Trials Fusion Test: Ein gutgemeinter Radschlag

Leo Schmidt 5

Ich habe einen immer wiederkehrenden Albtraum. Mein Chef (es ist immer ein anderer, einmal war es ein riesiges Stück Tofu) gibt mir ein Testmuster zu einem Spiel. Morgen muss der Test raus, doch ich kenne das Spiel. Ich habe den Test schon geschrieben. Ich habe ihn schon hundert mal geschrieben. Mein Kopf füllt sich mit nichts außer Altbekanntem. Ich bin am Ende.

Trials Fusion Test: Ein gutgemeinter Radschlag

Dann wache ich schweißgebadet in meiner Spongebob-Bettwäsche auf, meine Nase blutet, meine Steve-Urkel-Brille wird hastig ertastet, ein schneller Griff zum Inhalator wehrt die drohende Asthma-Attacke ab. Ich stelle dann fest, dass es nicht ganz so schlimm ist. Träume neigen zur Übertreibung. Es gibt nunmal Spiele, bei denen sich über jeden neuen Teil nur bedingt viele Dinge sagen lassen, da sie in ihrem Kern unverändert bleiben und bleiben müssen.

Falls ihr das Spiel mal in Aktion sehen wollt, dann schaut euch unser GIGA Gameplay zu Trials Fusion an!

Und sicherlich gibt es sogar mehr als einen Spieler da draußen, der mich verstehen und mir verzeihen würde, wenn mir zum neuesten Teil von Trials nichts besseres einfiele als „Tjoa, ist halt Trials, ne?“. Mehr muss die genial simple Cross-Simulation aus dem Hause RedLynx nicht sein. Mehr hat nie jemand verlangt und wird es auch nie.

Wie bei Evolution, wie bei HD, wie bei jedem Teil der Reihe, pesen wir wie bescheuert mit einer Auswahl von Gefährten, meistens Motorrädern, auf einer zweidimensionalen Schiene von links nach rechts. Indem wir Gas geben, bremsen und vor allem das Körpergewicht unseres Fahrers verlagern, bewältigen wir so abgedrehte Hinderniskurse. That’s it. Es ist nicht wirklich enttäuschend, dass der neue Teil Trials Fusion an dieser Formel nichts wesentliches ändert. Täte er es, wäre das Ergebnis nicht mehr Trials.

Denn die Genialität und Stärke liegt eben in der Einfachheit und Funktionalität des Konzepts. Man könnte ja zum Beispiel auch Flappy Bird um ein Upgrade-System erweitern, oder Tic-Tac-Toe um eine Smart Bomb. Doch ist das wünschenswert? Fusion punktet mit alten Stärken, also vergleichen wir es mit seinem Vorgänger, um zu ermitteln, ob die rund 20 Öre, die es kostet, hier gut angelegt sind.

Die paar Neuerungen, die es hat, sind schnell erzählt und können insgesamt unter dem Punkt „Joa, ganz nett.“ zusammengefasst werden. Da wäre zum einen die Tatsache, dass man jetzt während Luftsprüngen mit dem Fahrer Kunststückchen vollführen kann. Davon abgesehen, dass man hier keine Komplexität erwarten darf, sind die akrobatischen Verrenkungen außerhalb bestimmter Missionen, die gezielt auf Tricks ausgelegt sind, komplett sinnfrei – einzig die Tatsache, dass sie eine weitere Möglichkeit darstellen, das Gewicht des Fahrers zu verlagern, könnte man erwähnen, da man aber auch mit der normalen Gewichtsverlagerung auskommt (und sich damit nicht so oft aufs Fressbrett packt), braucht man die Hampelei also gar nicht anzugehen. Sie wirkt eher wie das obligatorische neue Feature, das zu PR-Zwecken eingebaut und in Pressemeldungen verheizt wurde.

