iPad in der Krise: Die Probleme eines Fünfjährigen (Kommentar)

Sven Kaulfuss 26

Mit fünf Jahren steht das iPad kurz vor der Einschulung. Brillierte der Kleine bisher mit glänzenden Leistungen, so enttäuscht er neuerdings mit rückläufigen Verkaufszahlen seine Eltern. Was sind die Gründe für den Leistungsabfall, wie kann man dem begegnen?

iPad in der Krise: Die Probleme eines Fünfjährigen (Kommentar)
Bildquelle: Lonely boy… von shutterstock.

Am 27. Januar 2010 staunte die Welt im Angesicht des neuen Apple-Sprösslings. Steve Jobs hob das iPad aus der Taufe. Die Kritiker waren recht vorschnell mit ihrem Urteil, sprachen zunächst nur von einem größeren iPod touch und verwehrten der „Touchflunder“ eine erfolgreiche Zukunft. Sie sollten sich irren. Denn auch wenn das Prinzip eines Tablets nicht neu war, so konnte das iPad doch erstmals eine breite Masse ansprechen und sich erfolgreich zwischen Smartphone und Notebook positionieren. Den Vorläufern aus der Windows-Welt war dies bis dato nicht gelungen. Auch begrub das iPad die noch verbliebenen Netbooks in der Versenkung. Diese wurden wenige Jahre zuvor als die Heilsbringer einer neuen mobilen Welt gefeiert.

Und doch wird diese scheinbare nicht enden wollende Erfolgsgeschichte dieser Tage getrübt. Wiederholt muss Apple rückläufige Verkaufszahlen des iPads einräumen – wir berichteten. Zwar wurden in den letzten Monaten noch immer 21,4 Millionen Stück veräußert, allerdings sind dies eben auch 22 Prozent weniger als noch im Vorjahreszeitraum. Ein Alarmsignal, ist der Markt vielleicht gesättigt?

iPad mit sinkenden Absatzzahlen: Die Gründe

Apple selbst führt zwei wesentliche Gründe für dieses Ergebnis an. Einerseits die Kannibalisierung durch das nunmehr größere iPhone 6 beziehungsweise iPhone 6 Plus und die MacBook-Reihe, andererseits die verlangsamte Wechselfrequenz der Kunden. Anwender arbeiten länger mit dem iPad und scheuen den frühen Austausch der iPads. Ein iPhone wird – bedingt durch die Vertragspolitik der Provider – alle zwei Jahre ausgetauscht, ein Mac muss dagegen schon mal fünf Jahre durchhalten. Das iPad positioniert sich auch hier zwischen den beiden Kontrahenten.

Bedingt wird die längere Wechselfrequenz nicht zuletzt auch durch das Nutzungsverhalten der Anwender und die „Innovationsarmut“ seitens Apple – so meine Einschätzung. Ein iPhone dürfte sich in den meisten Fällen wesentlich häufiger in der Hand der Nutzer befinden als ein iPad. Ist also näher am Kunden und orientiert sich am oft wandelnden Zeitgeist. Auch ist die Innovationskurve der iPads wesentlich flacher, grundlegende Änderungen im Design und in der Anwendung gibt es nicht. Warum also ein gut funktionierendes Gerät austauschen?

Apple selbst zeigt sich derzeit wenig beunruhigt. Verweist auf den noch immer dominierenden Anteil bei Neukunden im Tablet-Markt – 50 Prozent der Erstkäufer greifen im „Westen“ zum iPad, in China sind es gar schon 70 Prozent. Ergo: Vor allem die nicht wechselwilligen Bestandskunden Apples sind demnach ein „Problem“. Diese zeigen sich zufrieden mit ihren iPads und nutzen ihr Tablet sechs Mal häufiger als die Kunden mit Konkurrenzmodellen. Nur eben ein Neugerät kaufen sie wohl auch deswegen nicht öfters. Wie man es drehen und wenden mag: Fakt ist, die Verkaufszahlen des iPads sind und bleiben wohl mittelfristig rückläufig, das Mantra des ungehaltenen Wachstums ist gestört. Was also tun?

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9 gute Gründe für das iPad.

Lösungsansätze: Diversifikation und Innovation

Zunächst könnte Apple die Realität anerkennen und den Zyklus der Neuvorstellungen strecken. Eine neue iPad-Generation muss nicht mehr jedes Jahr erscheinen – 18 oder gar 24 Monate sind hierfür mehr als ausreichend. Die Stückzahlen würden zwar per se nicht steigen, aber die Margen. Könnte man doch Entwicklungskosten über einen längeren Zeitraum abschreiben. Aktuell tut man dies schon teilweise, ältere iPads wie das iPad mini, iPad mini 2 und iPad Air sind nach wie vor erhältlich.

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Die Lösung für Apples Problem? Unsere Bildergalerie (einfach darauf klicken) zum iPad Pro.

Der Funktionsumfang müsste wachsen, die Diversifikation vorangetrieben werden. Apple könnte so neue Märkte erschließen. Höchstwahrscheinlich denkt man im Hinblick auf die Gerüchte bezüglich eines iPad Pro (dazugehörige Bilderstrecke zum iPad Pro) schon in diese Richtung. Ein größeres iPad mit einer innovativen und optionalen Stiftbedienung dürfte vor allem kreative Profis und Business-Kunden ansprechen. In dieses Puzzle passt auch die neuerliche Zusammenarbeit Apples mit IBM. Gemeinsam entwickelt man entsprechende Enterprise-Lösungen für das iPad, die so nicht im App Store zu finden sind.

Generell: Innovation ist der Schlüssel für zukünftige Erfolge. Erst wirklich neuartige, für den Kunden sinnvolle Funktionen, werden die Bereitschaft zum früheren Neuerwerb wieder erstarken lassen. Man denke beispielsweise an faltbare Displays, noch stärkere Akkus und andere Visionen in dieser Liga. Pure Zukunftsmusik? Noch, aber Apple möchte ja auch in zwei, drei oder fünf Jahren den Ton angeben. Forschung und Entwicklung sind notwendig. Tim Cook scheint dies schon erkannt zu haben, wurde dieser Bereich doch unter ihm gestärkt mit mehr finanziellen Mitteln bedacht. Die Früchte werden wir aber erst in einiger Zeit genießen können.

Schlusswort

Nein, am Ende ist das iPad noch lange nicht. Im Gegenteil, die derzeitige Absatzflaute sollte und wird Apple nutzen, um das Nutzungskonzept weiterzudenken und weiterzuentwickeln. Auch der Mac durchlief diese Zeiten der Stagnation in seiner über dreißigjährigen Geschichte. Ihn gibt es auch noch heute, immer wieder „neu erfunden“ und dennoch blieb er sich treu. Da kann der kleine Steppke iPad mit seinen fünf Jahren noch was lernen.

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