The Wolf Among Us Test: Nihilismus im Wolfspelz

Kristin Knillmann 31

Mit ihrer Episoden-Struktur und der starken Ausrichtung auf Erzählung haben Telltale Games seit The Walking Dead eine funktionierende Nische gefunden. Mit den fünf Folgen zu The Wolf Among Us hat das Studio nun versucht, sein Erfolgsrezept zu wiederholen.

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Hinweis: Der Test bezieht sich auf die gesamte Staffel von The Wolf Among Us - also Episode 1 bis 5. Wir haben weitgehend auf Spoiler verzichtet, verwenden aber ein Zitat und sprechen die Existenz einiger weniger Charaktere an.

Genau wie schon The Walking Dead basiert auch The Wolf Among Us auf einer Comic-Vorlage: Fables von Bill Willingham dreht sich um eine Gruppe von Märchenfiguren, die aus ihrem Land vertrieben wurden und nun in New York leben. Zumindest die Fabelwesen, die menschliche Gestalt annehmen können oder das Geld haben, sich ein sogenanntes Glamour zu leisten. Nein, nicht die Frauenzeitschrift. In der Welt von Fables ist Glamour ein Zauber, der non-menschliche Märchenfiguren menschlich aussehen lässt. Wer sich Glamour nicht leisten kann, muss sein Leben wohl oder übel auf der außerhalb von New York gelegenen Farm verbringen.

The Wolf Among Us - Launch Trailer.

Von genau diesem Story-Element macht auch The Wolf Among Us Gebrauch, hält sich aber ansonsten nicht stark an seine Vorlage. Während diese in Richtung Fantasy geht, setzt Telltales Version auf einen weniger verspielten Look: Neo-Noir. Die Mischung der düsteren Welt mit Neon-farbenen Elementen gibt dem Märchen-Universum die nötige erwachsene Ernsthaftigkeit, die es für seine Geschichte und die Wahl der Charaktere unbedingt braucht.

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Hallo, Herr Wolf!

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Denn die Handlung von The Wolf Among Us ist nicht die eines klassischen Märchens, sondern eine packende Detektivgeschichte um einen kuriosen Mordfall, mit dem wir direkt in der ersten Episode konfrontiert werden. Zur Aufklärung schreitet der von uns gesteuerte Hauptcharakter Bigby. Den Brüder-Grimm-Lesern unter uns auch bekannt als der große böse Wolf aus Rotkäppchen. Mit roten Wuschelhaaren und Fluppe im Mund hat Bigby Wolf optisch mehr Hipster-Charme als an einen heulenden Wolf zu erinnern.

Doch der Eindruck ändert sich schnell, wenn wir mit seinem Charakter konfrontiert werden: Sobald Bigby sich in einer schwierigen Situation wiederfindet oder von einem Gegenspieler provoziert wird, kämpft er in smarten Dialog-Optionen nicht nur für die Wahrheit, sondern auch gegen seine eigene schwer kontrollierbare Wut. Verliert er die Kontrolle über seinen Gemütszustand, verliert er auch die Kontrolle über sich selbst – und entwickelt sich vom bärtigen Sheriff zum behaarten Raubtier.

Bigbys innerer Konflikt ist die größte Stärke von The Wolf Among Us. Während der Mordfall in den mittleren Episoden ein wenig an Präsenz verliert, sind es vor allem die Szenen, in denen Telltale uns das Potential gibt, Bigby richtig aus der Haut fahren zu lassen, die noch lange nach Abschluss der Spieleserie in Erinnerung bleiben.

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Der Konflikt mit dem eigenen Selbst

Damit einhergehend glänzt das Spiel in den Momenten, in denen sich Bigby vor sich selbst oder den Bewohnern von Fabletown rechtfertigen muss. Die Fragestellung, ob der kettenrauchende Wolf als Repräsentant der Polizei seine Macht ausnutzen darf, um Unrecht zu verhindern, wird oft aufgeworfen und fordert unsere eigene Doppelmoral heraus: Ist unser schlechtes Handeln in Ordnung, wenn wir eigentlich Gutes im Sinne haben? Wie definiert das, was wir tun, unsere eigene Persönlichkeit? Sorgen wir womöglich sogar dafür, dass jemandem Unrecht getan wird?

