The Walking Dead Staffel 2 Ep 1 Test: Was haben wir gelernt?

Leo Schmidt

Kaum eine Frage ist schwerer zu beantworten als diejenige, wer wir sind, wenn man uns im Dunkeln begegnet. Wenn das Dilemma zwischen Fressen und Moral nicht mehr abstrakt ist, sondern wenn jeder Fehler der letzte sein kann und niemand als Richter über uns thront als wir selbst. Clementine musste und muss diese Lektionen lernen, und in Episode 1 der zweiten Staffel All that Remains sind wir abermals eingeladen, mit ihr gemeinsam auf den harten Boden der Tatsachen aufzuschlagen.

Der Grund, warum so viele Leute völlig zu Recht The Walking Dead zu ihrem Spiel des letzten Jahres ernannt haben, war ja nicht so sehr die Überraschung darüber, was passiert. Psychologische Archetypen prallen aufeinander und erzeugen Konflikt, Drama, Herzschmerz, bauen gezielt kleine Hoffnungen auf, die natürlich wieder zertrümmert werden – das ist alles gut und erprobt, aber es wäre wesentlich überraschender gewesen, wenn TWD das alles nicht getan hätte.

Nein, überrascht waren wir eher von der Härte der Dinge, die wir entscheiden mussten, von dem erzählerischen Mut, uns zu Entscheidungen zu zwingen, in denen es kein richtig oder falsch gibt. Und überrascht waren wir von uns selbst. Die Frage, ob man nach dem eigenen Verständnis immer noch ein guter Mensch ist, wenn immer noch eine Sache auf unserem Gewissen lastet. Ob man nicht doch stiehlt, wenn es nicht mehr nur um eigenen Hunger geht, ob man tötet, wenn die Alternative keine ist. Kein normaler Mensch kann diese Entscheidungen ernsthaft treffen, aber wenn man muss? Wem alle Entscheidungen in TWD leicht fielen, der muss wirklich mal in sich gehen.

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Clementine hat so ziemlich alles verloren, was ihr etwas bedeutet, sowohl ihre Eltern als auch ihren Ersatzvater Lee. Nach einigen unglücklichen Ereignissen ist sie nun ganz auf sich gestellt und muss erstmals beweisen, dass sie Notfälle und Krisen auch alleine überstehen kann, vor allem aber, wie sie sie übersteht. Natürlich ist aber kein Mensch eine Insel, besonders nicht in Zombie-Szenarien. Diese untoten, langsamen Schlurfer? Sie sind die Krise, aber sie sind nicht die Gefahr.

Clementine trifft in der ersten Episode nach einigen Irrungen also auf eine neue Gruppe von Überlebenden, und aus verschiedenen Gründen läuft nicht alles glatt und der Kindchenschema-Bonus greift nicht. Es ist eine Kennenlern-Episode, sowohl für Clem und die anderen Überlebenden als auch für uns. Was hat Clementine gelernt? Ist sie, jetzt anderthalb Jahre älter, eine abgeklärte Realistin geworden? Oder hat sie sich doch die Vorstellung bewahrt, dass zum Menschsein mehr gehört als bloßes Überleben, unabhängig der Situation? Die Entscheidung treffen wir. Die eigentliche Frage ist: Was haben wir gelernt?

Es gibt kein Richtiges im Falschen

Denn wenn man nicht gerade ein zynischer Bastard ist, ertappt man sich sofort wieder dabei, wie man in die alten Fallen tappt. Es ist völlig egal, ob man alles richtig macht, es gibt dennoch keine Garantie, dass das Ergebnis wünschenswert ist. Es ist unmöglich, ohne Spoiler zu vermitteln, welche Kniffe All That Remains zu diesem Zweck nutzt, aber soviel sei gesagt: Abermals wird genau der binäre Karma-Kitsch, den unzählige andere Games unironisch zelebrieren, erfolgreich unterwandert und ausgenutzt, um uns immer noch einen Schlag in die Magengrube zu verpassen.

All That Remains verspricht viel und erfüllt auch bereits die aufgebauten Erwartungen. Die bewährte Mischung aus schwelender Anspannung, adrenalingefüllten Drama- und Actionmomenten und trügerisch hinterlistiger Ruhe fesselt und überwältigt, und wenn die Episode vorbei ist, merkt man sofort den Schmerz der fehlenden Erfüllung, die Unlust und Ungeduld, auf die nächste Episode warten zu müssen.

Was man hingegen nicht erwarten sollte, und warum auch, sind spielerische Änderungen, denn von einigen leichten Anpassungen des Interfaces abgesehen ist All That Remains auf der mechanischen Ebene keinen Deut besser oder schlechter als die erste Staffel. Die Dialogoptionen wurden auseinandergezogen und werden jeweils in vier Textboxen präsentiert, was zwar etwas übersichtlicher ist, dafür muss das Auge beim Lesen aber weiter wandern – und da die Uhr bei jedem Gespräch tickt, kann das ein wenig stressen.

Nach wie vor ist TWD eigentlich kein richtiges Adventure, es findet sich kein einziges klassisches Rätsel in All That Remains, und man möchte fast sagen: zum Glück. Wie dermaleinst MacGyver aus den Fetzen und Splittern der Postapokalypse wild Schnickschnack zu improvisieren mag in anderen Games seinen Platz haben, in TWD hat es keinen.

Was spielmechanisch aber doch neugierig macht ist die letzte Entscheidung. Während man bei ein paar der großen Entscheidungen in All That Remains den Eindruck hat, dass sie eher Momentaufnahmen sind als langfristige Konsequenzen nach sich zu ziehen, ändert die finale Entscheidung mindestens den Anfang der nächsten Episode merklich. Sollte Telltale etwa noch einen Sprung nach vorne machen und große Konsquenzen mehr als zuvor realisieren, anstatt sie nur zu implizieren und geschickt vorzugaukeln? Wir dürfen gespannt sein.

The Walking Dead Season 2 Trailer.

Fazit

Höchst intensive Momente, schwere Entscheidungen, menschliches Drama – All That Remains beginnt dort, wo Staffel 1 aufgehört hat und legt schon anfangs ein erstaunliches Niveau vor, das durch die gesamte erste Episode hindurch gehalten wird. Abermals verzieht man schmerzhaft das Gesicht, ertappt sich dabei, allzu früh zu lächeln und spürt die ersten Tränen in die Augenwinkel steigen.

Clem ist, so liebenswert sie in der ersten Staffel war, als weitgehend unbeschriebenes Blatt bestens geeignet, uns mitfiebern und entscheiden zu lassen. Ihre Reise ist auch die unsere, und auch ganz ohne die Vaterrolle und den damit verbundenen Schutzreflex behauptet sie sich als starker und doch flexibler Protagonist, mit dem wir nicht nur furchtbar und mit Genuss auf die Fresse fallen, sondern uns auch hinterher unsere Wunden lecken können. Ein enorm starker Auftakt.

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