Ende gut – alles gut: Eine Würdigung von The Last of Us (Keine Spoiler)

Tobias Heidemann
Ende gut – alles gut: Eine Würdigung von The Last of Us (Keine Spoiler)

Ich habe mal wieder Redebedarf. Zuletzt war das bei dem metaphysischen Ende von „BioShock Infinite“ der Fall. Nun hat mich „The Last of Us“ ziemlich kalt erwischt. Doch anders als beim ereignisreichen Finale des Irrational Games Shooters geht es dieses Mal weniger um Erklärungen, Theorien und offene Fragen – es geht um den schockierenden Nachhall dieser intensiven Geschichte und um die Würdigung seiner Schöpfer. Naughty Dog hat sich gegen jedes Klischee und für seine Charaktere entschieden. Das macht das Ende von „The Last of Us“ zu einem bedeutenden Ereignis in der heutigen Spielekultur.

Das gute Ende kommt langsam in Mode. Mit „The Walking Dead“, „BioShock Infinite“ und nun “The Last of Us“ hatten wir in jüngster Vergangenheit gleich drei erstklassige Titel, die einen Großteil ihres Wertes überhaupt erst im Ende entfalten. Das ist mutig und mir sehr willkommen.

Viel zu lange fristete das Finale in unserer Spielekultur ein Dasein als enttäuschende Notwendigkeit. Billige Cliffhanger, lieblos hingeschissene Auflösungen und dramaturgisch lächerliche Klischeeketten – in der Regel ist das Ende der mit Abstand schlechteste Teil eines Spiels. Echte Ausnahmen ließen sich in den jährlichen Rückblicken stets an einer Hand abzählen. Traurig, aber wahr.

Viele Entwickler argumentierten dabei immer wieder mit der statistischen Tatsache, dass der überwiegende Anteil der Käufer eben gar nicht bis zum Finale spielt. Der Durchschnittsspieler verliert in der Mitte die Lust. Ein ziemlich trauriges Argument, das künstlerisches Unvermögen mit marktwirtschaftlichen Zwängen zu relativieren versucht. Frei nach dem Motto: Wenn es kaum einer spielt, dann kann es ja auch scheiße sein.

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Schlechte Enden sind die Regel

Und was ist mit all jenen Spielern, die es kaum erwarten können,

die große Auflösung zu erfahren, die im letzten Kapitel den erzählerischen Höhepunkt, die befriedigende Einlösung aller Versprechen sehen? Die werden meist vom Spiel enttäuscht und nehmen diese tiefe Enttäuschung dann auch als das wichtigste Andenken an das Spiel mit in die nächste Kaufentscheidung. Es gibt Enden, die haben mich so krass auf die Palme gebracht, dass ich mir geschworen habe, den nächsten Teil gleich ganz auszusparen. Markwirtschaftlich gesehen, ist ein schlechtes, billiges Ende also gar nicht unbedingt das kostengünstigere – immerhin misst niemand die Enttäuschung der verärgerten Durchspieler, die der Marke den Rücken zukehren.

Überhaupt waren mir Kack-Enden schon immer ein echtes Dorn im Auge. Ich verteidige den kulturellen Wert von Videogames bei jeder sich mir bietenden Gelegenheit. Die schwachen Enden waren dabei schon immer eine Achillesverse in meiner Argumentation. Ich meine, ein Roman, der ohne jegliche Vorwarnung mitten im Buch einfach so aufhört – das ist eher selten. Spiele müssen sich diesen Schuh aber ziemlich oft anziehen. Entsprechend schwer fällt es dann, Spielen eine gewisse erzählerische Reife zu attestieren.  Wer eine vernünftige Geschichte erzählen will, der braucht dafür einen Anfang, eine Mitte und ein Ende.

Im Ende lebt die berühmte „Moral von der Geschicht“. Hier kommt alles zusammen, die Story verdichtet sich zu einer übergreifenden Aussage, zu einem Punkt, an welchem man überhaupt erst erkennt, worum es in dieser Geschichte eigentlich geht. Es muss ja nicht immer gleich Moral im herkömmlichen Sinne sein, keine geistreiche Botschaft  – die Mindestanforderungen einer abgeschlossenen Geschichte sind einzig und allein ihr Sinn. Das Ende gibt der Story ihren Sinn.

Die meisten Enden ergeben keinen Sinn

Die meisten Spiele haben sich vor der Verpflichtung der Sinnhaftigkeit bisher gedrückt. Natürlich spreche ich hier ausschließlich von Spielen, die auch den Anspruch haben, eine richtige Geschichte zu erzählen. Wenn Mario Peach befreien muss, dann kann ich auch mit einem dümmlich-süßen Abspann ohne Sinn und Verstand leben. Gar kein Problem. Es gibt Spiele, die machen auch aus ein paar willkürlichen Possen und ein bisschen Kurzweil ihren Sinn.

Nur leider haben die meisten Games heutzutage den erfolgsversprechenden Anspruch, eine „hollywoodreife Story“ zu erzählen und genau daran müssen sie sich dann auch messen lassen. Wer sich das Qualitätsmerkmal „packende Gesichte“ auf die Packung klebt, der muss eben auch abliefern. Wenn mir jemand ein halbfertiges Gemälde verkauft, das man dem Maler mittendrin weggenommen hat, dann ist das in den seltensten Fällen Kunst – meistens kann das eher weg.

Das Ende muss sich wieder lohnen

Das Ende muss sich also endlich wieder lohnen. Es ist mindestens genauso wichtig wie der Anfang oder die Mitte eines Spiels – wer das Finale ernst nimmt, der hat hier sogar den wichtigsten Teil des gesamten Werkes geschaffen. Naughty Dog nimmt das Ende von „The Last of Us“ verdammt ernst und dafür gebührt dem Entwickler unser aller Respekt.

Für mich stellt das Finale von „The Last of Us“ die denkbar schönste Ausnahme der Regel dar. Nicht nur vermeidet es jedwedes Klischee und vermag auf überraschende Weise zu überraschen – im Ende von „The Last of Us“ ist für mich der Sinn des gesamten Werkes verborgen.

Klar, es ist immer noch ein Videospiel, das Spielen, das Gameplay, der erlebte Weg ist auch hier noch das Ziel. Doch was ich aus „The Last of Us“ mitnehme ist eine schlüssige, von langer Hand geplante Geschichte, die auch erst im letzten Kapitel entstehen konnte. Hier lauert ihr Sinn, ihre Moral, alles im Spiel dient der Aussagekraft seiner letzten Momente. Hoffentlich sind Spiele wie dieses erst der Anfang vom gutem Ende.

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