Unravel im Test: Ein Spiel ohne Worte

Annika Schumann 20

Unravel ist kein Spiel wie jedes andere. Es ist simpel. Es ist leise. Und dennoch ist es so stark und emotional, wie ich es selten erlebt habe. Das ist mein Test zu Unravel.

Unravel Exploring the Environments.

Unravel: Ein Spiel ohne Worte

Grüne Wiese, ruhige Meere, einsame Wälder. Die Natur von Skandinavien ist wunderschön und einzigartig. Sie lädt zum Träumen, zum Entspannen ein und zieht völlig in ihren Bann. Es ist das perfekte Setting für ein Spiel, das keine Dialoge, keine Interaktionen mit Menschen und keine explosive Action enthält. Unravel lebt hingegen allein von der Kraft der Bilder, der Musik, sowie der Gestik und Mimik des kleinen Protagonisten namens Yarny. Dieses Spiel will euch nicht mit schnellen, unkontrollierbaren Szenen beeindrucken, will nicht, dass ihr euch an großen Schießereien oder atemberaubenden Rendersequenzen ergötzt. Es will einfach nur eine herzerwärmende Geschichte von Liebe, Sehnsucht und dem Flicken zerrissener Bande erzählen. Das ist Unravel.

Ihr schlüpft in die Rolle eines kleinen Garngeschöpfes, welches durch zahlreiche Level läuft, um Sticker eines Fotoalbums zu finden, damit es dieses wieder mit Leben füllen kann. Während dieser Reise ist euer Geschick maßgebend für den Erfolg des kleinen Yarny, denn die Umgebung - so schön sie auch sein mag - ist komplex und teilweise sehr gefährlich für ein so winziges und zerbrechliches Wesen. Ihr müsst euch gegen fiese Vögel, einem wildgewordenen Hamster oder gegen die bedrohlichen Folgen menschlichen Versagens stellen und aus diesen Situationen mit guten Reflexen und komplexen Ideen entkommen.

Es ist Yarny möglich, sein Garn zu verwenden, um sich über einen Abgrund zu schwingen oder eine Art Trampolin zu bauen. Er kann es auch um Gegenstände wickeln, um diese zu bewege, oder es an bestimmten Stellen festzurren, um sich abzuseilen. Nur zu Beginn stellt euch das Spiel vor, wie ihr diese Vielzahl an Möglichkeiten einsetzen könnt. Danach müsst ihr viel Gehirnschmalz und die richtige Kombination der Methoden aufwenden, um lebend durch die teilweise sehr fordernden und kniffligen Passagen zu kommen. Stellt euch darauf ein, dass ihr zu Beginn nicht gleich begreift, wie die richtige Lösung funktioniert, was euren Spieltod zur Folge hat. Doch das macht nicht sonderlich viel aus, die Speicherpunkte sind alle sehr gut platziert, sodass ihr nicht sehr viele Handgriffe tätigen müsst, um wieder da anzukommen, wo ihr aufgehört habt. Diese Tatsache minimiert den möglichen Frust um ein riesiges Maß und macht das Spiel noch besser.

Tipps & Tricks für Unravel

Das Gameplay ist abwechslungsreich und überraschend. Es geht nicht nur darum, über verschiedene Objekte zu springen, sondern auch diverse Mechanismen auszulösen oder mithilfe eines Gegenstandes und viel Geschick durch einen Schneesturm auf freiem Feld zu gelangen, ohne dabei fortgeweht zu werden. Und die kleinen Bossgegner - wenn man sie so nennen will - in Form von Hamstern oder Kakerlaken haben zusätzlich noch für eine Menge Abwechslung gesorgt.

Einige Rätsel von Unravel haben mich fast in die Verzweiflung getrieben. Doch so schwer sie auch sind: sie sind nie unmöglich. Somit ist das Spiel selbst für Menschen wie mich, die in Puzzle-Games gar nicht gut sind, eine kleine Herausforderung, die bei Bestehen mit einer wunderschönen Geschichte belohnt wird.

„Liebe verbindet wie ein Garnfaden. Genau wie Garn können diese Verbindungen zerbrechlich sein oder durcheinander geraten. Wenn man sie jedoch behält und sich um sie kümmert, können Sie jede Distanz überwinden.“ 

Als Yarny erlebt ihr eine Lebensgeschichte nach, indem ihr zu den Orten reist, an dem Fotos aufgenommen wurden. Diese sind sichtbar, sobald ihr das Level bestanden und einen Sticker aufgesammelt habt, welcher auf ein Album geklebt wird. Auch im Spiel selbst erlebt ihr an bestimmten Stellen im Hintergrund eine Art Flashback, die euch erklärt, wie das entsprechende Motiv entstanden ist.

Wie das Leben eben so ist, wird die Geschichte von Unravel immer dramatischer, womit sich auch Yarnys Ausdrucksweise ändert. Aus dem fröhlichen, unbekümmerten Wesen wird irgendwann ein verängstigtes, bemitleidenswertes Garnknäuel, das zittert und traurig ist. Genau das ist der Punkt, durch den Unravel so einzigartig wird. Yarny spricht nicht. Er hat nicht einmal eine Nase oder einen Mund. Er drückt sich rein durch seine Bewegungen aus - und dennoch schließen wir ihn sofort ins Herz.

Yarny wird getrieben von seiner Aufgabe. Der Aufgabe, das Fotoalbum zu vervollständigen und alte Bande erneut zu knüpfen. Liebe und Leben zu erfahren. Yarny gibt alles dafür. Er riskiert sein kleines Leben, nur um diese Geschichte zu erzählen. Mir schießen die Tränen in die Augen, wenn ich an bestimmte, herzzerreißende Situationen denken muss - eine Erfahrung, die besonders gegen Ende richtig intensiv wird.

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Mein Test-Fazit zu Unravel:

Unravel ist ein Spiel mit so viel Herz, Hingabe und liebevoll gestalteten Figuren und Umgebungen, dass es für mich einen Platz in der Geschichte der ganz besonderen Videospiele sicher hat. Selbst, wenn ihr keine Puzzle-Spiele mögt, solltet ihr es das Spiel zulegen, denn es ist eine Erfahrung, welche ihr auf diese intensive und gleichzeitig ruhige Weise so schnell wohl nicht mehr erleben werdet. Die Garn-Rätsel sind alle schaffbar und Frust kommt nur selten bis gar nicht auf, weil die Geschichte und Yarny das Spiel tragen und es leicht machen, über eventuelle Ungeduld hinwegzusehen.

Mit einer Spielzeit von 6-10 Stunden - je nachdem, ob ihr alle Geheimnisse suchen oder einfach nur durchlaufen wollt - ist es eine gute Wochenendbeschäftigung, die ihr nicht bereuen werdet.

„Man kann sich ein Leben lang fragen, was am Ende des Weges liegt - oder man kann es selbst herausfinden.“

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Getestet wurde die PlayStation 4-Version. Unravel ist mit deutschen Texten versehen und kann auch für die Xbox One und den PC gekauft werden.

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