Tyranny: Mein Ersteindruck von Obsidians Schurken-Rollenspiel

Alexander Gehlsdorf 1

Das Böse hat gewonnen! Ab morgen wirst Du in Tyranny zum Unterdrücker von Witwen und Waisen. Ich konnte den ersten Akt des Rollenspiels ausgiebig testen und verrate Dir in meinem Ersteindruck, ob Tyranny deinen Geschmack trifft und welche Aspekte nicht jedermanns Sache sein dürften.

Tyranny - 30 Minuten Gameplay.

Im März 2015 gelang es Entwicklerstudio Obsidian Entertainment, das bereits mit Fallout: New Vegas sein Talent für immersive Rollenspiele unter Beweis gestellt hat, dem Genre der klassischen Infinity-Rollenspielen wie Baldur’s Gate oder Planescape: Torment neues Leben einzuhauchen. Das Ergebnis hieß Pillars of Eternity und war ein Fest für Rollenspieler alter Schule. Nun folgt mit Tyranny der zweite Streich, der abermals die Stärken des Genres erbt, aber dennoch an den richtigen Stellen mit einigen Überraschungen aufwarten kann.

Erobern oder Sterben

Nach über 400 Jahren haben die Armeen des Oberschurken Kyros die gesamte bekannte Welt erobert. Die gesamte bekannte Welt? Nein, eine kleine Halbinsel, „Die Stufen“ genannt, leistet noch immer Widerstand. Kyros‘ Eroberungsstreitmacht ist in zwei Fraktionen aufgeteilt. Die Geschmähten, eine eingeschworene Gruppe gut ausgebildeter Elitekämpfer und der Scharlachrote Chor, die sich ihren Nachschub aus von ihnen besiegten Völkern rekrutieren und somit durch schiere Masse überlegen sind. Die Ehre, die Stufen zu erobern, kann nur einer der beiden Fraktionen zuteil werden. Die Aufgabe, die beiden Streithammel im Zaum zu halten, um die Eroberung der Stufen sicherzustellen, liegt in der Hand des Schicksalsbinders. Und das bist Du.

Deine erste Aufgabe besteht darin, im Namen von Kyros ein magisches Edikt zu verkünden. Gelingt die Eroberung nicht binnen einer Woche, ist jeder in den Stufen dem Tod geweiht. Das sollte als Motivation doch ausreichen, um die Geschmähten und den Scharlachroten Chor zur Kooperation zu bewegen. Tatsächlich aber wirst Du immer wieder vor knifflige Entscheidungen gestellt. Bisher konnte ich mir den gesamten ersten Akt ansehen und habe etwa acht Stunden in den Stufen verbracht. Wie sich Tyranny spielt, für wen der Rollenspielbrocken geeignet ist und wen das Spiel vermutlich nicht begeistern wird, habe ich hier für Dich zusammengefasst.

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Das hier macht Tyranny gut:

  • Tyranny zwingt Dich zu harten Entscheidungen. Offensichtliche oder gar bequeme Lösungen sind Mangelware und jede Entscheidung hat handfeste Konsequenzen. Statt einer Gut-Böse-Skala sammelst Du gegenüber den Fraktionen und Deinen Begleitern Reputation in Form von Loyalität und Furcht. Diese beiden Werte arbeiten überdies nicht gegeneinander, Deine Begleiter können Dir gegenüber loyal sein und Dich dennoch fürchten.
  • Auf Seiten der Bösen zu spielen, ist ein erfrischender Kontrast zu anderen Rollenspielen. Die Dialoge sind toll geschrieben, die Welt und deren Charaktere sind nachvollziehbar, das Szenario wird ernst genommen und dennoch wird auf eine Prise Humor nicht verzichtet. Zudem verdammt dich das Spiel nicht zum Fiesling sondern gibt Dir auch die Möglichkeit, Kompromisse zugunsten der Stufen-Bevölkerung zu erzwingen - mit den entsprechenden Konsequenzen.
  • Die Kämpfe sind taktisch fordernd. In pausierbarer Echtzeit musst Du die Aufstellung Deiner vierköpfigen Gruppe koordinieren, die Cooldowns Deiner Fähigkeiten im Auge behalten und die Rüstungswiderstände der Gegner beachten. Wer sich lieber auf die erzählerischen Qualitäten des Spiels konzentriert, kann sich das taktische Micromanagement dank variablem Schwierigkeitsgrad aber auch ersparen.
  • In den Dialogen hast du Zugriff auf zahlreiche Tooltips, die Dir die Bedeutung diverser Charaktere und Schauplätze erklären und Dir auf diese Weise Wissen vermitteln, über das Dein Charakter aufgrund seines Werdegangs verfügt. Dadurch ist Tyranny deutlich zugänglicher und verständlicher als Pillars of Eternity. In dem Spiel warst Du noch darauf angewiesen, Dir die meisten Zusammenhänge selbst zusammenzureimen.

Aber es gibt auch negative Punkte:

  • Die tollen Dialoge und die komplexe Spielwelt haben ihren Preis. Du wirst dich mit enormen Textmassen auseinandersetzen müssen. Da nur die wenigsten Dialoge vertont sind, verpassen lesefaule Spieler einen Großteil der Faszination, die von Tyranny ausgeht.
  • Die Hintergründe sind sehr liebevoll gestaltet, dennoch fällt die Präsentation von Tyranny eher nüchtern aus. Auch die Inszenierung der Kämpfe ist vor allem auf Übersichtlichkeit getrimmt, statt auf Effektgewitter.
  • Die deutsche Übersetzung ist größtenteils gut gelungen, dennoch bin ich an einigen wenigen Stellen auf ungenaue Übersetzungen und fehlerhafte Rechtschreibung gestoßen. Die Eigennamen mancher Charaktere und Orte sind darüber hinaus extrem wörtlich übersetzt. Dadurch kann die Immersion der Texte hin und wieder unterbrochen werden.

Wer von Tyranny unkomplizierte Unterhaltung erwartet, wird enttäuscht. Trotz der hilfreichen Tooltips ist das Spiel zeitintensiv, fummelig und fordert jede Menge Aufmerksamkeit.

Tyranny ist daher ein Spiel für Liebhaber, für geduldige Leseratten mit viel Fantasie. Wenn Dir eine gut geschriebene Spielwelt, knifflige Entscheidungen und ein taktisches Kampfsystem wichtiger ist als eine spekakuläre Präsentation, kommst du mit Tyranny voll auf deine Kosten.

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