Meinung: Was iPad Pro, iPhone 6s und Apple TV für Nicht-Fanboys bedeuten

Frank Ritter 28

Auch wenn wir bei GIGA ANDROID einen Fokus auf Produkte haben, die – Überraschung – mit Android laufen, ließ uns die Keynote von Apple nicht kalt. Denn auch wenn es eine unbequeme Wahrheit in unserem „Lager“ sein mag, orientiert sich die Welt der Hardwarehersteller Jahr für Jahr selbstverständlich an Apple – einer Firma, die weiterhin mit wegweisendem Design sowie Hardware- und Software-Innovationen assoziiert wird. Lasst uns also, durchaus kritisch, auf iPhone 6s, iPad Pro und Apple TV blicken – Seitenhiebe und Provokationen sind definitiv beabsichtigt.

Meinung: Was iPad Pro, iPhone 6s und Apple TV für Nicht-Fanboys bedeuten

iPad Pro

Apple positioniert sein neues, größeres iPad Pro deutlich als Produktivgerät. Dafür sprechen die überraschenden Auftritte von Vertretern von Microsoft, die neue Office-Apps und Anwendungen für das Layout von Zeitschriften präsentierten. Dafür spricht Apples neues Keyboard, das stark an das von Microsofts Surface-Tablets erinnert. Dafür spricht das an Windows 8 angelehnte Multitasking-Feature. Und dafür spricht natürlich Apples Stylus Pencil.

Es wäre zu einfach zu sagen, dass Apple hier einfach nur ein „Me Too“-Produkt zum Surface 3 von Microsoft, dem Nvidia Shield Tablet oder Samsung Galaxy NotePRO 12.2 herausgebracht hat. Denn wir können davon ausgehen, dass das Benutzererlebnis auf dem iPad Pro genauso „poliert“ ist, wie man es von den meisten der Produkte aus Cupertino gewohnt ist. Wie wir aus mehr oder weniger leidvoller Erfahrung wissen, ist es nicht leicht, einen Stylus so hinzubekommen, dass er einfach funktioniert. Samsung und Microsoft haben da viel Erfahrung in den letzten Jahren gesammelt — aber das weiß auch Apple und wird entsprechend viel Energie in die Entwicklung des Pencil gesteckt haben.

iPad Pro mit Pencil und Keyboard: Hands-On-Video ansehen.

Wenn die Versprechungen Apples stimmen, wird der Apple Pencil tatsächlich die bisherigen Stylus-Erfahrungen gegenüber Konkurrenzgeräten verbessern – nicht nur in Sachen Funktionalität und Präzision, sondern auch in puncto Input-Lag. Denn bei bisherigen Geräten zogen gemalte Linie häufig stark nach; bei Apple ist das, zumindest den ersten Hands-Ons nach zu urteilen, nicht der Fall. Erstaunlicherweise fehlte in den Demos allerdings Handschrifterkennung, ausgerechnet bei Apple als Pionier dieser Technologie – hier hatte der Konzern mit dem Newton schon in den Neunzigerjahren Pionierarbeit geleistet. Sehr wahrscheinlich wird diese Funktionalität in Apps nachgeliefert, es wäre für ein Produktivgerät aber sinnvoll, diese direkt in den OS-Kern zu integrieren. Als Steve Jobs 2007 seine Schmähmeinung zu Styli zum Besten gab („Yuck!“), nannte er auch einen triftigen Grund dafür: Man verliert die Dinger halt immer. Das ist ein Problem, für das Samsung und Nvidia eine Lösung haben – einen Schacht –, Apple aber nicht.

Sinnvoll, und das sei hier nur am Rande erwähnt, sind die Vier-Wege-Lautsprecher im iPad Pro, die den ausgegebenen Sound jeweils an die Halteposition anpassen –- so kann man sowohl im Landscape- als auch im Portrait-Modus Stereosound genießen. Das darf aus unserer Sicht gerne kopiert werden. In einer Variante mit Frontlautsprechern haben wir das auf der IFA sogar schon gesehen — in Form des Acer Predator 8.

Wenig geben wir auf die Onstage-Schwärmerei der Mehrleistung im iPad Pro gegenüber dem iPad Air – denn diese Mehr an Leistung wird vor allem dafür draufgehen, das Mehr an Pixeln herumzuschubsen.

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9 gute Gründe für das iPad.

Apple TV4

AppleTV4_Gaming

Eine Set-Top-Box mit Apps, Sprachsteuerung, angebunden an eine semantische Suche, mit der man nach Text, Darstellern und dergleichen suchen kann – woohoo! Und oh my, auf dem neuen Apple TV 4 kann man auch ein paar Spiele spielen. Allerdings nur mit einer Fernbedienung, denn einen offiziellen, in allen Apps verwendbaren Game-Controller gibt es nicht. Dafür, als Spielkonsolenhersteller gesehen zu werden, ist sich Apple dann doch zu fein. Wer im iOS-Ökosystem beheimatet ist, mag das neue Apple TV gut finden. Wir kaufen uns lieber ein Fire TV oder einen Nexus Player. Die Dinger können nämlich dasselbe und mehr – für die Hälfte des Geldes.

iPhone 6s und iPhone 6s Plus

iPhone 6s & 6s Plus: Hands-On-Video ansehen.

