The Walking Dead Staffel 2 Test: In Lees Schatten

Thomas Goik 10

Nach dem Ende der ersten Staffel von „The Walking Dead“ mussten selbst hartgesottene Gamer schluchzend in ihr Mario-Kissen weinen, als die Credits mit diesem furchtbar herzzereißenden Song den Bildschirm hinunter liefen. Und wer kann es ihnen verübeln? Telltale erzählte eine packende Geschichte, bei der die namensgebenden Untoten nur die Basis für eine faszinierende Charakterstudie unter extremen Bedingungen und eine mitreißende Vater-Tochter-Geschichte waren. Staffel 2 folgt nun den Schritten von Clementine, die Hauptcharakter Lee in der ersten Season zu einer Überlebenden erziehen musste. Nur ist sich Telltale dieses Mal scheinbar nicht ganz sicher, in welche Richtung diese Schritte gehen sollen.

Ein kleiner Hinweis vorab: Diese Kritik ist weitestgehend Spoiler-frei, Ereignisse im Spiel werden nur angeschnitten, aber nie vollständig beschrieben. Auch Charaktere werden dabei nicht genannt. Wer natürlich komplett unbefleckt an die zweite Walking Dead-Staffel rangehen und einfach nur wissen will, ob es sich lohnt, der scrolle bitte zum Fazit.

The Walking Dead - Season 2 Trailer.

Die Entwickler von Telltale Games haben ein paar Dinge an ihrer Episoden-Struktur verändert. Die einzelnen Folgen sind im direkten Vergleich zu Staffel 1 nun deutlich kürzer, auch die spielerischen Aspekte wurden stark eingeschränkt. Klassische Adventure-Rätsel waren schon beim ersten Survival-Trip mit Lee nicht der Höhepunkt der Spielerfahrung, weshalb sie nun größtenteils der Schere zum Opfer gefallen sind. Hier und da sammelt Clementine zwar noch einen Gegenstand ein, echte Puzzles gibt es aber einfach nicht.

Dadurch kommt der Erzählfluss der einzelnen Episoden aber auch nie zum Halt, was der Dynamik der Geschichte zu Gute kommt. Kern des Spiels bleiben die Dialoge zwischen den Charakteren und die schweren Entscheidungen, die der Spieler in der Rolle von Clementine treffen muss. Eine Entwicklung, die ich nur begrüßen kann, besinnen sich Telltale hier doch auf ihre Stärken und lassen den Ballast klassischer Genre-Konventionen hinter sich. Wer „The Walking Dead“ spielt, spielt es schließlich nicht für die tollen Rätsel, sondern für die Story.

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My Clementine

Und genau dieser Story bin ich auch dieses Mal wieder sehr gern gefolgt. Zu sehen, wie sich eine gewachsene Clementine durch eine nach wie vor viel zu grausame Welt schlagen muss und wie sie sich nahezu jeder Herausforderung stellt, erfüllt mich als Spieler der ersten Staffel schon fast mit so etwas wie Stolz. Das einst so schmächtige Mädchen mit den wuscheligen Haaren wird zu einer taffen Überlebenden und um genau diese Reise geht es in „The Walking Dead – Season 2“. Und ja, diese Reise ist nicht immer schön. Sie ist sogar fast nie schön. Genau genommen ist sie überhaupt nicht schön, da ein Mädchen im Alter von Clementine derlei Leid erspart bleiben sollte.

Wie ihr euch sicher vorstellen könnt, begegnet man auch in Staffel 2 wieder zahlreichen neuen Charakteren, von denen man einige schnell in sein Herz schließt, obwohl man das überhaupt nicht möchte. Denn wenn mir „The Walking Dead“ eines beigebracht hat, dann dass das Leben eines jeden gutherzigen Menschen blitzschnell von einem langsam schlurfenden Zombie ausgelöscht werden kann. Das ist gut und schlecht. Gut, weil so ein stetes Gefühl der Spannung gewährleistet wird. Schlecht, weil es nunmal oft sehr konstruiert wirkt, wenn die Gruppe mal wieder von einer Horde Zombies überrascht wird.

