This War of Mine Test: Die andere Seite des Krieges

Anne Wernicke 12

Dunkelheit macht sich über Pogoren breit. In der Ferne sind Schüsse zu hören. Kleine Gruppen von Zivilisten verschanzen sich in ihren Häusern und hoffen, dass sie auch diese Nacht heil überstehen. Gangs streifen plündernd durch die Straßen der vollkommen von der Außenwelt abgeschnittenen Stadt. This War of Mine zeigt eine Seite des Krieges, die wir gerne verdrängen. Die Seite der machtlosen Bevölkerung, die während  des Kampfes an der Front ihrem eigenen Schicksal überlassen ist.

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Die Idee ein Spiel zu entwickeln, das sich mit genau dieser Thematik beschäftigt, kam den polnischen Indie-Entwicklern der 11 Bit Studios aufgrund von zahlreichen Erlebnisberichten überlebender Zivilisten. Den Stein des Anstoßes gab ein Artikel namens One Year In Hell, in dem ein Bosnier seine Leidensgeschichte erzählt und, so makaber es klingt, Tipps zum Überleben gibt. Auf der offiziellen Homepage des Entwicklers befindet sich desweiteren ein Bericht eines US-Soldaten, der 2004 in Fallujah gekämpft hat und seither unter posttraumatischen Belastungsstörungen leidet. Es sind genau diese Geschichten, die  Marken wie Battlefield, Call of Duty und Co. außer Acht lassen. In This War of Mine soll der Spieler die andere Seite des Krieges erleben und auf gut Deutsch „zusehen, wie er damit klar kommt“.

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Ab ins kalte Wasser

Das Spiel startet mit drei zufällig zusammengewürfelten Charakteren, die jeweils unterschiedliche Eigenschaften mitbringen. In meinem Fall sind das Pavel, Bruno und Katja. Pavel ist Sportler, seine Kondition und Fitness sind auf nächtlichen Streifzügen gefragt. Bruno ist gelernter Koch und kann mit geringstem Aufwand noch ein ganz passables Mahl auf den Tisch zaubern, während Katjas Redekunst als ehemalige Reporterin beim Aushandeln von Waren von Vorteil ist. Mit diesen Informationen wisst ihr nicht nur direkt woran ihr seid, sondern ihr lernt die Figuren auch besser kennen und es fällt leichter, sich mit den individuellen Schicksalen zu identifizieren.

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Kampf ums Überleben

Die Spielzeit ist in Tag- und Nachtsektionen aufgeteilt. Von sechs Uhr früh bis acht Uhr abends versucht ihr den Alltag so gut es geht zu bewältigen. In erster Linie gilt es, die vorhandenen Ressourcen zu verwerten. Zu finden sind diese zu Beginn des Spiels im eigenen Haus. Danach müssen sie auf nächtlichen Beutezügen mühsam zusammengesucht werden. Darunter sind Rohstoffe wie Patronenhülsen, Waffenteile und Schießpulver, mit denen ihr Waffen herstellt und repariert. Weitere Materialien wie Holz, Metallelemente und elektrische Bauteile dienen als Grundelemente für so ziemlich alle Gegenstände. Aus ihnen bastelt ihr Betten, Stühle, provisorische Herde, eine Werkbank, Wasserauffanganlagen und dergleichen. Dabei müsst ihr stets bedacht vorgehen und euch genau überlegen, was ihr gerade wirklich dringend braucht. Sind zwei Betten für drei Leute nicht fast schon zu viel?

