Vampyr im Test: Ein Rollenspiel für Wiss- und Bissbegierige

Alexander Gehlsdorf 2

Singleplayer-Spiele sind tot? Von wegen. In Vampyr steigt die Einzelspieler-Erfahrung nicht nur aus dem Grab, sondern direkt zur Höchstform auf.

Vampyr: Launch Trailer.
Vampire hatten es in den vergangenen zehn Jahren nicht leicht. Aus den eigentlich tragischen, unsterblichen Blutsaugern ist eine Lachnummer der Pop-Kultur geworden, die kaum noch jemand ernst genommen hat. Dabei blickt der Vampir-Mythos auf eine Jahrhunderte alte Geschichte und eine Fülle von Legenden, Romanen, Gemälden und Adaptionen.

Vampyr entleiht seinen Namen nicht ohne Grund dem 1819er Roman Der Vampyr, denn das Spiel ist nicht an einer modernen Neuinterpretation des Blutsaugers interessiert, sondern geht stattdessen dem klassischen Vampir-Mythos auf den Grund.

Dafür reist das Spiel mit dir ins Jahr 1918. London ist von der Spanischen Grippe verseucht. Die Stadt steht unter Quarantäne, täglich wird ein weiterer Teil der Bevölkerung dahingerafft und die Massengräber der Stadt füllen sich.

In einem solchen beginnt auch deine Reise, denn Dr. Jonathan Reid, der gerade aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekehrt ist, erwacht inmitten zahlreicher Leichen, getrieben vom Durst nach Blut. Wenige Minuten und einen schweren Schicksalsschlag später wird ihm sein Elend bewusst: Er ist als Vampir wiedergeboren. Aber warum?

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Facebook anno 1918

Auf der Suche nach seinem Schöpfer findet Dr. Reid Unterschlupf im Pembroke Hospital, das von Dr. Edgar Swansea geleitet wird. Dieser ist ebenfalls dem Vampir-Mythos auf der Spur, ein wissbegieriger Blutsauger unter dem eigenen Dach kommt ihm daher gerade recht.

Um dem Geheimnis deiner Existenz auf die Spur zu kommen, erkundest du fortan vier Londoner Stadtteile und lernst dabei vor allem die Bevölkerung besonders gut kennen. Denn obwohl Vampyr auch über ein grundsolides Kampfsystem verfügt, findet ein Großteil des Spiels in Dialogen statt.

Jeder Bewohner von London hat einen Namen, eine Geschichte, einen Bekanntenkreis, ein Geheimnis. Um dieses zu lüften, musst du Hinweise sammeln, die neue Informationen über die Charaktere freischalten. Diese können sich ganz automatisch im Gesprächsverlauf ergeben, aus Briefen oder Fotografien hervorgehen oder auf deinen Streifzügen durch die nächtlichen Stadtteile gefunden werden.

Je besser du deinen Gesprächspartner kennenlernst, desto nahrhafter dessen Blutqualität — schließlich bist du immer noch ein Vampir. Allerdings bist du gleichzeitig auch ein Arzt und genau daraus ergibt sich das spannende Wechselspiel von Vampyr.

Je schwerer dein Gewissen, desto leichter das Spiel

Einerseits ist es als Doktor deine Aufgabe, für das Wohlergehen der Bürger zu sorgen. Fallen zu viele der Seuche zum Opfer, kann ein gesamtes Stadtviertel in Chaos verfallen, was zum Tod der Bewohner führt. Questgeber und Erfahrungspunkte sind somit unwiderruflich weg.

Andererseits bist du als Vampir auf frisches Blut angewiesen. Theoretisch kannst du das Spiel zwar auch ganze ohne Opfer durchspielen, dafür ist jedoch eine ganze Menge Geschick nötig. So bietet das Blutsaugen den größtmöglichen Fortschritt, je nach Opfer bis zu mehrere Tausend Erfahrungspunkte. Zum Vergleich, der Kampf gegen Vampirjäger und andere Gegner, die dir den Weg zwischen den einzelnen Stadtviertel versperren, spendiert mickrige fünf bis zehn.

Erschwert wird das Dilemma des Blutsaugens dadurch, dass nicht jeder Charakter gleich viele Erfahrungspunkte spendiert. So ist das Aussaugen eines Polizisten oder Priesters deutlich lukrativer als das eines Kriminellen oder Obdachlosen. Fällt dir die moralische Entscheidung dadurch leichter?

Spätestens wenn du auf einen der knackigen Boss-Gegner triffst, wird dein Verlangen nach Blut steigen, da dir alle Gegner stets im Level überlegen sein werden. Das Blutsaugen ist also eine originelle und perfide Art und Weise, den Schwierigkeitsgrad zu regulieren. Je schwerer dein Gewissen, desto leichter das Spiel.

