Titanfall Test: Von wegen Call of Duty mit Mechs (Video-Review)

Tobias Heidemann

Titanfall wurde nichts geschenkt. Im hart umkämpften Minenfeld zwischen Call of Duty und Battlefield wurde der Shooter aus dem Hause Respawn Entertainment bereits im Vorfeld mit allerhand Häme bombardiert. Zu geringe Spielerzahl, unnötige Bot-Integration, gekaufte Meinungen – Titanfall musste sich so Einiges gefallen lassen. Den Gipfel des verbreiteten Unsinns stellt aber die schlichtweg unwahre Reduzierung auf die herablassende Formel „Nur Call of Duty mit Mechs“ dar. Zeit für eine Ehrenrettung.

Ich gehöre zu jenen Zeitgenossen, die dem Genre des militärisch gepolten Multiplayer-Shooters zuletzt eine kleine Kreativkrise attestierten. Wer sich deutsche Schäferhunde und wegschwimmende Fische als das nächste große Ding auf die Fahne schreiben muss, der hat offenkundig ein Problem mit der Ideenfindung. Selbst durchaus vielversprechende Ansätze wie Battlefields „Levolution“ blieben hinter den Erwartungen zurück und konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass es den marktführenden Titeln in puncto Innovation einfach an Durchschlagskraft fehlte. Auftritt Titanfall.

Titanfall - Test.
Respawns Shooter ist die richtige Antwort auf diese Schaffenskrise. Das Team, das bekanntlich zum Teil aus ehemaligen Modern Warfare-Entwicklern besteht, hat sich mit seiner gesammelten Branchenerfahrung bis zum Kern des Genres durchgeschaufelt, dabei jedweden Ballast konsequent aus dem Weg geräumt, um am Ende etwas freizulegen, das man als das pulsierende Herz des Multiplayer-Shooters beschreiben könnte – es ist das, was mir in Spielen dieser Machart am meisten Spaß macht. Titanfall legt an dieses Herz einen heftig überladenen Defibrillator an und erweckt es mit cleveren und durchdachten Konzepten zu einem ganz neuen Leben.

So gesehen braucht Titanfall auch gar keine Fürsprecher. Dieses Spiel kann auf sich selbst aufpassen. Wer ein paar Partien hinter sich hat, der wird kaum von der Hand weisen können, dass Titanfall enorme spielerische Qualitäten vorzuweisen hat. Und die haben erst einmal gar nichts mit Mechs zu tun, was das „Call of Duty mit Mechs“-Geschwafel nur noch idiotischer macht.

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Titanfall Test: Das pulsierende Herz des Genres

Gemeint sind hier vor allem die Parcours-Fähigkeiten der Piloten. Durch sie wird die festgefahrene Run & Gun-Formel sprichwörtlich vom Kopf auf die Füße gestellt. Da praktisch jede Oberfläche auf den insgesamt 15 Karten in Titanfall damit zugänglich wird, ändert sich auch die Art, wie man die Level-Umgebung während des Spielens liest. Jede Route ist plötzlich möglich, jeder Sprung ist machbar, jeder Schusswechsel wird räumlich deutlich variabler.

Es braucht zwar eine Weile und vor allem einiges an Übung bis man gelernt hat, wie man das kreative Potential dieser Bewegungsweise im Wettkampf mit anderen Spielern zu seinen Gunsten anzapft - hat man Wallruns, Doppelsprünge oder das Hängen an Wänden aber erst einmal verinnerlicht, dann kommen einem die traditionellen Boden-Ballereien der Konkurrenz schnell wie der Schnee von gestern vor. An diesem Punkt beginnt man dann auch langsam zu verstehen, was Titanfall für sein gesamtes Genre leistet. Stinknormale Feuergefechte fühlen sich endlich wieder frisch, intensiv und aufregend an. Einmal losgerannt, will man alles aus den Piloten-Skills herausholen, mit ihnen experimentieren und sich ihr gesamtes Repertoire aneignen.

Dass das Ganze dazu auch noch verdammt cool aussieht und bestens animiert in Szene gesetzt wird, versteht sich schon fast von selbst. Dass sich meine spontan geplanten Bewegungen und die angepeilten Wegrouten über die Karten in Titanfall wirklich immer ganz genauso umsetzen lassen, wie ich das gerade will - das ist etwas, dass man Respawn Entertainment gar nicht hoch genug anrechnen kann. Das Level-Design der insgesamt fünfzehn Maps reicht nicht zuletzt auch deshalb von sehr gut bis ausgezeichnet. Titanfall erlaubt sich trotz der enormen Anforderungen, die der Parcours-Ansatz mit sich bringt, keinen einzigen Fehlen beim Aufbau der Karten.

 

Selbiges gilt auch für das Balancing. Während zum Beispiel ein Battlefield 4 zuletzt stark unter seiner Unausgewogenheit litt, sind Klassen, Waffen und Gadgets in Titanfall nahezu perfekt balanciert. Eine beeindruckende Leistung, wenn man bedenkt, wie radikal unterschiedlich sich Piloten und Titans spielen. Hier die agilen, blitzschnellen Piloten, dort die schwergepanzerten, haushohen Giganten aus Stahl.

