Watch Dogs Test: Der zweite Teil wird großartig!

Thomas Goik 40

„Zwei Monate reichen, um Los Santos zu besuchen“, hieß es in einem Promo-Statement für Watch_Dogs, noch bevor Ubisoft das Spiel vom geplanten November-Release auf 2014 verschieben musste. Jetzt – acht Monate nach unserem Besuch in Los Santos – will Watch_Dogs auch ein paar Bytes vom digitalen Open-World-Kuchen abhaben. Lohnt sich der Hacking-Trip nach Chicago? Und: Wie viele Wochen solltet ihr buchen?

Das ctOS mag für uns normal-denkende Menschen nach einer absolut bescheuerten Idee klingen, für das Spiel Watch_Dogs liefert es aber eine sehr interessante Prämisse: Die gesamte Stadt Chicago wird durch ein Betriebssystem gesteuert und überwacht. Ampelschaltungen, Brücken, Kameras, Stromkästen, elektronische Tore, Smartphones – alles unter Kontrolle des ctOS. Wenn dann die Fernbedienung zu diesem maschinellen Machtkomplex in die falschen Hände gerät, brennt die Stadt. Oder ein paar ahnungslose Passanten verlieren ihr hart verdientes Geld und Verbrecher werden, noch bevor sie ihre Tat begangen haben, gestellt. Diese Fernbedienung ist nämlich das Telefon unseres Helden Aiden Pearce, wir haben die Macht über Chicago.

Watch Dogs - Video-Test.
Aber natürlich nicht von Anfang an. Wer ein echter Hacker werden will, der muss erst mal ein Familien-Drama hinter sich bringen und möglichst krampfhaft versuchen, so wie Batman zu klingen. Zumindest scheint das die Ansicht von Ubisoft zu sein, denn Protagonist Aiden Pearce muss bei seinem Werdegang zum Super-Hacker eine sehr vorhersehbare, weil schon tausend-mal-dagewesene Geschichte durchleben. Da wird zu Beginn seine Nichte umgebracht, weil er in zwielichtige Machenschaften verwickelt wurde. Den Mörder stellt Pearce gleich zu Beginn des Spiels, aber die wahren Fädenzieher hinter der Aktion zu finden, das ist sein von Rache getriebenes Ziel in Watch_Dogs.

Charakterschwäche

Gegen so eine gute Rache-Story ist per se nichts einzuwenden, leider haben es die Story-Schreiber von Watch_Dogs verpasst, ihre recht traditionelle Geschichte mit interessanten Charakteren zu füllen. Aiden und seine Familie bleiben blasse Abziehbilder, über die man kaum etwas erfährt, was eine emotionale Bindung schlicht unmöglich macht. Seinen Hacker-Kollegen ergeht es da etwas besser, obwohl gerade die Entwicklung von Dedsec-Mitglied Clara und ihre Rolle im Spiel gern als misslungen bezeichnet werden darf. Wer eine starke Frauenrolle in Watch_Dogs sucht, wird nicht fündig.

Highlight bleibt da Jordi, Mitglied der Söldnergeneration Fixer und generell verrückter Typ, der ein wenig Charisma und Witz in die sich sonst so ernst nehmende Geschichte bringt. Auch interessant: Aidens Gegenspieler „Lucky“ Quinn, über den ich an der Stelle nicht zu viel verraten will.

Eine spannende, gar originelle Geschichte darf man von Watch_Dogs also nicht erwarten. Und ein gutes Spiel? Auf den ersten Blick sieht Watch_Dogs aus wie ein typisches GTA, nur eben mit Hacking-Fähigkeiten. Bis zu einem bestimmten Punkt stimmt diese oberflächliche Ersteinschätzung: Auch in Watch_Dogs werden Autos geklaut, wird gerast und geschossen, geklaut und gemordet. Darüber hinaus fühlt sich Ubisofts Spiel gewordenes Statement gegen übereifrige  Überwachungsmechanismen aber doch ganz anders an, vor allem in den Missionen des Story-Modus.

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Watch Dogs
Splinter Cell(phone)

Statt mit Finger am Abzug blindlings den mit Feinden gefüllten Gebäudekomplex vor mir zu stürmen, gehe ich erst einmal in Deckung, erspähe die nächstbeste Kamera und hacke mich in die Linse selbiger. Jetzt kundschafte ich die Gegend aus, markiere Feinde, beobachte Patrouillen und plane meinen nächsten Schritt. Oft ermöglicht mir Watch_Dogs ein Vorankommen auch ohne großes Feuergefecht, dann schleiche ich mich von Deckung zu Deckung, lenke via Hacking Wachen mit Explosionen oder Störgeräuschen ab und schalte sie anschließend mit schallgedämpfter Pistole aus. Ein besseres Geheimagenten-Gefühl gab mir auch das letzte Splinter Cell nicht.

