer?

    Dead By Daylight: Ist Pennywise der nächste Killer?

    ES ist ja kaum zu glauben: Gerade erst ist der Demogorgon von Stranger Things nach Dead By Daylight gekrabbelt, schon rätseln die Fans um den nächsten Killer im Spiel. Wobei! DBD-Entwickler Behaviour Interactive hat uns auch einen Ballon-großen Hinweis vor die Füße geworfen, den wir kaum ignorieren dürfen. Oder wollen. Bist du es, Pennywise?
    Marina Hänsel
  • Beim Fan-Projekt Jurassic Dream kommst du aus dem Staunen nicht mehr raus

    Beim Fan-Projekt Jurassic Dream kommst du aus dem Staunen nicht mehr raus

    Spiele sind viel Arbeit und erst recht, wenn diese im Alleingang gestemmt werden. Genau das machte Spieleentwickler Lifeless Tapir, der Jahre in sein Projekt Jurassic Dream investierte. Nun ist es dir möglich, ganz in Ruhe durch den Park zu spazieren, in dem Forscher Gott spielten und kläglich versagten.
    Jasmin Peukert
* Werbung