Und doch ist der Kampf zwischen Mensch und Maschine nie unfair und hat immer einen offenen Ausgang. Als Pilot kann ich mich vorübergehend unsichtbar machen, C4-Sprengstoff am Stahlkoloss platzieren, seine Sicht mit E-Granaten stören oder aus der Deckung eines Häuserdaches heraus mittels extrem lässigen Jockey-Angriff sein Inneres rösten. Als Titan kann ich Piloten wiederum mit schwerer Bewaffnung angehen, sie mit einem einzigen Schlag zu Brei schlagen oder einen ungebetenen Fahrgast mittels tödlicher Wolke abschütteln – Titanfall hat für jedes Mittel ein Gegenmittel.

Doch auch innerhalb der Klassen – also unter den Titans und Fußsoldaten - gibt sich das Balancing absolut keine Blöße. Jede Waffe hat ihre Vorzüge und ihre Nachteile, jedes Gadget ist sinnvoll konzipiert, manche eignen sich für bestimmte Situationen und Modi besser als für andere. Es lohnt sich also tatsächlich, sich ernsthafte Gedanken zur idealen Zusammenstellung der Ausrüstung zu machen.

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Das Waffenarsenal von Titanfall besteht dabei aus den üblichen Verdächtigen. Wie im Genre derzeit etabliert, schaltet ihr im Laufe der Zeit immer neue Waffen, Gadgets und die an Perks angelegten Burncards frei. Echte Überraschungen dürft ihr hier allerdings nicht erwarten. Wer häufiger in Militär-Shootern unterwegs ist, wird sich hier sehr schnell zu Recht finden. Einzig die Bewaffnung der Titans fällt etwas aus dem Rahmen und erinnert fast schon ein bisschen an die guten alten Unreal Tournament-Zeiten.

Unterm Strich fällt der Gesamtkatalog der Ausrüstung aber etwas dünner aus als etwa bei Battlefield 4 oder Call of Duty: Ghosts.  Wer sich ein Wochenende mit Titanfall zurückzieht, der dürfte am Sonntagabend das Maximal-Level schon erreicht haben.

Wer darauf besteht, der kann Respawn Entertainment diesen vergleichsweise geringen Umfang als Schwachstelle auslegen - ich hatte allerdings beim Spielen das Gefühl, das Titanfall sich vorsätzlich von überflüssigen Hybrid-Waffen und Unterkategorien verabschiedet, um das bereits angesprochene, perfekte Balancing nicht zu gefährden. Zudem werden die möglichen Spielstile so nicht unnötig verwässert.

Zu wenig Modi, schwache Kampagne, geringer Umfang

Meckern muss ich allerdings bei den Modi von Titanfall. Hier habe ich mir deutlich mehr erwartet, denn das Gebotene ist zu wenig und dazu noch denkbar uninspiriert. Dauerbrenner wie Domination, Deathmatch und Capture-The-Flag machen natürlich Spaß wie eh und je – jenseits der Standards herrscht aber eklatante Ideenarmut. Das muss unbedingt besser werden! Auch einige fehlende Komfortfunktionen wie das Anlegen privater Matches kann ich nur schwer nachvollziehen.

Und die Story? Nicht der Rede wert! Respawn etabliert mit hektischen Video-Chat Einblendungen am Bildrand, ein bisschen Voice-Over in der Lobby und den kurzen Eingangssequenzen zu Beginn der Matches nur das absolut Nötigste. Der fiktive Konflikt zwischen einer rebellierenden Miliz und dem Militär-Regime der IMC lässt sich auf einen Satz reduzieren und der ist nicht mal sonderlich interessant. Zwar kann ich die Entscheidung auf eine komplette Singleplayer-Kampagne zu verzichten voll und ganz nachvollziehen – von dem im Vorfeld dermaßen hoch gepitchten „Cinematic Multiplayer“ hätte ich mir dann aber doch etwas mehr erwartet. In dieser Hinsicht hat mich Titanfall tatsächlich etwas enttäuscht.

Fazit

Wer sich in den letzten Jahren über die Stagnation im Genre des Militär-Shooters aufgeregt hat, der muss Titanfall einfach eine Chance geben. Hier findet sich fast alles, was die Konkurrenz zuletzt vermissen ließ. Titanfall hat sie nämlich dann doch plötzlich, die neue Ideen, die frische Energie, die packende Dringlichkeit und den speziellen Sog, den nur unverbrauchte Mechaniken entfalten können. Titanfall macht von der ersten Sekunde an Spaß – wer gelernt hat, mit Titanfall umzugehen, den wird es nach vielen, vielen Runden sogar begeistern. Der vergleichsweise dünne Umfang des Waffenarsenals, die vertane Chance des Cinematic Multiplayer und die eklatante Ideenarmut bei den Spiel-Modi verhindern einen Vorstoß in den Rang eines Klassikers. Intensiv, rasant, perfekt balanciert und einfach nur extrem spaßig ist Titanfall aber auf jeden Fall.

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