Wie erwartet hat Apple auch seine neue Smartphone-Generation präsentiert. Optisch gibt’s außer einer neuen, mit Verlaub verdammt hässlichen Rose Gold-Variante nichts Neues beim iPhone 6s und iPhone 6s Plus zu vermelden. Das bedeutet im Vergleich zu Schmalspur-Phablets mit gleich großem Bildschirm (LG G4, OnePlus Two, Huawei Mate S), dass das 6s Plus weiterhin dicke Ränder aufweist, wiewohl es recht schmal ist. Immerhin hat Apple aber Konsequenzen aus dem – natürlich nie öffentlich eingestandenen – Bendgate-Skandal gezogen und das Gehäuse aus 7000er-Aluminium gefertigt. Das ist ultrahart und dürfte dafür sorgen, dass selbst die Hinterteile von Menschen mit kräftiger Statur nicht mehr für bananenförmige Smartphone-Biegungen sorgen, wenn das Gerät in die Gesäßtasche gesteckt und sich versehentlich darauf gesetzt wird. Toll!

Toller wäre es, wenn Apple es endlich geschafft hätte, sozusagen als „One more thing“, den Kameraknubbel an der Rückseite zu entfernen, der selbst „Die Hard“-Fanboys auf die Nerven geht. Immerhin kann die Kamera im iPhone 6s und 6s Plus jetzt Fotos in 12 MP und Videos in 4K aufnehmen. Ob die Qualität des durchschnittlichen iPhone-Shots nun an die auf der Bühne gezeigten Bildern heranreicht, darf bezweifelt werden. Die dort gezeigten Fotos wurden mit Sicherheit von professionellen Fotografen aufgenommen, unter Zuhilfenahme von Stativen, Rigs und anderer Hilfsmittel. Trotzdem darf man getrost davon ausgehen, dass die neue iSight-Cam richtig gut ist. Spannend ist die Frage, ob sie an die der Galaxy S6-Familie und das LG G4 heranreicht. Force Touch, Verzeihung, 3D Touch ist in der Tat ein interessantes Feature im neuen iPhone 6s: ein „Rechtsklick“ mit Kontextaktionen in Kombination mit einer Vorschaufunktion, einfach erreichbar über einen stärkeren Druck auf das Display und tief integriert in das Betriebssystem. Das mag weniger revolutionär denn ein sinnvolles Poweruser-Feature sein – aber eines, dass sicher jede Menge „Me-too“-Produkte provozieren wird. Mit dem Mate S in der 128 GB-Version hat Huawei ein solches bereits vor der iPhone-Ankündigung gezeigt, das aber mutmaßlich nicht so gut funktionieren wird, auch wenn die Implementationen dort sich aber bald verbessern dürften.

iPad mini 4

War da was?

Fazit

In Sachen Spezifikationen gibt es genug Geräte, die das iPhone überflügeln, in Sachen Hard- und Softwarekohärenz kein einziges. Das iPad Pro ist groß und hat einen interessanten Stylus, auf dessen Technik und Alltagsnutzen wir gespannt sind. Apple hat neue Produkte vorgestellt, die schon deshalb spannend sind, weil sie weiterhin als Benchmark in der Industrie gelten werden.

Interessant waren die Omissionen, also die nicht genannten Details: Während sich Phil Schiller zu einer lehrbuchhaften Layman-Erklärung dazu hinreißen ließ, wie der 12 MP-Sensor im neuen iPhone nun in der Lage sei, Bildrauschen zu reduzieren, wurden Fakten wie die zum verbauten (iPhone 6s Plus) beziehungsweise nicht verbauten (iPhone 6s) optischen Bildstabilisator einfach ausgelassen, die Anzahl der CPU-Kerne und Taktraten sowie des Arbeitsspeichers in den neuen iDevices verschwiegen. Ebenfalls nicht erwähnt wurde die Tatsache, dass der neue, für 3D Touch notwendige Vibrationsmotor offenbar eine Verkleinerung des ohnehin schon spärlichen Akkus erfordert. Warum diese Geheimniskrämerei? Hinter dem Feigenblatt-Argument „It just works“ verbergen sich wohl auch einige Ängste Apples, dass die eigene Hardware im Spezifikationsvergleich hinter denen der Konkurrenz zu stark zurückfällt. Werden sich iPhone 6s und iPad Pro trotzdem verkaufen wie geschnitten Brot? Na logo.

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