Warum We Happy Few euch (noch) nicht glücklich machen wird

Kristin Knillmann 9

Dem Hype zu We Happy Few, der durch die spannende Thematik und den Bioshock-artigen Look entstanden ist, bin ich immer schon skeptisch begegnet. Schließlich hatte ich dem ersten Spiel von Entwicklerstudio Compulsion Games namens Contrast damals bei der GameStar nur 54 Punkte geben können, weil es trotz schöner Ideen zu flach blieb und sich einfach nicht gut spielte. Contrast nutzte sein großes Potential nicht aus – eine Sorge, die sich auch bei We Happy Few schnell breit machte. Würde es das kleine Studio schaffen, die alten Fehler großflächig zu umgehen, um diesmal aus einem vielversprechenden Konzept einen Indie-Hit zu machen?

We Happy Few - Erster Eindruck.

We Happy Few im ersten Eindruck

We Happy Few ist eine Mischung aus Survival, Rollenspiel-Elementen und Adventure und seit wenigen Tagen in der Early-Access-Version für Xbox One und via Steam für PC erhältlich. Ich möchte euch meinen Eindruck aus der ersten Spielstunde schildern und euch erklären, warum ich glaube, dass ihr mit dem Kauf warten solltet, bis We Happy Few vollständig fertig ist.

Den Anfang des Spiels kennt ihr schon aus dem Gameplay-Video der E3: Spielfigur Arthur Hasting sitzt an seinem Schreibtisch und zensiert alte Zeitungsartikel - warum und wieso, das ist zu diesem Zeitpunkt unklar. Die anschließende Sequenz spielt sich wie ein Adventure-Game: Arthur läuft durch die Firma, interagiert mit Objekten, findet Zettel mit Story-Fetzen… und trifft am Ende auf seine Kollegen, die ihn überraschend schnell als Downer identifizieren. Downer sind in der Welt von We Happy Few all diejenigen, die – aus welchen Gründen auch immer – ihre Portion der Droge Joy nicht genommen haben. Joy sorgt entsprechend des Namens nämlich dafür, immer glücklich zu sein, die Welt mit fröhlichen Augen zu sehen und bloß nichts zu hinterfragen. Diese Adventure-Sequenz, von der in der Early-Access-Version derzeit nur eine einzige existiert, ist die bisherige Stärke von We Happy Few. Arthur ist mit einem coolen britisch-englischen Akzent vertont worden, dem man gerne zuhört; und auch sonst wirken Story und Setting in diesen 15 Minuten recht stark.

Systemanforderungen für We Happy Few

Genre-Mix, der (noch) nicht aufgeht

Und dann kommt der Schnitt: Mit Arthur laufen wir vor den Polizisten weg, die uns verfolgen, und landen in der Gegend außerhalb unserer pseudo-schicken Bürowelt. Hier vermischen sich all die Genres, die wir nach den ersten Trailern zum Spiel nicht vermutet hätten: ein bisschen Survival, ein bisschen Abenteuer, ein bisschen Rollenspiel-Kram in Form von Quests. Das Ganze gespickt mit einer Permadeath-Mechanik, die euch mit einer Nahtod-Erfahrung noch die frustfreie Möglichkeit auf Erlösung lässt. Die braucht We Happy Few auch dringend, da der Tod aka. Neustart aufgrund der Adventure-Sequenzen und des Quest-Systems sehr unangenehm ist. Während andere Survival-Games euch die Option auf unterschiedliche Herangehensweisen lassen und so ständig andere Blickwinkel bieten, leitet euch We Happy Few in der aktuellen Version starr entlang seiner immerhin charmanten Aufgaben. Das ist ein bis zwei Runden lang nett, wenn wir noch nicht wissen, was passiert, danach aber nur noch ätzend repetitiv. Ich mein, es ist schön, dass Compulsion versucht, Genres kreativ miteinander zu mischen. Doof nur, wenn die einzelnen Aspekte nicht gut ineinandergreifen und sich gegenseitig eliminieren.