Soll ich erst eine Wasserauffangstation oder eine Werkbank bauen? Das Spiel lässt euch die Wahl, sodass ihr selbst entscheidet, was am klügsten ist. Neben den Baumaterialien habt ihr natürlich auch Konsumgüter wie Medizin und Essen, die sinnvoll verteilt werden wollen. Gegenstände wie Juwelen, Zigaretten und Alkohol eigen sich besonders für den Tauschhandel. Zusätzlich erweitert ihr eure Haushaltsabteilungen wie den Ofen oder die Werkbank, durch den Einsatz von noch mehr Holz und Materialien, um neue Gegenstände freizuschalten. Als wäre das alles nicht schon genug Verantwortung, klopfen im Laufe des Tages Fremde an eure Tür, die euch beispielsweise ein Tauschgeschäft vorschlagen, um Hilfe bitten oder sich euch anschließen wollen. Auch hier müsst ihr das Risiko abwägen. Die Gefahr ist groß, dass ihr von Hilfsaktionen am helllichten Tag nicht zurückkehrt. Und eine Person aufnehmen, obwohl ihr schon die vorhandenen drei Mäuler kaum stopfen könnt, ist ein großes Wagnis.

Dunkelheit, dein Freund und Feind

In der Nacht beginnt die größte Herausforderung. Ihr zieht los, um neue Gegenstände für euer Überleben zu erbeuten. Auf einem Stadtplan legt ihr fest, wer welche Aufgabe übernimmt und wo es hingeht. Da Pavel der Agilste des Trios ist, schicken wir ihn auf Beutezug. Bruno, der sich leicht verwundet hat, übernimmt die Nachtwache, während Katia das Privileg genießen darf, sich schlafen zu legen. Es besteht auch die Möglichkeit mehrere Leute als Wache aufzustellen oder ins Bett zu schicken. Das bleibt ganz euch überlassen. Anfangs sind nur wenige Orte freigeschaltet, die ihr besuchen könnt. Im Laufe des Spiels kommen immer mehr Gebäude wie zum Beispiel Wohnhäuser, eine Kirche, ein Krankenhaus oder eine verlassene Hütte hinzu. Gleichzeitig können aber auch alte Gebiete gesperrt werden, weil es dort zu unsicher geworden ist.

Ein kleines Infofenster in der rechten Ecke hilft euch bei der Auswahl des Ziels, in dem es grob anzeigt, welche Rohstoffe wo zu finden sind, ob dort Banden ihr Unwesen treiben oder handeln möglich ist. Ist die Wahl getroffen, packt ihr eure Ausrüstung zusammen. Bedenkt auch hier, dass in eurem Rucksack nur begrenzt Platz ist. Wenn ihr eine Schaufel und ein Brecheisen mitnehmt um schneller voran zu kommen, könnt ihr weniger Beute tragen. Vor Ort ist dann äußerste Vorsicht geboten. Handsymbole zeigen euch, wo es was zu holen gibt, Lupen erzählen euch kurze Geschichten zu Einzelschicksalen, Schuttberge müssen beiseite geschafft werden und Barrikaden können nur von einer bestimmten Seite aus durchbrochen werden. Das Augensymbol gibt euch die Möglichkeit durch Schlüssellöcher zu gucken und so Schritt für Schritt voran zu schleichen. Pulsierende, rote Punkte zeigen Bewegungen an. Ob die nun von einer Ratte oder von einem Menschen stammen, findet ihr erst heraus, wenn ihr in Sichtweite seid. Wenn ihr Glück habt, befindet sich eine kleine Nische im Raum, in der ihr euch kurzzeitig versteckt, falls jemand auf euch zu kommt.

Werdet ihr entdeckt, ist es ratsam, schleunigst die Beine in die Hand zu nehmen, um das Weite zu suchen - vor allem wenn ihr unbewaffnet seid. Lasst ihr euch auf einen Kampf ein, ist es sehr wahrscheinlich, dass ihr erhebliche Verletzungen oder Schlimmeres davon tragt. Darüber hinaus arbeitet die Zeit  gegen euch, denn wenn der Tag anbricht und ihr das Gebiet bis dahin nicht verlassen habt, muss eure Figur sich den Weg eigenständig bei Tageslicht zurück bahnen. Sollte die Gruppe zu geschwächt  oder unterbesetzt sein, habt ihr auch die Option, die Nacht im Quartier zu verbringen. Ihr solltet jedoch gewarnt sein: Auch ihr könnt Opfer von Plünderungen werden und Verluste in Form von Mensch und Material erleiden. Eine Waffe im Haus zu haben, und mag sie noch so klein sein, ist deshalb nie verkehrt.

