Transference im Test: Jetzt wissen wir, warum wir vor Horrorspielen in VR Angst haben sollten

Marina Hänsel

Die melancholische Erfahrung, einer kaputten Familie in den eigenen Keller zu folgen; angefüllt mit kratzenden Geräuschen, zitternden Wänden und Augen in der Dunkelheit: Transference schickt dich in ein virtuelles Amytiville, dessen Hölle allgegenwärtig wabert, vor dir, hinter dir und in deinem Kopf. Es gibt keinen Zweifel, dass du dich in einer virtuellen Welt befindest. Du bist das Experiment, du erforschst diese traurige, missbräuchliche Familiengeschichte und das in einem Format, das nicht besser darstellen könnte, wie VR funktioniert. Und wie es dich wirklich, wirklich ängstigen kann.

Und jetzt stell dir vor, diese Welt ist nicht nur ein bunter Fleck auf deinem Bildschirm – sondern allgegenwärtig um dich herum, in Bild, Ton und Grausamkeit:

Transference - Angespielt.

Es gibt ein Kriterium, das gute Spiele oft von jenen unterscheidet, die aus dem Genre herausstechen; die sich in dein Gehirn fressen und dort verweilen. Nicht nur in Form einer Erinnerung an eine gute Zeit, sondern als Messlatte für kommende Erfahrungen: Es sind Spiele, die um das eigene Medium wissen und es nicht nur ernst nehmen, sondern benutzen, um auch die letzte Barriere zwischen dir und der Geschichte einzureißen. Spiele wie Doki Doki Literature Club!, Stanley Parable und, zu einem gewissen Grad, auch Transference.

Wovon ich rede? Von dem Wunder des Mediums, das besonders kreative Entwickler in ihre gesegneten Hände nehmen, um es zu formen und ins Spiel einfließen zu lassen. Transference ist ein Horror-Thriller, der für VR gebastelt wurde und deshalb in der Geschichte selbst eine virtuelle Realität erschafft: Alles ist ein wenig unscharf und pixelig; alles zittert und verändert sich auf recht unrealistische Art und Weise? Kein Wunder, denn in Transference bewegst du dich tatsächlich durch ein Programm.

Amytiville

Ein Haus, genauer gesagt. In neonfarbenem Gewand ragt es von einem Datengitter am Boden empor und betrachtet dich aus finsteren Fenstern. Du schleichst an den Wänden des Ungetüms vorbei, sammelst Zettel und Gegenstände, die du dir einzig ansehen darfst. Krabbelst du hinter das Haus, werden die beunruhigenden Geräusche lauter; du hattest sie erst gar nicht bemerkt. Auch der virtuelle Himmel scheint noch dunkler geworden zu sein, oder greller? Du läufst weiter und erscheinst am anderen Ende des Gebäudes, als hättest du eine Wand übersprungen.

Hier ist das Geräusch sehr laut.

Bilderstrecke starten
16 Bilder
HORROR: Die besten Schocker, die 2018 & 2019 aus ihrem Grabe kriechen.

Transference handelt von einer Familie, die sich hinter den Mauern des virtuellen Gebäudes versteckt: In jenen Items, die du dir ansehen kannst, in den grellen Farben, aber auch in Rätseln, die du lösen wirst. Denn wie es scheint, wird sich auch dieses Spiel nicht dem allseits bekannten Stigma der Horror-Puzzler entziehen können, und das ist gut so. Ich habe selten an so originellen Rätseln wie in diesem Spiel knobeln dürfen; du wirst nicht nur Dinge reparieren können, sondern musst durch verschiedene Zeit- und Realitätsebenen mithilfe von Lichtschaltern springen oder eine Melodie nachspielen.

Und das stets in Gegenwart eines schwarzen Ungeheuers.

Was wiederum ebenso ein Stigma von Horrorspielen ist, ganz besonders, wenn es sich um Jump-Scares handelt. Transference funktioniert über Jump-Scares. Etwas, das Spiele nicht tun sollten, richtig? Falsch, zumindest im Fall von Transference: Der erste Schreck im Spiel kommt derart plötzlich und grauenerregend, dass ich beinahe meine VR-Brille vom Kopf gerissen hätte. Aber auch alle folgenden Angriffe waren schlimm, zu nahe, zu direkt, zu echt. Denn im Keller des großen Hauses, das du über das Spiel hinweg nicht verlassen wirst, lauert eine dunkle Macht und Transference ist die Art von Spiel, die dich immer wieder die Treppen herunter schickt. Endlose Treppen, in die Dunkelheit hinein; und je tiefer du dringst, desto angespannter wirst du vor deinem Gerät krabbeln.

Es knurrt. Es ist pixelig und zittert, wenn du es anstarrst. Und es ist allgegenwärtig: Denn das Böse in Transference ist leider viel zu echt, egal, wie virtuell die Umgebung ist, durch die du unwillig schleichst.

Frankenstein

Ich werde dir nicht sagen, was genau in Transference passiert. Ich werde dich nicht spoilern. Nur so viel: Ein Mann und Familienvater spricht zu dir, gleich in den ersten Sekunden des Spiels. Es ist eine Echtaufnahme, ebenso wie das gesamte Spiel vor Echtaufnahmen strotzt: vor Fernsehern, Bildschirmen und fliegenden Fenstern, die dir immer und immer wieder diesen Mann zeigen, der von einer großen Entdeckung spricht, einem Durchbruch in der Wissenschaft. Wie er dir gleich zu Beginn verrät, hat er es geschafft, ein menschliches Bewusstsein vollständig in ein Programm zu transferieren.

