The Technomancer im Test: Eine Mars-Expedition mit Stolpersteinen

Cliff Amador 7

Die Macher hinter Bound by Flame schicken mit The Technomancer ein brandneues Sci-Fi-Abenteuer für PC und PlayStation 4 auf den Markt, das sich um den vielleicht größten Traum der Menschheit dreht: Die Marskolonisation. Warum dieses Zukunftsszenario aber weniger spannend ausfällt als wir gehofft hatten, erfahrt ihr in unserem Test zum Action-Rollenspiel.

The Technomancer Trailer.

Eines Tages klopft der Treibhauseffekt wie ein schlecht gelaunter Vollziehungsbeamter an unserer Tür und nimmt uns all unsere Ressourcen, das schöne Wetter und unsere Videospiele weg. Was dann noch bleibt, ist ein Haufen radioaktiver Staub, der durch die Luft weht. Und vielleicht, aber auch nur vielleicht, bleibt auch ein Raumschiff, das groß genug ist, uns und unsere Liebsten auf den Mars zu befördern, wo wir uns tagein tagaus wie Matt Damon in The Martian von Kartoffeln ernähren müssen.

Noch kann kein Wissenschaftler auf der Welt genau sagen, wann und wie die Marskolonisation stattfindet, doch für Zukunftsmusik waren sich Videospiele ja bekanntermaßen nie zu schade. Mit The Technomancer will uns Entwickler Spiders seine Vision von einem Aufenthalt auf dem roten Planeten präsentieren – und das gleich mit einer ordentlichen Prise Cyberpunk und ethischen Streitfragen.

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Ein neues Zuhause

Das mag sich auf Papier vielleicht spannend lesen. Doch leider gelingt der Sprung vom coolen Konzept zum coolen Spiel, wenn überhaupt, nur mittelmäßig. The Technomancer sprüht zwar nur so vor Mad-Max-, Equilibrium- und Deus-Ex-Einflüssen, spart aber leider nicht an gängigen Klischees aus der post-apokalyptischen Grabbelkiste.

Tipps und Einsteiger-Guide zu The Technomancer

Dabei ist die Grundprämisse eigentlich ziemlich geil. In The Technomancer gelingt der Menschheit tatsächlich die Besiedelung des Mars, die zu Beginn richtig super läuft: Es wurden Städte aufgebaut, neue Kulturen geschaffen, und die Forschung lieferte ungeahnte Kenntnisse in Sachen Genmanipulation. Nur um dieses blöde, lebenswichtige Wasser stand es irgendwann nicht mehr so gut. Als Antwort darauf begann ein Krieg zwischen den Menschen. Die Wirtschaft spaltete den Mars in arme und reiche Gruppen auf, und mutierte Menschen führten ein Leben am Rande der Gesellschaft, ausgestoßen oder für unbequeme Arbeit versklavt.

The Technomancer mangelt es gewiss nicht an einer interessanten Welt, nur fehlen dieser Welt ihre glaubhaften Bewohner, für die ich leider auch im späteren Spielverlauf kaum bis keine Empathie verspüren konnte.

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Wer warst du noch gleich?

Nach einem kurzen Intro, das die aktuelle Lage auf dem Mars schildert und mal eben die Kindheit des Hauptprotagonisten zusammenfasst, schlüpfen wir direkt in die Haut von Zacharia, der gerade seine Technomancer-Prüfungen bestanden hat und mit seinen neu errungenen Fähigkeiten einen Beitrag für das Leben auf dem Mars leisten möchte. Kurz zur Erklärung: Technomancer sind genetisch modifizierte Menschen, die durch physische Vorteile nicht nur ordentlich Hintern treten, sondern auch noch Magie beherrschen… um noch mehr Hintern zu treten. Klingt nach Blockbuster-Kino. Ist es aber nicht.

Vom Design bis zur Charakterzeichnung wirken fast alle Figuren in The Technomancer wie aus der Schablone gepresst. In den ersten Spielstunden hatte ich zuerst den Eindruck, als wäre das gewollt. Als würden die Technomancer und die Bewohner der ersten Stadt nach strengen Regeln gezüchtet werden. So wie im Film Equilibrium, in dem John Preston (gespielt von Christian Bale) irgendwann aus der Norm ausbrechen will und seine komplette Existenz in Frage stellt.