Gerade die Hacking-Fähigkeiten machen sich hier bemerkbar. Mein Favorit: Der Blackout. Aiden kann via Knopfdruck den Strom im gesamten Straßenblock ausschalten und seine Kontrahenten so für kurze Zeit blind machen. Wenn dann ein gut geplanter Zug funktioniert, Wachen und Zielperson in Windeseile von mir ausgeschaltet werden und ich schon drei Blöcke weiter weg bin, wenn die Lichter wieder angehen, dann ist das einfach nur ein cooles Gefühl.

Und falls man mich doch bei frischer Tat ertappt, startet eben eine rasante Verfolgungsjagd durch die Straßen von Chicago. Dann hebe ich Brücken, bringe Kanalisationsdeckel zur Explosion oder verursache Unfälle durch verrückt spielende Ampelschaltungen. Gerade zu Beginn des Spiels können vor allem Verfolgungsjagden mit der Polizei schnell frusten, da Aiden einfach noch nicht so viele Fähigkeiten besitzt, um die Gesetzeshüter abzuhängen. Mit der Zeit und vor allem mit mehr Skillpunkten ändert sich das aber schnell, dann hängt man mit Leichtigkeit auch hartnäckige Verfolger ab.

Watch Dogs
Spinnen-Roboter? Natürlich!

In diesen, einerseits geplant kalkulierten und andererseits spontan hitzigen, Momenten ist Watch_Dogs am besten. Dann ist auch nicht mehr viel übrig vom GTA-Vergleich. Leider traut sich Watch_Dogs trotz diesem soliden Gameplay-Grundgerüst nur wenig in seinen Missionen. Meist liegt vor mir nur irgendeine Industrieanlage oder ein Gebäudekomplex, in dem ich ein bestimmtes Ziel erreichen muss. Höhepunkte in Form von großartig inszenierten Setpieces gibt es so gut wie gar nicht. Man besucht zwar ein paar coole Locations bei seiner Reise durch den kriminellen Untergrund von Chicago, nur wird davon am Ende wenig hängen bleiben. Auch hier bricht der GTA-Vergleich, denn da hat Rockstar einfach mal deutlich mehr zu bieten.

Abseits der Story gibt es unglaublich viel zu tun. Nebenmissionen, Minispiele oder einfach nur die alltägliche Verbrecherjagd, um das Gewissen zu reinigen, nachdem man die Konten zahlreicher Bürger via Hacking geplündert hat – arbeitslos wird man in diesem Chicago sicher nicht. Aber nur ein Teil dieser Tätigkeiten ist meine Zeit wert: etwa die grandiosen Digital-Trips, also Drogen-induzierte Halluzinationen, die eigene kleine Spiele darstellen. Mit riesiger Roboterspinne alles und jeden in Kleinholz verwandeln? Bitte gerne! In einer leeren, dunklen Stadt Wachen ausweichen, die statt Köpfen Kameras haben? Cool! Sogar Skillbäume hat Ubisoft extra für diese Spiele im Spiel angefertigt, so dass da sogar Langzeitmotivation hinter steckt. Diese kleine Prise Saint’s Row steht auch Watch_Dogs sehr gut.

Watch Dogs
Mängel im Detail

Weniger spannend empfand ich die „normalen“ Nebenmissionen, in denen ich etwa Autos klauen und an eine bestimmte Stelle liefern muss, ohne von der Polizei entdeckt zu werden. Oder ich lenke die Aufmerksamkeit der Ordnungshüter auf mich, um an anderer Stelle meinen Kunden einen Coup zu ermöglichen. All das sind weniger spektakuläre Variationen von Hauptmissionen, die nach ein paar Anläufen einfach nur ermüden. Dann doch lieber wieder durch die Stadt spazieren und Passanten hacken.

Das ist es auch, was die Bewohner Chicagos lebendig wirken lässt: Für jeden NPC gibt es einen kleinen Eintrag mit Informationen zur Tätigkeit, Vergangenheit oder dem Einkommen. Manchmal lassen sich Chat-Verläufe beobachten oder Telefon-Gespräche belauschen. Trotzdem wirkt Chicago im Vergleich mit der Open World-Konkurrenz von Rockstars Los Santos nur wie ein kleines Dörfchen. Denn wo ich in GTA 5 auch nach 50 Stunden Spielzeit immer wieder neue kleine Details entdecke, zerbricht bei Watch_Dogs die Fassade der vermeintlich detaillierten Welt mit zunehmender Spielzeit.

Dann fallen die zahlreichen Detailmängel auf – etwa das Fehlen dynamischer Schatten, in der Luft schwebende Gegenstände, unsichtbare Wände, Polizisten, die nie versuchen zu verhaften, sondern immer nur drauf los ballern, falsche Reflektionen im Glas, die fehlende Fähigkeit, beim Fahren zu schießen, zahlreiche KI- und Physik-Fehler – die Liste geht weiter. Im Einzelnen wären das maximal kleine Schönheitsfehler, zusammen kratzen sie aber ordentlich an der Atmosphäre von Watch_Dogs.

