Wolfenstein 2 - The New Colossus: Dystopie vs. Realität (Kolumne)

Alexander Gehlsdorf

Wolfenstein 2: The New Colossus spielt in einem dystopischen Paralleluniversum, in dem Rassismus und Nationalismus die Welt erobert haben, auch die USA. Aber so weit von der Realität ist das gar nicht entfernt.

Wolfenstein 2 - The New Colossus - Launch Trailer.

Eigentlich sollte diese Kolumne ja den Titel „Das richtige Spiel zur richtigen Zeit“ tragen. Das ist Wolfenstein 2: The New Colossus zwar auch, allerdings hatte ich eben jene Überschrift kurz zuvor bereits für meinen Test zu The Inner World: Der letzte Windmönch benutzt. Und tatsächlich sind sich beide Spiele thematisch auch nicht unähnlich, behandeln sie doch rechte Unrechts-Regime, die sich deutlich an den deutschen Nationalsozialisten der dreißiger und vierziger Jahre orientieren.

Der Unterschied besteht aber darin, dass Der letzte Windmönch durchaus als Hyperbel deutscher Geschichte zu verstehen ist. Geschichtsverdrehung, Propaganda, Dolchstoßlegende — Dinge die die Machtergreifung überhaupt erst möglich gemacht haben und die angesichts der Ergebnisse der letzten Bundestagswahl offenbar dringend wieder ins Gedächtnis gerückt werden müssen. Eine Mahnung. Wolfenstein 2: The New Colossus hingegen ist keine Mahnung, sondern hochaktuelle Satire der Gegenwart. Das ungeschminkte Spiegelbild der Vereinigten Staaten von Amerika.

Ein kurzer persönlicher Exkurs: 2007, auf der Höhe der Bush-Ära, habe ich ein Austauschjahr in den Vereinigten Staaten verbracht. Obama begann damals medial die ersten tragkräftigen Wellen zu schlagen und ich bekam ein Gefühl dafür, wie stark rassistische Ressentiments noch immer im amerikanischen Alltag verankert sind. Schwarze sind kriminell und aufmüpfig, auch wer in den USA nicht daran glaubt, kennt doch zumindest die weit verbreiteten Vorurteile.

Wer in Wolfenstein 2: The New Colossus die Augen aufhält, wird auch dafür belohnt:

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Wolfenstein 2: Alle Sammelobjekte - Fundorte im Video (Gold, Starkarten, Concept Art, Spielzeug, Schallplatten).

Dazu kamen diverse nationalistische Eigenarten, die auf mich als Deutschen einen durchaus suspekten Eindruck machten. Dazu gehörte neben dem Helden-Kult, der um das Militär betrieben wurde vor allem die regelmäßige Pledge of Allegiance, dern Fahneneid, bei dem Schulkinder der Flagge der Vereinigten Staaten ihre Treue schwören(!). Als Deutscher, dem kategorisch beigebracht wurde, dass Faschismus und Nationalismus böse sind und dem sich Tucholsky-Zitate wie  „Soldaten sind Mörder“ im Gedächtnis festgesetzt haben, hatte mich insbesondere die Selbstverständlichkeit und Normalität dieser Rituale irritiert. Diese Erkenntnis habe ich für mich zurück nach Deutschland genommen: Die USA hat ein Problem mit Nationalismus— und hinterfragt es nicht.

Zeitsprung, neun Jahre später: Trump gewinnt die Präsidentschaftswahl, Muslime erhalten Reiseverbote, mit Steve Bannon zieht ein bekennender White Supremacist ins Weiße Haus ein, Neo-Nazis ziehen mit Fackeln durch Charlottesville, eine Gegendemonstrantin wird bei einem Anschlag getötet — wer in den letzten zwölf Monaten die Nachrichten verfolgt hat, kennt die Vorfälle und Zusammenhänge. Und ausgerechnet jetzt erscheint mit Wolfenstein 2: The New Colossus ein Spiel, in dem genau dieser Ernstfall thematisiert wird.

Das war zugegeben nicht immer so. Mit der Arbeit am New Order-Nachfolger wurde bereits 2014 begonnen, also lange bevor Trump überhaupt seine Kandidatur bekannt gab. Der politische Wandel und die daraus resultierende Brisanz des Spiels waren so gesehen also reiner Zufall. Dennoch haben die Entwickler und Autoren den Zeitgeist erkannt und keine Konfrontation gescheut — im Gegenteil. So geriet etwa die Twitter-Werbekampagne des Spiels ins Visier der amerikanischen Rechten, als das Spiel mit Slogans wie „If you are a Nazi GTFO“, „There is only one side“, „These are not ‚fine people’“ oder „Make Amerikca Nazi-Free again“ beworben wurde. Die Kampagne zitierte in den kurzen Spots mal direkt, mal indirekt Präsident Trump, der die Ausschreitungen der Neo-Nazis in Charlottesville anschließend zu relativieren versuchte.

Die Folge war abzusehen: Die amerikanischen Neo-Nazis, die selbsternannte „Alt-Right“, liefen Sturm gegen Bethesdas Spiel und drohten mit Boykott. Es ist das Jahr 2017 und Nazis als Videospielgegner sind plötzlich zu einem kontroversen Thema geworden. Die Marketing-Kampagne war jedoch nicht das einzige Mittel, mit dem Bethesda einen Bezug zu den aktuellen Ereignissen herstellen konnte. So nutzt das Spiel unter anderem die zahlreichen Zeitungsausschnitte und Tagebucheinträge, die in den Levels versteckt sind. So nimmt einer etwa Bezug auf eine Nachricht vom November 2016.

Darin heißt es: „Lernt den adretten weißen Nationalisten kennen, der die Trump-Welle reitet“. Wolfenstein persifliert die Überschrift mit „Lernt den adretten jungen KKK-Anführer und seine Botschaft der Hoffnung kennen“. Im Original-Beitrag geht es übrigens um Richard B. Spencer, eben jenen Nationalisten, der den Begriff „Alt-Right“ ursprünglich prägte und dessen Gesicht vor allem durch ein Video Bekanntheit erlangte:

Wolfenstein 2: The New Colossus ist genau das. Ein wohltuender Schlag ins Gesicht der Nazis. Gegebenenfalls auch mit Axt und Maschinengewehr. Das tut gut und macht Spaß. Karthagische Frustverarbeitung in einer verkorksten Realität. Ein hochaktuelles, politisches Spiel — Und ein verdammt Gutes.

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