WeHappyFew_06

Während das Spielprinzip einen grundlegenden Kern von We Happy Few ausmacht, der bis zum Release nur schwer zu verbessern sein wird, so gibt es auch kleine bis große Wunden, denen in den folgenden Monaten hoffentlich ein dringend notwendiges Pflaster verpasst wird. Nein, ich rede dabei nicht von absolut verständlichen Bugs einer frühen Spielversion, sondern von wichtigen Elementen, die mir in der Early-Access-Version den Spaß schneller genommen haben als mir lieb war.

Folgende Geschichte: Ich laufe also durch diese recht trist mit Häusern und Pflanzen bestückte Oberwelt, die mehr an Fable als an BioShock erinnert, und bin auf der Suche nach Wasser, Essen und Schlafmöglichkeiten, um zu überleben. Auf meinem Weg sehe ich etwa 90 Prozent dunkle Gebäude, mit denen ich nicht interagieren kann, sowie hier und da ein einzelnes Haus, das mit seiner Beleuchtung schon von Weitem schreit „Hallo! Hier! Ich! Ich habe ein Bett und wertvolles Loot für dich!“ Mal ehrlich: 2007 hat angerufen, es möchte seine Holzhammer-Methode zurück.

In meiner Spielzeit begegnete ich zu vielen dieser Elemente, und stolperte konstant über nicht nur die gleichen Assets sondern direkt ganzen Kopien von immer exakt gleich aussehenden Häusern und Menschen. Ich will nicht sagen, dass das nicht auch spannend sein kann, wenn es Teil einer absurden Klon-Geschichte eines gut geschriebenen Adventures ist. In Verbindung mit dem Survival-lastigen Gameplay, das mir ständig abverlangt, meine bislang unspannend wirkende Umwelt nach Gegenständen oder Lore-Zettelchen abzusuchen, ist das aber mehr anstrengend als unterhaltsam.

Bilderstrecke starten
15 Bilder
13 Spiele der E3 2018, die schon in diesem Jahr erscheinen.

Mein erster Eindruck zu We Happy Few

We Happy Few ist noch nicht fertig, und das merkt man: Die Mischung der Elemente steht sich selbst im Weg, statt das Spiel auf eine ungeahnte Ebene zu heben. Was mit den Adventure-Passagen und einer hervorragenden Vertonung startet, endet in undurchdachten Survival-Quests, die noch nicht genug motivieren. Die flache Komplexität der Überlebensstrategien und die fehlende Abwechslung der zu navigierenden Welt machen es mir derzeit unsagbar schwer, Freude an der eigentlich so schönen Spiel- und Story-Idee zu finden, die Compulsion Games angedeutet hat.

We Happy Few hat natürlich noch eine gewisse Entwicklungszeit vor sich, um die aktuellen Schwierigkeiten zu beheben und die scheinbar doch sehr wichtigen Story-Sequenzen zu implementieren, die dann hoffentlich alles sinnvoll zusammenführen. Dass der Titel aber nur wenig eigene Fehler macht, sondern die komplette Bandbreite der Probleme (und guten Aspekte) des ersten Compulsion-Spiels Contrast fast identisch wiederholt, ist leider ein ziemlich kritischer Punkt. Im Grunde spricht es nämlich dafür, dass das Studio zwar ambitionierte Pläne hat, aber nicht aus seinen Fehlern lernt. Contrast hatte viele gute Ideen, scheiterte aber an seiner Umsetzung. Die Chance, dass We Happy Few das gleiche Schicksal ereilt, scheint mir - ganz entsprechend meiner anfänglichen Skepsis - ziemlich hoch. Und das wäre, mal wieder, echt schade. Der finale Release-Termin von We Happy Few ist noch weit entfernt. Wenn ihr trotz der Kritik an das Projekt glaubt, könnt ihr es aktuell auf Steam für PC oder für die Xbox One in der Early-Access-Phase erwerben, um die Entwicklung zu unterstützen.

We Happy Few
Entwickler: Compulsion Games
Preis: 59,99 €

Zu den Kommentaren

Kommentare zu diesem Artikel

Weitere Themen

Neue Artikel von GIGA GAMES

* Werbung