Natürlich ist der Vergleich mit GTA 5 in gewisser Hinsicht unfair, denn Rockstar konnte auf ein wesentlich größeres Budget zugreifen. Nur haben sie mit Los Santos auch eine deutlich größere und trotzdem detailliertere Welt erschaffen. Selbst ohne den Vergleich zum letzten Grand Theft Auto fallen die vielen kleinen Ecken und Kanten in Watch_Dogs auf. Den Spielspaß trübt das natürlich nur bedingt – an den Spielmechaniken ändert es schließlich wenig – nur die versprochene Next-Gen-Erfahrung ist Ubisofts neuester Streich eben nicht. Was nicht heißen soll, dass Watch_Dogs ein schlecht aussehendes Spiel ist, im Gegenteil: Gerade wenn bei Nacht die von Regen benetzten Straßen durch die Lichter der Stadt erhellt werden und man wie im Rausch durch die Häuserschluchten Chicagos rast, ist dieses Spiel wirklich hübsch anzusehen.

Watch Dogs Character Trailer.
Multiplayer a la Dark Souls

Ein Lob gebührt Watch_Dogs für seine Multiplayer-Anbindung. Statt in einem gesonderten Modus finden Mehrspieler-Partien hier während eurer Singleplayer-Sessions statt und werden on-the-fly über die Stadtkarte gestartet – oder ihr werdet im Dark-Souls-Stil unfreiwillig zu einem Face Off gezwungen. So kann es etwa passieren, dass ihr von einem anderen Spieler gehackt werdet. Der taucht dann in eurer Spielwelt auf und will euch wertvolle Daten klauen – ihr müsst ihn in einem knappen Zeitfenster finden und ausschalten. Dadurch entstehen sehr unterhaltsame Katz & Maus-Spiele, in denen derjenige die Oberhand gewinnt, der die Mechaniken von Watch_Dogs am besten beherrscht. Da wird sich im ausgeschalteten Auto versteckt, via Kameras der Feind ausgespäht oder in die Luft geschossen, um Zivilisten zu vertreiben und den Täter zu enttarnen.

Auch die Online-Rennen bekommen durch Watch_Dogs integrierte Hacking-Mechanik einen Twist. Kontrahenten können via Hacking aktivierter Hindernisse aus dem Weg geräumt werden. Wer sich da an das sehr gute Split/Second erinnert fühlt, liegt gar nicht so weit weg vom Spielgefühl der Multiplayer-Rennen, auch wenn die zuschaltbaren Hindernisse stark von der ausgewählten Rennstrecke abhängen. Im Decryption-Modus müsst ihr in einer kleinen Gruppe eine Datei finden und dekodieren. Das gegnerische Team kann sie via Hacking stehlen. Nett, mehr aber auch nicht. Gleiches gilt für das asynchrone Spielerlebnis des Tablet-Modus. Ein Spieler fährt durch verschiedene Checkpoints, während ein anderer via Mobilgerät und separater App Polizisten auf euch hetzt und Hindernisse auslöst.

Watch_Dogs ist für zahlreiche Plattformen erhältlich. Wir haben auf dem PC getestet, konnten aber auch PlayStation 4- und Xbox 360-Versionen anspielen. Auf dem PC leidet Watch_Dogs unter Performance-Problemen, selbst wenn man die optimalen System-Anforderungen erfüllt. Gerade auf AMD-Grafikkarten kommt es bei vielen Spielern zu Problemen, aber auch meine Nvidia-Karte ermöglichte kein durchgängig flüssiges Spielerlebnis - Ruckler und Stotterer gehören zum Alltag in Chicago dazu. Auf der PlayStation 4 ist die Performance konstant, das Spiel sieht aber deutlich unschärfer aus, als auf dem PC - die Unterschiede in Textur- und Effektqualität fallen nur bedingt auf. Die Last-Gen-Version der Xbox 360 macht grafisch nur wenig her: Chicago wirkt bisweilen wie eine Geisterstadt, weil es kaum Passanten oder NPC-Fahrzeuge gibt. Pop-ins sind noch stärker als bei den Next Gen-Versionen und die Bildrate ist gerade bei actionreichen Szenen sehr instabil. Wenn ihr die Wahl habt, solltet ihr also unbedingt zur PS4/Xbox One- oder PC-Version greifen.

Watch Dogs 9 min Multiplayer.
Fazit
:

In seinen besten Momenten will ich Watch_Dogs lieben – für seine coole Stealth-Action, für seine Hacking-Mechaniken, für seine Multiplayer-Integration, für seine Minispiele in Form der Digital Trips und natürlich für den Charakter Jordi. In seinen schlechtesten Momenten ist Watch_Dogs allerdings nicht mehr als ein durchschnittliches Fahr- und Ballerspiel, das Großes versucht, mit seinen Ambitionen aber im Detail scheitert und sich nicht gut zu erzählen weiß.

Wenn ihr also den Flug nach Chicago buchen wollt, dann rechnet mit einem kurzen Aufenthalt. Das Urlaubs-Resort befindet sich noch im Aufbau, ich könnte mir also vorstellen, dass die nächste Saison richtig gut wird. Watch_Dogs 2? Ja, bitte!

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