Dann wäre da so eine Art… Story, I guess? Im Hintergrund schwafelt jetzt oftmals eine von diesen freundlichen KIs mit Frauenstimme, die in jedem zweitem Zukunftsszenario auftauchen und in der realen Welt, abgesehen von gewissen Ausnahmen wie Siri, doch immer noch Mangelware sind. Die feminine Bit-Ansammlung erzählt uns etwas über die Welt und die Firma hinter den Trials, dann kommt eine andere KI dazu und… horcht mal, nehmt es mir nicht übel, RedLynx, aber: Ich spiele Trials nicht für die Story. Ich bin sogar überzeugt davon, dass keine keine Sau je Trials für die Story spielen würde, und dass noch nie jemand gesagt hat „Man, das ewige auf die Schnauze fliegen ist ja ganz nett – aber könnte nicht im Hintergrundrauschen noch so eine Art Alibi-Plot versteckt sein?“. Spart euch die Sprecher und das Geld und investiert es ein bisschen in optimierten Code, um die etwas zu langen Ladezeiten zu entschärfen, okay?

Und dann gibt es optionale Herausforderungen in jedem der Level. Ich will nicht lügen: Ich erinnere mich nicht mehr, ob es diese auch schon in Evolution gab, und ich habe das Spiel nicht parat, um nachzugucken. Ich glaube, dem war nicht so. Es würde auch Sinn ergeben, einige von ihnen (es sind drei pro Level) sind an die oben erwähnten Stunts gekoppelt. Es ist sicherlich eine schöne Mechanik für Perfektionisten, die über die Goldmedaillen hinaus noch einen zusätzlichen Anreiz wollen. Für Otto-Normalverbraucher und Spieleredakteure kurz vor dem Nervenzusammenbruch, bei denen die Versuche auf einzelnen Strecken schon in den dreistelligen Bereich gehen, sind sie ein nicht zu erreichender Fiebertraum.

Ich hätte übrigens beinahe komplett vergessen, dass es Customizing gibt. Das ist dann auch schon meine Zusammenfassung über die Wichtigkeit, den Umfang und Reiz der freizuschaltenden Firlefanz-Objekte für Fahrer und Fahrzeug.

Bilderstrecke starten
13 Bilder
Das sind die kostenlosen Games für August.

Die Zukunft ist hübsch und riecht nach Krankenhaus

Fusion ist insgesamt in einem leicht futuristischen Setting angesiedelt, was das Spiel aber in gewohnter Tradition nicht davon abhält, querbeet durch allerlei abnorme Locations zu führen. Von gebirgigen oder verschneiten Todesparkours über improvisierte urbane Asphaltpisten bis hin zu sterilen, blinkenden Laboratorien, in denen sich die Strecke erst hydraulisch vor uns aufbauen muss, gibt es eine Menge Abwechslung. „Eine Menge“ ist allerdings relativ, denn insgesamt ist das Spiel vom Umfang her etwas knapp geraten, gefühlt auch deutlich knapper als Evolution. Einzig die zu erbeutenden Medaillen, die die späteren Parkours freischalten, halten den geneigten Radfreund davon ab, binnen zwei Stunden sämtliche Strecken intus zu haben.

Und trotz der erwähnten Abwechslung muss doch gesagt werden, dass Evolution mutiger war, was den schieren Knallkopp-Faktor angeht. Wenn ich schon in der Future-World unterwegs bin und Raumschiffe mein Bike begleiten, wieso bin ich an Terra Firma gebunden? Wieso greifen nicht neugierig-probengeile Greys ins Geschehen ein? Versteht mich nicht falsch, das klassische Crashen am Ende des Levels und die Jagd nach versteckten Eichhörnchen und anderen Details ist so witzig wie eh und je, aber: Ihr macht Trials nicht massentauglicher und mainstreamiger, wenn ihr es um seine aberwitzige Identität erleichtert und vorsichtiger werdet. Der Mainstream will gute Spiele, und Spiele wie Trials werden durch Zurückhaltung nicht besser.