Ist ja nicht so, als ob man die A) nicht kommen sieht und B) nicht einfach fix weglaufen könnte. Stattdessen wird ob einer sich nahenden Untoten-Entourage erstmal gestritten, stehen geblieben, gewartet – in diesen Situationen will man die Darsteller einfach nur backpfeifen, weil man sich fragt, warum sie denn nicht endlich wegrennen. In Staffel 1 gab es diese Momente auch schon, hier kommen sie nun verstärkt vor – leider. Die Nachvollziehbarkeit der verschiedenen Situationen wird aber auch an anderen Stellen gestreckt, etwa wenn Mitglieder neu entdeckter Gruppen Clementine losschicken, um gefühlt jede noch so gefährliche Aufgabe zu erledigen. Natürlich muss Clementine irgendwie in diese spannenden Situationen geraten, aber hätte man dafür nicht einen geschickteren Weg finden können? Immerhin wird diese Verantwortungslosigkeit von Clementines Mitmenschen vor allem gegen Ende der Staffel thematisiert.

The Walking Dead Season 2 - Episode 4.mp4.

Suspension of disbelief

Wenn man bereit ist, sein sogenanntes „suspension of disbelief“ ein wenig zu dehnen, also die Bereitschaft zu zeigen, dem Spiel die teils sehr hanebüchenen Situationen abzukaufen, dann wird man auch von der zweiten „Walking Dead“-Staffel in den Bann gezogen. Der Erzählfluss trägt den Spieler von einer atemlosen Szene zur nächsten, lässt aber auch ruhige Momente zu. Dabei sind nicht die oft mit einfachen Quicktime-Events versehenden Action-Passagen mit den Zombies der Höhepunkt, sondern die intensiven Dialoge zwischen den sehr unterschiedlichen Charakteren. Die Gewissheit, dass eine hitzige Diskussion zwischen zwei Dickköpfen auch gerne mal blutig enden kann, macht diese Situationen nur umso dringlicher.

Die schauspielerische Leistung der englischen Sprecher ist on par mit der der ersten Staffel. Clementine spricht nun zunehmend monotoner, was perfekt zu ihrem sich wandelnden Charakter passt. Technisch bietet „The Walking Dead Season 2“ minimal bessere Optik als sein direkter Vorgänger. Die Animationen sind nach wie vor hölzern, die Umgebungen starr. Für die nächste Staffel – und die wird es bestimmt geben – würde ich mir ein neues technisches Gerüst wünschen, das noch atmosphärischere Schauplätze zulässt und dass die Interaktion zwischen den Charakteren glaubwürdiger wirken lässt. Lobenswert zu erwähnen sei an der Stelle noch, dass man in Staffel 2 einzelne Episoden Szenen-weise nochmal spielen kann. Eine Folge muss also nicht komplett neu durchgerattert werden, falls man wissen will, welche Folgen eine einzelne Entscheidung haben wird.

Fazit:

In Sachen Spannung macht man Telltale Games nichts vor. Die Amerikaner wissen, wie man die Spieler packt, sie mit Story-Wendungen überrascht und – vor allem – wie man ihnen regelmäßig in die Magengrube schlägt. „The Walking Dead Season 2“ erbt die Stärken seines Vorgängers, wächst aber nicht darüber hinaus. Unglaubwürdig hergeleitete Situationen, merkwürdige Reaktionen so mancher Charaktere und ein nicht annähernd so nachhaltiges Finale kratzen an der Qualität unserer zweiten Reise mit Clementine. Der Trip lohnt sich trotzdem, ich hoffe nur, dass sich Telltale für das Skript der dritten Staffel etwas mehr Zeit nimmt und dass sie wissen, wann man diese Reise beenden sollte.

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