Keine zweite Chancen

Ein weiteres spannendes Konzept ist der Tag- beziehungsweise Nacht-Wechsel in Vampyr. Für erledigte Quests und ausgesaugte Bürger erhältst du zwar Erfahrungspunkte, Skillpunkte verteilen und im Level aufsteigen kannst du jedoch erst, wenn du dich schlafen legst. Während deines Schlummers treten jedoch alle Konsequenzen in Kraft, die du durch deine nächtlichen Aktionen in Gang gesetzt hast.

Hast du alle Bürger in einem Stadtviertel in der Nacht zuvor mit den nötigen Medikamenten versorgt? Dann wird sich die Situation in der folgenden Nacht sichtlich verbessert haben. Hast du hingegen die Bedürfnisse der Bürger in einem Viertel ignoriert und darüber hinaus eine wichtige Person ausgesaugt, kann der Stadtteil in der folgenden Nacht bereits im Chaos versunken sein.

Dadurch wirst du gezwungen vor jedem Levelaufstieg abzuwägen, ob du deine Zeit auf der aktuellen Stufe optimal ausgenutzt hast und dich guten Gewissens zur Ruhe legen kannst. Das Wechselspiel aus Blutsaugen, ärztlichen Pflichten, Erfahrungspunkten und Status der Stadtviertel sorgt für eine einzigartige Spielerfahrung, die dich jede deiner Entscheidungen doppelt abwägen lässt.

Verstärkt wird das durch die Tatsache, dass du nicht manuell speichern kannst sondern jede deiner Entscheidungen erbarmungslos auf deinem Savegame landet. Anders entscheiden und neu probieren gibt es nicht.

Wie weit sind wir in 100 Jahren gekommen?

Lob verdient auch die Story des Spiels, denn der Vampir-Mythos wird überraschend umfangreich behandelt. Glauben Vampire an Gott? Wird jeder gebissene automatisch auch zu einem Vampir? Hält jedes Kreuz einen Vampir fern? Fakten, die in der pop-kulturellen Wahrnehmung als selbstverständlich gelten, werden in Vampyr in ein neues, erfrischendes Licht gerückt.

Auch dramaturgisch kann das Spiel überzeugen. Nicht selten hast du als Spieler das Gefühl, dich dem Höhepunkt der Story zu nähern, nur um von einem weiteren Twist überrascht zu werden, der einen weiteren Vorhang in der gelungenen Story von Vampyr lüftet.

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Unerwähnt bleiben dürfen auch nicht die zahlreichen Kommentare zu Gesellschaft und Politik, die im Spiel stecken. Es ist gewiss kein Zufall, dass das Spiel ausgerechnet im Jahr 1918, also vor genau einhundert Jahren angesiedelt ist. Frauen kämpfen um ihr Wahlrecht, Arbeiter um faire Bezahlung und Arbeitsbedingungen, Millionäre wollen eine Mauer bauen(!) die arme und reiche Bürger trennt, Homosexuelle und Partner unterschiedlicher Hautfarben müssen ihre Liebe vor dem Gesetz geheim halten und die Erfoschung psychischer Krankheiten steckt noch in den Kinderschuhen.

Vampyr rekonstruiert eine Zeit des Umbruchs, eine Zeit in der gesellschaftliche Normen im Zuge des Kriegschaos in Frage gestellt werden. Eine Zeit des Wandels, der auf dem einfachen, gewalttätigen Weg oder auf dem schwierigen, friedlichen Weg erkämpft wird. Tod oder Leben. Vampir oder Arzt.

Mein Test-Fazit zu Vampyr

Erst letztes Jahr wurde das Singleplayer-Spiel zum wiederholten Male als tot erklärt. Vampyr beweist, wie viel Potential noch immer in Einzelspieler-Erfahrungen steckt. In kaum einem anderen Spiel wirst du derart direkt und clever mit deinen eigenen Entscheidungen konfrontiert und die Dualität deines Charakters, der als Arzt für das Wohl des Menschen sorgt und als Vampir auf den Tod seiner Mitmenschen angewiesen ist, wird spielmechanisch meisterhaft umgesetzt.

Da fällt es auch nicht ins Gewicht, dass die Grafik des Spiels in Bereichen wie Charakter-Animationen oder Texturen leichte Schwächen aufweist, das Kampfsystem nicht mit Genre-Konkurrenten wie The Witcher 3 mithalten kann und auch das Menü-Interface mitunter fummelig ausfällt.

Wird dir gefallen, wenn du auf Rollenspiele mit einer starken Story stehst, in dem sich deine Entscheidungen direkt auf die Spielwelt auswirken.

Wird dir nicht gefallen, wenn du ungern Zeit mit Dialogen verbringst und das Kampfsystem für dich das wichtigste Feature ist.

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