Deine Bewusstsein etwa.

Auf dem Weg durch dieses virtuelle Amytiville triffst du auf andere Menschen, die wie FMV-Charaktere in Zimmern erscheinen, hinter Türen und in jenen Realitäten, die du durchstreifst. Eine Familie, die durch die Hölle gegangen ist; eine virtuelle Hölle, deren Geheimnisse du lüften sollst. Transference bedient sich hierbei nicht nur Horror-Tropen, indem es dich erschrickt oder Observer-ähnliche Hologramme vor dir aufbaut; es zeigt dir vielmehr eine surreale, unangenehme Welt, voller Unmöglichkeiten und kleinen Geschichten, die von Depression, Missbrauch und, schließlich auch, Wahnsinn erzählen.

Möchtest du gern deine VR-Brille aufsetzen, und in das Programm eines wahnsinniges Wissenschaftlers geschickt werden? Nein? Dann weißt du jetzt, warum Transference so gut funktioniert – nicht nur auf der Ebene der Story, die erzählt wird, sondern besonders auf der Eben des Mediums. Und eines kann ich kann dir schon jetzt sagen: Dieses Spiel funktioniert ohne VR nicht so gut, wie mit der Brille. Wenngleich es auch ohne das teure Gerät spielbar ist, bleibt die Frage, wie echt und horrend es sich dann noch anfühlt.

The Shining

Besonders faszinierend ist die Art gewesen, mit der Transference mir Angst beibringen konnte. Bist du ängstlich, ist dein gesamter Körper angespannt, dein Herz klopft schneller, aber deine Atmung stockt; du versuchst leise zu sein und schaust im Spiel oder bei einem Film weg, sobald es dir zuviel wird. Flucht. Hast du einen PSVR-Kasten auf dem Kopf, kannst du nicht fliehen: Nach all den etlichen Horrorspielen, die ich mir über die Jahre eingeflöst habe, konnte Transference mir eine neue Strategie beibringen: Den Kopf abwenden und auf die zitternden Wände im Haus starren; überallhin, nur nicht zu dem Monster, das gerade durch mich hindurch springt.

Soviel zu den Jump-Scares. Doch auch, wenn die Hauptstory um die Familie eher dahinfließt und sich oftmals derart hinter Rätseln verbirgt, dass sie nicht immer nachvollzogen werden kann, schafft sie doch Atmosphäre. Ähnlich einem Gone Home erfährst du nach und nach, was wirklich geschehen ist, insbesondere über die lineare Story. Ein dunkel-wabernder Nebel der Atmosphäre umgibt dich ständig, in einem ewigen Treppenhaus und in den Zimmern, die sich stets verändern und neue bizarre Story-Fetzen in dein Gesicht werfen.

Du bist ständig auf der Hut.

Und du hast ständig Angst vor dem ungreifbaren Grauen, das sich im Keller des Hauses versteckt, den du erst nach und nach erforschen darfst. Das Knurren als konstante Klangkulisse stets in deinem Ohr. Nun: Was Transference richtig macht ist Horror, Atmosphäre und Sound – was es vergisst ist den Spieler an die Hand zu nehmen oder ein Erfahrung zu schaffen, die ohne ein 200 Euro teures Gerät funktioniert.

Guter Film, gutes Spiel?

Spectre Visions Vision ist es gewesen, ein Spiel zu entwickeln, das halb Film sein kann. Oder einen Film, der mehr Spiel ist, denn eigentlich ist das Studio für Filme und nicht für Games zuständig. Was uns Spectre-Gründe Elijah Wood noch auf der diesjährigen und vorherigen E3 erklärte, funktioniert im Spiel außerordentlich gut: Die Video-Tagebücher des Vaters begleiten dich das gesamte Spiel, passen jedoch auch wunderbar in die Geschichte und zeigen eine gute Performance der Schauspieler.

Lust, ein bisschen zu leiden? Hol' dir Transference für den PC *

Alles passt. Zumindest, wenn du dir eine VR-Brille für zwei bis drei Abende grabbeln kannst, oder gar eine besitzt. Ohne virtuelle Umgebung leidet nicht nur die Atmosphäre, sondern auch jener Horror, der sich über das Hineinfühlen in das virtuelle Amytiville-Gefängnis aufbläht. Einzig für die Story und die Rätsel zu spielen wird dich nur dann befriedigen, wenn du auf surreale Dystopien stehst oder gern Der Rasenmähermann spielen würdest.

Wird dir gefallen, wenn du eine VR-Brille besitzt, gern von Monstren angefallen wirst, du surreale und originelle Umgebungen sowie anspruchsvolle Geschichten liebst.

Wird dir nicht gefallen, wenn du denkst, dass es egal ist, ob mit VR oder ohne gespielt wird, du blutige Gedärme in deinem Gesicht willst oder du kurzweilige Schock-Unterhaltung bevorzugst.

Zu den Kommentaren

Kommentare zu diesem Artikel

Weitere Themen

Neue Artikel von GIGA GAMES

* gesponsorter Link