Die Streckenarmut wird natürlich durch den beigefügten Editor etwas relativiert, der mächtig, handlich und mir persönlich immer noch zu hoch ist. Ich sage ganz offen, dass meine Versuche mit dem Teil nicht sehr fruchtbar waren, das hält die Community allerdings nicht davon ab, bereits fleissigst an allerlei schrägen Pisten zu werkeln. Die ersten richtig guten Strecken sind schon verfügbar, so dass sich absehen lässt, dass es keinen Mangel an tollen Maps geben wird.

Dennoch, nicht nur, dass der Karriere-Modus etwas spärlich bestückt ist, er ist auch ohne echte Alternative, einen anderen Spielmodus sucht man zur Zeit ebenso vergebens wie einen Online-Multiplayer. Letzterer soll noch nachgereicht werden, doch was die ganze Nummer soll, lässt sich nicht so recht nachvollziehen. Eine kryptische DNS-Doppelhelix prangt im Hauptmenü momentan mittenmang, vertröstet aber bei Anwahl auf ein weiteres Feature, das noch nicht enthalten ist und nachgereicht wird. Man fühlt sich als Spieler schon ein bisschen veralbert.

Trials Fusion - Launch Trailer.
Fusion ist also nicht das größte Trials – dafür aber das schönste. Auf der PS4 können die schillernden und vibrierend lebendigen Hintergründe richtig funkeln und strahlen, und mit einer gepflegten Explosion im Anschluss stürzt es sich doch gleich nochmal so schön. Hat man die Serie bislang noch gar nicht gespielt, kann man absolut nichts falsch machen, und Veteranen sei Fusion ebenfalls empfohlen. Letztere müssen sich allerdings mental darauf einstellen, nicht vom Hocker gerissen zu werden, sondern einen weiteren soliden Eintrag in dieser so witzigen und unüblichen Reihe zu erhalten.

Fazit

Ein wenig mehr Fleisch auf den Rippen hätte man Fusion schon gegönnt, auch ein bisschen mehr Mut mit seinen Spielereien und dem Szenario. Die Neuerungen halten sich in Grenzen und sind im grunde pillepalle, und wer heutzutage noch einen Online-Multiplayer für sein Chaos-Games nach dem Release hinterherpatcht, gehört eigentlich mit einem Eichhörnchen geohrfeigt. Dennoch lässt sich gegen Trials Fusion eigentlich nicht viel sagen – die Reihe bleibt sich treu, liefert eine weitere würdige Fortsetzung und der geneigte Spieler hat wieder eine Mordsgaudi.

Zu den Kommentaren

Kommentare zu diesem Artikel

Neue Artikel von GIGA GAMES

  • Assassin's Creed Odyssey: Alle Trophäen und Erfolge - Leitfaden für 100%

    Assassin's Creed Odyssey: Alle Trophäen und Erfolge - Leitfaden für 100%

    Die Liste der Trophäen und Erfolge in Assassin’s Creed Odyssey wird euch ordentlich bei Trab halten. Die Achievements sind zwar nicht schwierig freizuschalten, dafür müsst ihr aber viel Zeit aufwenden, denn der neueste Ableger bietet die bisher größte Spielwelt der Reihe. Mit unserem Leitfaden führen wir euch aber zielsicher zu den 100% Spielabschluss!
    Christopher Bahner
  • Fortnite: "Tanze auf"-Herausforderung von Woche 4 (Season 6)

    Fortnite: "Tanze auf"-Herausforderung von Woche 4 (Season 6)

    Seit vergangener Season erledigen wir in Fortnite: Battle Royale Herausforderungen in verschiedenen Phasen. Und auch in Woche 4 von Season 6 steht uns so eine bevor: „Tanze auf der Spitze eines Uhrenturms“. Das ist aber nur Phase 1. Wie es dann weitergeht und vor allem, wo ihr überall tanzen müsst, zeigen wir euch hier.
    Victoria Scholz
* gesponsorter Link