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Wie sagte Zuhälter Georgie noch gleich in der letzten Episode? „Manchmal sind alle Optionen, die du hast, einfach scheiße.“

Ein Satz, mit dem man vermutlich jeden der aktuellen Telltale-Titel beschreiben könnte. In The Wolf Among Us treibt das Studio den Nihilismus allerdings mutig auf die Spitze: was man auch tut, ein durchweg glückliches, zufriedenes Fabletown wird man niemals erschaffen können. Nüchterne Realität; aber eben auch eine Erfahrung, die mehr mit einem verfilmten Chuck-Palahniuk-Roman mithalten kann als mit einer gewöhnlichen Videospiel-Erfahrung. Und das ist eine verdammt gute Sache.

Von Fröschen, Schweinen und merkwürdigen Wesen

Von den typischen Telltale-Kinderkrankheiten – nervige Ladezeiten, einige ruckelige Action-Szenen – bleibt auch The Wolf Among Us leider nicht verschont. Die stören aber nie so massiv, dass sie die Immersion mit der hervorragend inszenierten Neo-Noir-Welt trüben könnten. Dazu ist das Design der Welt und seiner Charaktere viel zu ungewöhnlich, viel zu stark: Ob die impulsive Bloody Mary, der übermütige Jersey Devil oder einer der wichtigsten Drahtzieher hinter dem Mordfall, den ich an dieser Stelle nicht spoilern möchte.

TheWolfAmongUs_BloodyMary

Die Neugierde wird bei vielen der neu vorgestellten Figuren geweckt: Wie lautet ihre Geschichte? Warum sind sie so wie sie sind? Und warum vertrauen wir einigen von ihnen, obwohl wir das eigentlich nicht sollten? Etwas, das wir zumindest teilweise wohl nur aus den Comics erfahren werden. Oder dann, wenn Telltale eine zweite Staffel zu The Wolf Among Us veröffentlichen sollte.

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Hier siedelt sich auch mein einziger, richtiger Kritikpunkt an: Während manche Themen bewusst nicht ausgeführt worden sind, um zum Nachdenken anzuregen, hätten andere Ansätze durchaus expliziter ausgelebt werden können. Um in seiner Stärke ordentlich zu baden, fehlt es The Wolf Among Us an Zeit, die kleineren Ideen – z.B. Colin, Familie Toad und die Farm - mit der gleichen Aufmersamkeit zu behandeln. Das ist möglicherweise aber auch nur meine eigene Wahrnehmung – in inzwischen 150 Fables-Comics ist halt mehr Fläche für Frösche und Schweine.

WTF?

Und just in dem Moment, an dem wir von der Inszenierung und Bigbys Entwicklung abgelenkt waren, schleudert uns Telltale zum Schluss der letzten Episode noch einen hervorragenden Twist um die Ohren. Einen Twist, der uns das Spiel noch mal mit ganz anderen Augen sehen lässt, der uns ein erneutes Durchspielen leicht macht. Einen Twist, der uns in Foren und mit Freunden diskutieren lässt: Über Hinweise, über Täuschung, über Nihilmus, über das eigene Ich – und über den Wolf, der irgendwie in jedem von uns steckt.

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The Wolf Among Us - Fazit

The Wolf Among Us ist genau das geworden, was ich mir erhofft hatte: Ein modernes Märchen. Weg von klassischer Fantastik, hin zu zeitgemäßen Themen und Konflikten – verpackt in einen mysteriösen Mordfall. Einige Ansätze bekommen zu wenig Aufmerksamkeit und die typischen Probleme der Telltale-Engine bleiben. Dank seiner Inszenierung und einem diskussionswürdigen Ende spielt The Wolf Among Us aber trotzdem auf einem ungewöhnlich hohen Niveau.

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