Aber ratet mal, was dann kommt: Zacharia bleibt konsequent ein stumpfer Typ, für den ich von Anfang bis Ende nicht die geringste Sympathie aufbringen konnte. Wobei… wenn es nach diversen AAA-Titeln geht, müssen Hauptdarsteller ja nicht einmal ihre Stimmbänder beanspruchen. Da reichen meist Antwortmöglichkeiten in Dialogfenstern. Wir sollen ja IN die Rolle schlüpfen und nicht umgekehrt. ROLLENspiel versteht sich. Dazu müsste dann aber zumindest die restliche Brigade stimmen, damit wir in die Welt eintauchen können.

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Leider ist aber auch der Rest der Charaktere bis auf eine Ausnahme ziemlich unsympathisch besetzt. Früh im Spiel bekommt Zacharia zwei Party-Mitglieder zugewiesen, die nach wenigen Quests direkt wieder verschwinden. Im späteren Verlauf gesellen sich dann zwar feste Gefährten in die Truppe, aber das passiert viel zu schnell und ohne angemessene Einführung, sodass ich mich total überrumpelt fühlte. Die eine Ausnahme bildet übrigens ein Mutant, den ich nur cool finde, weil mich die Entwickler für einen Moment austricksen konnten, indem sie meine Zweifel über ein Story-Ereignis mit einer für mich unerwarteten Wendung beseitigen konnten.

Die fehlende Tiefe der Figuren ist wirklich schade, denn The Technomancer bietet für sich eigentlich ein ambitioniertes Dialog-System, das zwar deutlich von Deus Ex und Mass Effect inspiriert wurde, aber dennoch sehr gut zur Handlung passt. Oft muss Zacharia für Haupt- und Nebenmissionen an wichtige Informationen herankommen oder mit NPCs verhandeln, um möglichen Auseinandersetzungen aus dem Weg zu gehen. Durch auflevelbare Talente verbessert Zach seine Smalltalk-Künste, um durch Charisma oder vorgetäuschtes Interesse an sein Ziel zu kommen. Leider machen sich hier aber auch die technischen Mängel von The Technomancer durch schlecht animierte Lippenbewegungen, unschöne Close-Ups und Glitches bei der Ausrüstung bemerkbar.

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Ich soll rollen, haben sie gesagt

Beim Erledigen der Quests kommt es natürlich immer wieder zu Kämpfen, die technisch im Vergleich zu aktuellen Action-Rollenspielen hinterhinken. Den fiesen Vergleich zu einer der erfolgreichsten Marken dieses Genres werde ich zwar nicht anstellen. Da The Technomancer allerdings so viel Wert auf das Parieren und Ausweichen von gegnerischen Angriffen setzt, sollte an dieser Stelle immerhin gesagt werden, dass es auf dem Markt deutlich flüssigere Kampfsysteme gibt. Hier bleibe ich immer wieder nach einer Rolle oder einem Ausweichschritt an einer Kante hängen, was in Kombination mit der recht steifen Kamera gelegentlich zu Frustmomenten führt.

Fordernd sind die Kämpfe jedoch allemal, da hilfreiche Heilinjektionen schnell verbraucht sind und Gegner systematisch ausgeschaltet werden müssen, da sie in Gruppen mit unterschiedlichen Waffen angreifen. Dass ihr die Möglichkeit habt, Gegner im Schleichen zu töten, ist jedoch ein Feature, dessen Einsatz viel zu selten gefordert wird und damit leider an Bedeutung verliert. Wer aber generell Spaß am Looten und Leveln findet, kann sich an mehreren Skillbäumen austoben, die Zacharia um neue Techniken und Status-Boosts bereichern. Außerdem können Waffen und Ausrüstungsgegenstände an der Werkbank mit Modulen verbessert werden.

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Mein Test-Fazit zu The Technomancer:

The Technomancer will eine tiefgründige Sci-Fi-Geschichte erzählen und ein Spiel sein, das zum Nachdenken anregt. Es will uns mit seinem Kampfsystem beeindrucken und uns mit Skillbäumen ermutigen, möglichst viel Zeit mit Zacharia und seinen Begleitern zu verbringen. Obwohl ein gewisses Potential zu erkennen ist, fehlt The Technomancer allerdings eine entscheidenden Sache: Liebe zum Detail. Die Charaktere sind austauschbar, und auch die vielen Möglichkeiten beim Aufleveln täuschen nicht über die Geradlinigkeit der Spielwelt hinweg. Es fühlt sich leider so an, als wolle The Technomancer mit all seiner Kraft um die Zuneigung der Spieler buhlen. Ein verkrampfter Versuch, der nicht vollends gelingen kann.

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