Jeder hat sein Kreuz zu tragen

Der Alltag unserer drei Überlebenden schlaucht ganz schön. Hinzu kommt aber noch ein Aspekt, den dieses Survival-Adventure perfekt umzusetzen weiß: Das schlechte Gewissen. Wenn ihr es nicht auf die Reihe kriegt, genug Verpflegung und Material aufzutreiben, hungern alle. Wenn ihr Pavels Wunde, die er sich beim letzten Beutezug zugezogen hat, nicht verbinden könnt, wird er sterben. Und sterben bedeutet hier wahrhaftig den endgültigen Tod des Charakters. Euer tapferer Bursche, den ihr wochenlang durch die Hölle geschleppt habt, ist für immer weg. Mir ging das tatsächlich nahe. Genau wie die ganzen Leute, die ich abweisen musste, weil das Risiko zu groß gewesen wäre, ihnen zu helfen - oder das alte Ehepaar, das ich bestohlen habe, um nicht zu verhungern. Wie sehr das die Charaktere selbst mitnimmt, zeigen sie euch durch Textblasen, in denen sie ihren Gefühlen freien Lauf lassen.

Das kann so weit gehen, dass sie in Depressionen verfallen und letztendlich so gebrochen sind, dass man nicht mehr mit ihnen interagieren kann. Um dem entgegen zu wirken, brauchen eure Schützlinge nicht nur Essen und Schlaf, sondern auch Aufmerksamkeit. Ihr könnt Bruno zum Beispiel befehlen, mit Katia über ihre Sorgen zu sprechen, um ihre Laune zu heben und ihr Hoffnung zu schenken. Das erinnert sehr an eine düstere Version der Sims, bringt aber vor allem etwas Menschlichkeit in die Tristesse. Kümmert ihr euch nicht genug um die Charaktere, kann es passieren, dass sich jemand umbringt oder ausreißt, um woanders sein Glück zu versuchen. Wie man es dreht und wendet, es bleibt ein Drahtseilakt.

This War of Mine - Test-Fazit

This War of Mine ist ein Blickwinkel auf das Grauen des Krieges, den ich in der Form selten in einem Spiel erlebt habe. Die 2D-Ansicht und der minimalistische Grafikstil, legen den Fokus ganz klar auf das Gameplay und die Atmosphäre, die das Spiel transportiert. Die melancholische Musik, die den Tag begleitet und die minimale Soundkulisse wirken genauso bedrückend wie die düstere Farbgebung. Jede Handlung hat spürbare Konsequenzen, Fehler werden in jedem Fall, wenn auch manchmal schleichend, bestraft.

Und da liegt der Hund begraben. Das Thema wurde außerordentlich gut umgesetzt, das Spielerlebnis ist intensiv, doch auf lange Sicht reicht mir das persönlich nicht aus. Selbst wenn sich in jedem neu angefangenen Durchgang die Bedingungen leicht ändern, wird es irgendwann so repetitiv, dass ich die Lust daran verliere. Das soll dann aber auch mein einziger Kritikpunkt sein. Wer mal was Neues ausprobieren, sich näher mit dem Thema Krieg und seinen Folgen beschäftigen will und auf Survival-Abenteuer steht, dem möchte ich diesen Titel wärmstens ans Herz legen. Ich hatte rund zehn emotionale und fesselnde Spielstunden, die ich nicht missen möchte.

This War of Mine ist ab dem 14.11 für den PC und Mac auf Steam und als Retail-Version für ca. 20 Euro erhältlich.

This War of Mine
Entwickler: 11 bit studios
Preis: 18,99 €

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